Wirtschaft

Enttäuschender RückgangVolkswirte zur Industrie

05.02.2010, 14:37 Uhr

Die deutsche Industrieproduktion bricht im Dezember unerwartet stark ein. Unter Experten stoßen die Zahlen auf ein gemischtes Echo: Die Reaktionen reichen von kühler Skepsis bis zur offenen Enttäuschung.

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Neuartige Hochtemperatur-Wärmepumpe der Firma Thermea im sächsischen Ottendorf-Okrilla: Die Anlage arbeitet mit Kohlendioxid aus der Umgebungsluft als natürlichem Kältemittel. (Foto: dpa)

Die deutsche Industrie hat zum Jahresende einen herben Rückschlag erlitten. Die Firmen des Produzierenden Gewerbes - zu dem auch Bau und Energiewirtschaft gehören - drosselten ihre Produktion überraschend um 2,6 Prozent, teilte das Bundeswirtschaftsministerium mit. Das ist der stärkste Rückgang seit April. Im Vorfeld befragte Analysten hatten dagegen einen Anstieg um 0,5 Prozent erwartet.

Entsprechend ernüchtert fallen die ersten Reaktionen der Marktbeobachter aus. "Es ist viel schlechter gekommen als erwartet", fasste WestLB-Volkswirt Arnd Schäfer die Lage zusammen. "Das Wachstum dürfte einen deutlichen Dämpfer erhalten haben. Es scheint sich zu bestätigen, dass das vierte Quartal sehr sehr schwach wird und der Aufholprozess, den wir im zweiten und dritten Quartal gesehen haben, eine Verschnaufpause einlegt."

Zudem bestünden Abwärtsrisiken für unsere Prognose: Wir erwarten derzeit ein Wachstum von 0,3 Prozent im vierten Quartal, es besteht aber die Gefahr, dass es weniger werden."

"Dass nach diesen Auftragseingängen ein Minus kommen würde, war wahrscheinlich", warf Gerd Hassel von der BHF-Bank ein. Doch dass der Rückgang so stark ausfällt, hätte er auch er nicht erwartet, gibt Hassel zu, "zumal die Indikatoren auf Stabilisierung hindeuten", wie der BHF-Analyst hinzufügte. "Das kann noch nicht so richtig an der Witterung liegen. Für Januar ist daher mit noch schlechteren Zahlen zu rechnen."

Enttäuschender Rückgang

Was das BIP angehe, hätten die amtlichen Statistiker von Destatis wahrscheinlich Recht gehabt mit der Einschätzung, dass die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal stagniert, meinte Hassel. "Es sieht auch nicht danach aus, dass wir im ersten Quartal einen deutlichen Anstieg haben werden."

Angesichts des harten Winters dürfte die Bauwirtschaft leiden, sagte Hassel. "Wir haben zwar sicherlich das Schlimmste der Wirtschafts- und Finanzkrise hinter uns, aber wir spüren noch die Ausläufer und müssen uns auf ein schwaches Wachstum einstellen."

"Das ist eine sehr enttäuschende Zahl", pflichtete Citigroup-Experte Jürgen Michels seinen Kollegen mit Blick auf jüngsten Zahlen zur Industrieproduktion bei. "Es ist in fast allen Bereichen nach unten gegangen. Die Weihnachtsfeiertage und der strenge Winter können das Ergebnis aber verzerrt haben. Deshalb ist das kein Anzeichen dafür, dass der Aufschwung vorbei ist."

Verzerrender Ferien-Effekt

Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen machte darauf aufmerksam, dass ein Sondereffekt den Jahresausklang verhagelt hat: "Da der 1. Januar ein Freitag war, lagen die beiden häufig für Werksferien genutzten Wochen um Weihnachten und Neujahr vollständig im Dezember. Dieser Effekt wird von der vom Statistischen Bundesamt vorgenommenen Bereinigung um die Zahl der Arbeitstage nicht erfasst." Im Januar dürfte es deshalb in der Industrie zu einer spürbaren Gegenbewegung kommen.

Zum Jahresende habe die Produktion im produzierenden Gewerbe den Schwung aus den beiden Vorquartalen verloren, kommentierte das Bundeswirtschaftsministerium. Eine positive Tendenz sei aktuell noch im Quartalsvergleich erkennbar. Insgesamt erhöhte sich die Produktion im vierten Quartal um 0,3 Prozent zum Vorquartal.

Kommentar aus dem Ministerium

"Mit Blick auf die abgeschwächte Dynamik bei den Auftragseingängen sind absehbar geringere Produktionsimpulse zu erwarten", hieß es aus dem Ministerium. Dennoch zeigten sich die Unternehmen in jüngsten Umfragen weiterhin überwiegend zuversichtlich. Die Produktionsverluste waren im Dezember in der Industrie und im Bauhauptgewerbe auf Monatssicht etwa gleich stark. Die Energieerzeugung schwächte sich leicht um 0,2 Prozent ab.

Innerhalb der industriellen Hauptgruppen hatten die größten Produktionseinbußen die Hersteller von Vorleistungsgütern mit minus 4,3 Prozent und von Investitionsgütern mit minus 3,4 Prozent zu verkraften. Diese Verluste seien wesentlich von der Produktion chemischer Erzeugnisse und vom Fahrzeugbau verursacht worden, hieß es. Die Konsumgüterproduzenten meldeten hingegen für den Dezember ein Plus von 1,5 Prozent zum Vormonat.

Die am Donnerstag veröffentlichen Auftragsdaten hätten bereits erahnen lassen, dass die Industrie im Dezember enttäuscht haben könnte, kommentierte Postbank-Experte Thilo Heidrich die Daten. Ähnlich wie bei den Aufträgen habe sich das Minus bei der Industrieproduktion auf die meisten Komponenten erstreckt.

"Produktionsseitig zeichnet sich damit kein gutes viertes Quartal ab", stellte Heidrich fest. Im Schlussquartal des abgelaufenen Jahres habe es lediglich im Oktober einen leichten Anstieg gegeben.

"In den kommenden Monaten dürfte sich dennoch ein positiver, wenn auch von hoher Volatilität geprägter Trend einstellen. So nährte jüngst die Erwartungskomponente des ifo-Index mit dem höchsten Stand seit Juli 2007 die Hoffnung, dass weitere Anstiege der Produktion bevorstehen", resümierte Postbank-Experte Heidrich.

Quelle: DJ/rts