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Riskante Staatpapiere und Unternehmensanleihen sollen die Renditen zumindest stabil halten.
Riskante Staatpapiere und Unternehmensanleihen sollen die Renditen zumindest stabil halten.(Foto: picture alliance / dpa)

Ende der Sicherheit: Versicherer sind zum Risiko gezwungen

Für die Assekuranzen sind die Versprechen der Vergangenheit eine Last: Die zugesicherten Renditen lassen sich kaum noch erwirtschaften. Angesichts historisch niedriger Zinsen stellt sich die Frage nach alternativen Anlagen. Und die sind zum Teil nicht nur oftmals unbekanntes Gelände, sondern zumeist auch ein Wagnis.

Früher war die Welt für die Versicherer noch in Ordnung: Wer seinen Kunden eine Lebensversicherung verkaufte und über Jahrzehnte mindestens vier Prozent Zinsen versprach, der konnte das auch liefern. Und zwar mit grundsoliden Anlagen. Doch inzwischen ist das anders. Die Druckerpressen der Notenbanken, die Zinsflaute und die Euro-Schuldenkrise haben die Kalkulationen zunichte gemacht. Will die Branche halten, was sie einst zugesagt hat, muss sie mehr Geld in riskantere Anlagen stecken. Denn in kaum einem anderen Land hat sie sich mit Zinsgarantie-Versprechen so in die Enge manövriert wie hier.

Die Umschichtungen sind massiv: Versicherer und Pensionskassen greifen zu höherverzinslichen Anleihen, steigen in die Kreditvergabe ein oder engagieren sich als Immobilieninvestoren. Die ersten Branchenexperten schlagen bereits Alarm. Denn vielerorts baut die Assekuranz ihre Expertise für sogenannte Alternative Investments gerade erst auf - und ist deshalb anfällig für Fehler. Zudem steigen die Anlage-Risiken.

Niedrige Aktienquote

Daten der Frankfurter Fondsgesellschaft Universal-Investment, die der Nachrichtenagentur Reuters vorliegen, zeigen, dass die Profi-Investoren nicht wie weithin erwartet von Anleihen in Aktien umsteuern. Vielmehr finden die Umschichtungen innerhalb der Rentenportfolios statt. "Den jüngsten Boom an den Aktienmärkten und damit die Chance auf Rendite haben die Versicherer an sich vorbeiziehen lassen", sagt Ralf Bräuer, der bei Universal das institutionelle Geschäft leitet.

Die Gesellschaft stellt die Fondsplattform für kleine und mittelgroße Versicherer und Pensionskassen zur Verfügung - und hat untersucht, wie sich deren in Spezialfonds angelegte Gelder von gut zehn Milliarden Euro zwischen Mai 2011 und Mai 2013 verschoben haben. Abgebildet wird damit zwar nur ein Teil der gesamten Kapitalanlagen der Assekuranz in Billionenhöhe, doch überraschend sind die Erkenntnisse allemal: Die Aktienquote in den Fonds fiel auf von 15 auf 13 Prozent, die Rentenquote stieg in demselben Zeitraum von 75 auf 77 Prozent.

Der Grund dafür liegt laut Bräuer auf der Hand: "Aktien sind volatile Anlagen, die einem schon mal die Bilanz verhageln können. Außerdem sind sie nach der neuen EU-Richtlinie Solvency II teuer, weil sie mit am stärksten mit Eigenkapital unterlegt werden müssen." Über alle Kapitalanlagen hinweg - also nicht nur auf das Spezialfonds-Geschäft bezogen - lag die Aktienquote der deutschen Erstversicherer Ende 2012 nach Berechnungen des Branchenverbandes GDV auch nur bei mageren 2,8 Prozent.

"Europaweit rangieren die Deutschen damit am unteren Ende", sagt ein Regulierungsexperte. "Die französischen Versicherer gehen stärker in Aktien. Aber die haben auf der Zinsseite in den guten Zeiten auch weniger versprochen und können heute deshalb Kursrückschläge und Kapitalauflagen einfacher wegstecken und Chancen mitnehmen."

Anleihen von Risiko-Staaten und Unternehmen gesucht

Die hiesige Assekuranz wird auf anderen Wegen kreativ. So ist der Universal-Studie zufolge zwar der Anteil der Staatsanleihen in den Fonds nur leicht auf 14 Prozent abgeschmolzen. Große Verlierer sind innerhalb dieser Anlageklasse jedoch Bundesanleihen, die kaum noch etwas abwerfen, manche Universal-Kunden haben sie deshalb schon komplett aus ihren Depots geworfen. Stattdessen greifen sie wieder zu Italien und Spanien sowie zu Schwellenländern wie Mexiko und Brasilien, die mehr Rendite versprechen.

Und noch einen Gewinner gibt es: Unternehmensanleihen - ihr Anteil stieg in den vergangenen zwei Jahren von 10 auf 23 Prozent, zum Nachteil von Pfandbriefen. "Gefragt sind weniger Mittelstandsanleihen, weil der Markt hier zu illiquide und zu klein ist, sondern eher kurzlaufende Hochzinsanleihen und Euro-Anleihen großer internationaler Konzerne", sagt Bräuer.

