Wirtschaft
Sind die Preissteigerungen gerechtfertigt oder wird versucht im Windschatten der politischen Debatte die Marge hochzutreiben?
Sind die Preissteigerungen gerechtfertigt oder wird versucht im Windschatten der politischen Debatte die Marge hochzutreiben?(Foto: picture alliance / dpa)

Schummelei bei Netzkosten?: Viele Stromversorger erhöhen die Preise

Während Stromverbraucher im Jahr etwas verschnaufen konnten, wird es jetzt wieder teurer. Schuld daran sind vor allem die Umlagen für die Energiewende und der Ausbau der Netze. Schummeln die großen Netzbetreiber dabei ihre Gewinne hoch?

Viele Stromkunden in Deutschland haben in den vergangenen Tagen unangenehme Post bekommen: Ihre Versorger erhöhen nach einem Jahr mit leichter Entspannung zu Anfang 2016 wieder die Preise. 103 Unternehmen hätten Preiserhöhungen von durchschnittlich rund 2,8 Prozent angekündigt, teilte das Preisvergleichsportal Verivox mit.

Check24 meldete 81 Unternehmen mit höheren Preisen. Freitag war der Stichtag für die Benachrichtigung der Kunden über Preiserhöhungen zum Jahresbeginn. Sie müssen sechs Wochen vor Inkrafttreten des neuen Tarifs informiert werden.

Für einen Musterhaushalt mit einem Verbrauch von 4000 Kilowattstunden bedeutet die Erhöhung laut Verivox eine jährliche Mehrbelastung von durchschnittlich 32 Euro. Preissenkungen planten nur 35 Versorger im Schnitt um 2,3 Prozent. Check24 erfasste 25 Versorger mit niedrigeren Preisen. Grund für den Anstieg sind vor allem gestiegene Umlagen und staatliche Abgaben. Vor allem bei den Netzkosten melden Grüne und Verbraucherschützer aber Zweifel an.

Nur in Dänemark ist Strom teurer

Damit dürfte es 2016 wohl dabei bleiben, dass die deutschen Haushaltsstromkunden europaweit einen der höchsten Preise zahlen müssen. Im Frühjahr 2015 war der Strom nur in Dänemark teurer. In Deutschland wurden durchschnittlich gut 29 Cent pro Kilowattstunde verlangt. Der durchschnittliche Strompreis in der Grundversorgung ist damit laut Check24 seit Juli 2007 um fast die Hälfte (47 Prozent) gestiegen.

Am Börsenpreis für die Strombeschaffung liegt es dabei nicht. Dort fällt und fällt der Preis, weil immer mehr geförderter Ökostrom auf den Markt drängt. Der Börsenpreis beträgt inzwischen nur noch 3 bis 4 Cent - etwa halb so viel wie 2011 - und unterschreitet gelegentlich sogar die Schallmauer von 3 Cent pro Kilowattstunde.

Die Strombeschaffung macht aber nur etwa ein Viertel des Endpreises aus. Mehr als die Hälfte sind staatliche Umlagen - und hier gibt es 2016 gleich mehrere Erhöhungen. Die EEG-Umlage zur Förderung der erneuerbaren Energie steigt um knapp 0,2 Cent auf 6,354 Cent pro Kilowattstunde. Fast 23 Milliarden Euro müssten die Stromkunden damit 2016 für die Erneuerbaren berappen, rechnet der Branchenverband BDEW vor.

Erhöhungen bleiben intransparent

"Das verdeutlicht den nach wie vor vorhandenen Reformdruck bei der Erneuerbaren-Förderung", kritisiert BDEW-Chefin Hildegard Müller. Rund 23 Prozent des Preises entfallen außerdem auf die Netzentgelte für den Ausbau und Betrieb des Stromnetzes. Sie verteuern sich laut Verivox im Bundesschnitt um fast vier Prozent mit sehr starken regionalen Unterschieden und Ausschlägen um teils bis zu 15 Prozent.

Vielfach blieben die Erhöhungen dabei weitgehend intransparent, beklagt der Energiefachmann Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale NRW. Alle möglichen Zusatzkosten von der umstrittenen Braunkohlereserve bis zu den teuren Erdkabeln in Bayern und anderswo verschwänden in dieser "Blackbox".

Im Netzbereich würden mittlerweile die Gewinne der Stromversorger eingefahren, kritisiert auch die Grünen-Umweltpolitikerin Bärbel Höhn. "Das Gesetz lässt den Netzbetreibern größere Abrechnungsspielräume zum Schummeln, und die kontrollierende Bundesnetzagentur hat Probleme, hier hinterherzukommen." Es sei fraglich, ob die Steigerungen in dieser Form gerechtfertigt sind, sagt die Grüne. Wer jetzt die Strompreise erhöhe, versuche möglicherweise auch einfach, im Windschatten der politischen Debatte seine Marge hochzutreiben, kritisiert Sieverding.

Quelle: n-tv.de

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