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Viele Bankberater ignorieren das Gesetz: Nur jeder vierte Kunde bekommt überhaupt ein Gesprächsprotokoll.
Viele Bankberater ignorieren das Gesetz: Nur jeder vierte Kunde bekommt überhaupt ein Gesprächsprotokoll.(Foto: picture alliance / dpa)

Banken ignorieren Protokollpflicht: Viele Finanzberater brechen das Gesetz

Von Hannes Vogel

Behandeln deutsche Finanzmakler ihre Kunden wie in "Wolf of Wall Street"? Test-Käufe im Auftrag von Verbraucherschutzminister Maas zeigen: Nur jeder vierte Kunde bekommt überhaupt ein Protokoll. Nun soll es schärfere Regeln geben.

"Bist Du mit deiner Kreditkartenrechnung im Rückstand? Gut, nimm den Hörer in die Hand und fang an zu wählen! Will Dein Vermieter dich rausschmeißen? Gut, nimm den Hörer in die Hand und fang an zu wählen! Ich will, dass ihr eure Probleme löst, indem ihr reich werdet!" So gierig wie Jordan Belfort im Hollywood-Blockbuster "Wolf of Wall Street" gehen die meisten deutschen Bankberater sicher nicht an ihren Job heran. Aber auch sie sind Verkäufer und wollen Provisionen kassieren. Und die Banken und Versicherungen, für die sie arbeiten, beim Vertrieb ihrer Produkte Gewinn machen.

Damit es in der Realität nicht so läuft wie im Film, müssen Banken und Versicherungen seit 2010 eigentlich jedes Beratungsgespräch mit Privatkunden protokollieren. Dabei müssen sie festhalten, welches Anlageziel ihr Kunde verfolgt, welche Vorkenntnisse er hat, und welche Empfehlung sie ihm warum gegeben haben.

Sparer sollen geschützt werden, geprellte Anleger ihr Geld leichter einklagen können, weil Falschberatung leichter nachgewiesen werden kann. Doch Verbraucherschützer monieren seit langem: Die Vorschriften stehen nur auf dem Papier. In Wahrheit umgehen die Berater die nervigen Pflichten. Das bestätigt nun auch eine Studie im Auftrag von Verbraucherschutzminister Heiko Maas (SPD).

Banken verletzen ihre Pflicht

Die Untersuchung ist zwar nicht repräsentativ: Die Forscher haben keine bestehenden Verträge und dazugehörige Beratungsprotokolle ausgewertet, sondern nur 119 Test-Käufer losgeschickt. Die haben nach ihren Gesprächen auch kein Produkt abgeschlossen - das hätte die Studie enorm teuer gemacht. Dafür gibt die Erhebung aber einen hautnahen Einblick in die Praxis. Dort werden die strengen Vorschriften offenbar regelmäßig ignoriert - offenbar in der gesamten Branche: 35 Banken haben die Wissenschaftler getestet, darunter die Hamburger Sparkasse, die Berliner Volksbank, Deutsche Bank und Commerzbank, sowie 15 Versicherungen, von Allianz bis Zurich.

Viele Protokolle der Testkäufer blieben unvollständig, besonders die Risikobereitschaft oder Vorerfahrung wurden häufig nicht dokumentiert - die entscheidenden Punkte mit denen Anleger nachträglich Schadenersatz verlangen können. Um den Aufwand zu verringern, nutzten die Berater oft vorgefertigte, allgemeingültige Textbausteine. Oder sie machten es sich noch einfacher - und händigten ihren Kunden einfach gar keins aus.

Kunden in "ungünstige Position" bringen

Insgesamt bekam nur gut jeder vierte Kunde überhaupt ein Protokoll, bei Geldanlage-Beratern lag die Quote mit rund 39 Prozent etwas höher. Ein klarer Verstoß gegen das Gesetz: Eigentlich müssen die Vermittler die Dokumentation unmittelbar nach dem Gespräch, spätestens aber vor Abschluss eines Vertrags aushändigen.

In etwa der Hälfte der Fälle wurden der Kunde aufgefordert, das ausgehändigte Protokoll zu unterschreiben, obwohl das gesetzlich gar nicht vorgesehen ist - "um ihn in eine ungünstige Position zu bringen", mutmaßen die Forscher. Und nur rund jeder dritte Berater machte die Kunden überhaupt auf seine Pflicht aufmerksam, ein Protokoll führen zu müssen.

Ministerium prüft strengere Regeln

Maas will die Regeln für Beratungsgespräche nun verschärfen: "Offensichtlich gibt es in der Praxis große Defizite", sagte der Verbraucherschutzminister. Er werde im Herbst mit Branchenvertretern, Wissenschaft und Verbraucherschützern nach Lösungen suchen. Denkbar sei, Beratungsgespräche generell aufzuzeichnen, sagte Maas' Staatssekretär Gerd Billen der Süddeutschen Zeitung. "Das hätte den Vorteil, dass wirklich alles, was besprochen wurde, auch festgehalten wird."

Billen kennt das Problem nur zu gut: Viele Jahre war er Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv). Nicht nur der vzbv, auch die Finanzaufsicht Bafin hatte schon 2010 festgestellt, dass sich die Finanzkonzerne nicht an ihre Pflichten halten und drei von ihnen mit Geldbußen bestraft: In einer Untersuchung von mehr als 1000 Protokollen waren die Dokumentationen bei mehr als einem Viertel aller Banken unvollständig.

Mit strengeren Vorschriften allein ist das Problem aber nicht zu lösen. Finanzberater sind im Anlagegespräch immer im Vorteil: Als Profis wissen sie immer besser über Märkte und Risiken Bescheid als ihre Kunden. Um den Informationsvorsprung auszugleichen, reicht es nicht, sie zu verdonnern, über ihre Provisionen und Interessenkonflikte aufzuklären. Ihre Kunden müssen sich selber so schlau wie möglich machen. Und begreifen, dass ihr Bankberater nicht immer in ihrem Interesse handelt, sondern vor allem etwas verkaufen will.

Quelle: n-tv.de

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