Zinsen von sechs Prozent und mehr wie bei den Hochzinsanleihen helfen der Branche, die Versprechen aus der Vergangenheit einzulösen. Im Moment kommen die deutschen Lebensversicherer bei ihren Anlagen mit Mühe und Not auf eine durchschnittliche Netto-Verzinsung von 4,59 Prozent - darin sind realisierte Bewertungsreserven enthalten, die Schätzungen zufolge mindestens einen halben Prozentpunkt ausmachen. Mit jeder gut verzinsten Staatsanleihe aus der Vergangenheit, die jetzt ausläuft, steigt der Druck, bei der Wiederanlage ein ähnliches Niveau zu erzielen. Da kommen Hochzinsanleihen gerade recht, doch diese sind oftmals nicht ohne: Die Unternehmen, die dahinter stehen, haben schlechtere Bonitätsnoten, das Ausfallrisiko ist real.

Versicherer und Pensionskassen sind verschwiegen

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Die wenigsten Versicherer und Pensionskassen lassen sich deshalb bei ihren Umschichtungen gerne in die Karten schauen. Eine Ausnahme ist die Bayerische Versorgungskammer, die für zwölf berufsständische und kommunale Versorgungswerke ein Vermögen von 55 Milliarden Euro verwaltet. "Wir haben den Rentendirektbestand - also Staatsanleihen und Pfandbriefe - seit 2004 von 85 auf 65 Prozent zurückgefahren", sagt Vorstand Andre Heimrich. "Auch das ist im derzeitigen Marktumfeld eigentlich noch zu hoch. Die größten Abflüsse aus dem Rentendirektbestand gab es zugunsten von Hochzinsanleihen, Schwellenländer-Anleihen, Immobilien und Investments in Hedgefonds, Private Equity und Infrastruktur."

Im Vergleich zu den Platzhirschen der Branche ist die Bayerische Versorgungskammer ein Zwerg. "Das kann auch ein Vorteil sein", sagt ein Branchenkenner. "Ohne Börsennotierung, aber mit einer kritischen Masse an verwaltetem Vermögen haben solche Gesellschaften mehr Spielraum, Neues auszuprobieren." Ähnlich gehe auch die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) vor, eine der größten Versorgungseinrichtungen für Beschäftigte des öffentlichen Dienstes, mit Anlagen von gut 16 Milliarden Euro.

Aber auch bei den Großen tut sich was, etwa bei der Allianz Leben, die ein Vermögen von über 180 Milliarden Euro verwaltet. "Generell mögen wir illiquide Assets", sagt Anlagechef Jörg Ladwein. Weil sein Haus langlaufende Verbindlichkeiten mit gut planbaren Auszahlungen habe, sei es weniger auf eine ständige Liquidität der Anlagen angewiesen. "Daher bauen wir derzeit den Anteil an - nicht börsengehandelten - alternativen Anlagen aus. Dazu gehören zum Beispiel Immobilien, erneuerbare Energien wie Wind- oder Solarparks oder Infrastrukturinvestments.

Diese Assets bieten langfristig stabile Cashflows bei attraktiven Renditen." Den Anteil von Unternehmensanleihen im Portfolio baute Allianz Leben seit 2007 auf 15 Prozent aus, die Aktienquote liegt heute bei etwa acht Prozent. "Wir investieren auch in Private Equity", sagt Ladwein. Das Tabu liegt woanders: "Hedgefonds kommen nicht infrage. Für uns steht Sicherheit an erster Stelle."

Assekuranzen betreten neues Terrain

Auch viele andere Häuser sichern sich über Beteiligungen an Infrastruktur-Projekten oder als Kreditgeber etwa für die ausgetrocknete Immobilienbranche regelmäßige Einnahmen. Die Analysten der Ratingagentur Moody's begrüßen das im Grundatz. Gerade in Europa habe die Branche in Sachen Diversifizierung noch großen Nachholbedarf, schrieben sie unlängst in einer Kurzstudie. So seien etwa Lebensversicherer aus den USA und Japan schon seit Jahren viel stärker im Kreditgeschäft engagiert.

Die erwartete Aufholjagd diesseits des Atlantiks birgt allerdings auch Gefahren: "Manche Versicherer könnten die Risiken unterschätzen, die sich aus diesen Anlagen ergeben", warnen die Moody's-Experten. Schwierig werde es etwa, wenn man zu viele illiquide Vermögenswerte anhäufe, die von den Regulierern erzwungene Kapitalunterlegung zu leicht nehme oder sich mehr faule Kredite in die Bücher hole, weil der Markt im Großen und Ganzen schon abgegrast sei. "Wenn Versicherer in Bereiche gehen, in denen sie bislang kaum Erfahrung haben, laufen sie einfach Gefahr, auf den minderwertigsten Assets sitzenzubleiben."

Die richtige Balance zwischen Risiko und Rendite ist längst auch ein Thema für die Politik und damit die Versicherungs-Aufsicht. Zwar betonen Finanzexperten aller Parteien, es gebe wegen der Niedrigzinsphase keinen Anlass zur Panik. Lange liegenlassen will man das Thema aber auch nicht. So sagt der Obmann der Unionsfraktion im Finanzausschuss des Bundestages, Hans Michelbach, die Lage der Versicherer müsse auch in den kommenden Koalitionsverhandlungen besprochen werden: "Da gibt es schon Handlungsbedarf."

FDP-Finanzexperte Volker Wissing betont, für Versicherungsunternehmen sei das wirtschaftliche Umfeld nicht einfach: "Trotzdem sind die meisten von ihnen stabil und sicher aufgestellt." Mit regulatorischen Eingriffen in die Anlagepolitik solle die Politik sehr vorsichtig sein.

Quelle: n-tv.de

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