Wirtschaft
Mitte 2014 will die BaFin als Aufsichtsbehörde eine Beispielrechnung der Lebensversicherer.
Mitte 2014 will die BaFin als Aufsichtsbehörde eine Beispielrechnung der Lebensversicherer.(Foto: picture alliance / dpa)

Kapitalbedarf in Milliardenhöhe: Versicherer müssen Polster aufbauen

Kunden sollen künftig besser vor Pleiten von Versicherern geschützt werden. Nach langen Verhandlungen stehen die neuen Kapitalvorschriften auf EU-Ebene. Assekuranzen müssen riskante Investitionen ab 2016 mit mehr Eigenkapital absichern

Nach jahrelangem Tauziehen hat die EU neue Kapitalvorschriften für die Versicherungsbranche festgezurrt. 2016 soll das Regelwerk Solvency II in Kraft treten. Mit ihm müssen Versicherer ihre Anlagen stärker am Risiko ausrichten und insgesamt mehr Kapital vorhalten. Aufseher rechnen allein in Deutschland mit einem milliardenschweren Kapitalbedarf. Der Zeitplan ist nach Einschätzung der Branche auf Kante genäht. Für viele Versicherer stehe der Großteil der Vorbereitung noch bevor. Die EU-Aufsichtsbehörde EIOPA und die deutsche Finanzaufsicht BaFin signalisierten, in der Anlaufphase vor allem bei kleinen Unternehmen ein Auge zuzudrücken.

"Solvency II wird die risikogerechte Kapitalunterlegung bei Versicherungen sicherstellen", sagte der Berichterstatter im EU-Parlament, Burkhard Balz von der CDU. Damit sollen die Kunden besser vor Verlusten geschützt werden. Der oberste Assekuranzaufseher der BaFin, Felix Hufeld, sagte in Bonn, die deutschen Lebensversicherer müssten nun ihr Kapital in den nächsten Jahren voraussichtlich um insgesamt drei bis fünf Milliarden Euro pro Jahr aufstocken.

Branche weicht Regeln auf

Die EU war im Oktober - in letzter Minute - Forderungen der Branche aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland entgegengekommen und hatte die Vorschläge der EIOPA für das neue Regelwerk abgeschwächt. Die deutschen Versicherer hatten vor allem um die Zukunft der Lebensversicherung gebangt, weil ihre langfristigen Kapitalanlagen nach Solvency II zu Marktwerten bilanziert werden müssen - das führt zu größeren Ausschlägen und damit einem tendenziell höheren Kapitalbedarf.

Die EU gesteht der Branche nun zu, dass sie 16 Jahre statt wie von der EIOPA geplant 7 Jahre Zeit bekommt, um ihre bestehenden Kapitalanlagen auf das neue System umzustellen. Die Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses im EU-Parlament, Sharon Bowles, nannte den Kompromiss "gut für die EU und die Versicherer". EIOPA-Chef Gabriel Bernardino sagte in Bonn, die kleinen Änderungen änderten nichts an den "fundamentalen, gesunden Prinzipien" von Solvency II.

Allianz-Vorstand Maximilian Zimmerer fürchtet Nachteile für Investitionen in Infrastruktur: Die Politik setzt etwa bei der Energiewende zwar auf die Versicherer, Solvency II verlangt aber hohe Kapitalpolster für Anlagen in Infrastruktur und Immobilien. "Solche Assetklassen werden etwas stiefmütterlich behandelt. Versicherer werden da weniger investieren", kritisierte der Kapitalmarkt-Vorstand. Der Münchener Konzern werde seine Anlagestrategie aber nur geringfügig ändern müssen.   

BaFin will Beispielrechnung bis Sommer 2014

Hochrangige Experten hatten sich für eine Verschiebung der Einführung von Solvency II um ein weiteres Jahr ausgesprochen. Dabei hätten die Regeln eigentlich schon 2012 in Kraft treten sollen. Immer neue Studien über die Auswirkungen hatten den Zeitplan ins Rutschen gebracht. Bis 2016 müssen auf nationaler und europäischer Ebene noch viele Details festgelegt werden. Das EU-Parlament dürfte im Februar über Solvency II abstimmen, Mitte 2014 will die EU-Kommission Vorschläge zur konkreten Ausgestaltung machen, bis Anfang 2015 soll das Regelwerk in nationales Recht umgesetzt sein.

Große Versicherer wie Allianz, Aviva, Axa und Generali haben bereits Millionen in die Vorbereitung auf das neue Regelwerk investiert. Der Chef des britischen Versicherers Prudential, Tidjane Thiam, zeigte sich zufrieden. Solvency II sei nicht mehr so prozyklisch wie befürchtet. Andernfalls hätte der Konzern über einen Umzug nach außerhalb Europas nachdenken müssen.

Allianz-Vorstand Zimmerer sagte, eine Einführung 2016 sei machbar, auch wenn kleinere Versicherer noch nicht so gut auf Solvency II vorbereitet seien. EIOPA und BaFin wollen diesen entgegenkommen. "In den ersten ein bis zwei Jahren werden die Daten nicht perfekt sein. Wir wissen das", sagte EIOPA-Chef Gabriel Bernardino. Hufeld will von den mehr als 90 deutschen Lebensversicherern im Sommer 2014 eine Beispielrechnung haben, wie sie Anfang 2016 unter Solvency II dastünden.

Quelle: n-tv.de

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