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Die IAA 2015 und ihre Lehren: Vollgas voraus für den Verbrennungsmotor!

Von Helmut Becker

Autonomes Fahren? E-Autos? Die IAA 2015 hat eines deutlich gemacht: Die Zukunft sehen die Autobauer im Verbrennungsmotor. Mehr PS, geringerer Verbrauch und Luxus satt heißt es vor allem bei den deutschen Konzernen.

"Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß …" Dieser berühmte Spruch aus dem gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm trifft sinngemäß auf die deutsche Automobilindustrie zu. Da wird von allen Autohersteller bei jeder passenden öffentlichen Gelegenheit lauthals über die homöopathischen Verkaufszahlen von Elektroautos in Deutschland lamentiert. Und dass daran die Politik schuld sei, die bis 2020 eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen ausgelobt habe, dafür aber nicht energisch genug Fördersubventionen und sonstige Kaufanreize geboten hätte. In Wirklichkeit aber erweisen sich alle Autoleute klammheimlich als "car guys" mit Benzin im Blut, nicht Kilowatt. Und sie sind unverdrossen Liebhaber des guten alten Verbrennungsmotors.

Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.
Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.(Foto: Helmut Becker)

Die 66. IAA, auf der Automobilhersteller aus aller Welt ihre Neuheiten zur Schau gestellt haben, hat es wieder an den Tag gebracht. Komfort, technische Innovationen und noch mehr Leistung bei noch niedrigeren Verbräuchen: Das war das, was vor allem die deutschen Hersteller in den Mittelpunkt ihrer Neuheitenschau stellten. Kurz: Der heimliche Star auch auf der 66. IAA war das Auto mit Verbrennungsmotor. Und das Elektroauto? Wurde zwar offiziell in den Mittelpunkt der Schau gerückt, fand aber wenig Interesse.

PS und Luxus satt

Fangen wir in der Luxusklasse an: Audi präsentierte sein Flaggschiff A8 mit 605 PS als 305 km/h schnelles Luxusgefährt, zum Preis von 145.000 Euro. Aus dem Hause BMW rollte als Luxusliner der neue Siebener an. Mit 200 Kilogramm weniger auf den Stahlhüften verfügt er serienmäßig über eine Luftfederung und eine Hinterachslenkung sowie jede Menge neuester Technik. Eine E-Version ist nicht vorgesehen, wohl aber die Option, dass das Auto ohne Fahrer an Bord in eine Parklücke rangieren kann. Daimler entlässt ein luxuriöses S-Klasse Cabrio mit vier Sitzen auf die Straße, erstmals wieder seit 1971. 455 und 585 PS stehen hier zur Wahl - ein Traum für alle Raser mit Frischluftbedürfnissen.

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Neben den Flaggschiffen der großen drei gab es wieder jede Menge weitere Neuheiten, alle mit Verbrennungsmotor! So der neue Audi A4 oder der mit 340 PS wesentlich sportlichere Audi SQ5 TDI, der nur 5,1 Sekunden bis Tempo 100 braucht, 250 km/h Spitzengeschwindigkeit schafft und nur 6,6 Liter Diesel benötigen soll.

Bei Porsche stand der überarbeitete 911 im Mittelpunkt, bei dem unter der Motorhaube die 3,4 und 3,8 Liter Saugmotoren durch einen Dreiliter-Turbo-Motor ersetzt werden. Trotz der Hubraumverkleinerung soll die Leistung steigen - der Carrera S leistet demnach statt 400 nun 420 PS  - und das alles bei Verbräuchen von kaum mehr als sieben Litern.

Bei Opel aus Rüsselsheim stand der neue Astra als Schräghecklimousine und Kombiversion im Messe-Rampenlicht. Die PS-Spannweite reicht zunächst von 95 PS beim 1,0-Liter großen Dreizylinder-Benziner bis hin zu einem 200-PS-Ottomotor, der ebenfalls aufgeladen zunächst die Top-Motorisierung sein wird.

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Auch bei Volkswagen nahm die PS-Zahl überall zu. Die Premieren des neuen Tiguan, des T6 samt California-Version und die des Golf Cabrio standen im Mittelpunkt des Messegeschehens. Bei Letzterem stellen 220 PS die Topmotorisierung dar. Beim neuen Tiguan liegt die Leistungsspanne zwischen 125 PS und 220 PS, eine echte R-Version mit rund 300 PS soll 2017 folgen. Alle diese PS kommen natürlich aus Verbrennungsmotoren.

Mehr PS auch bei Mercedes

Mercedes bot in diesem Jahr wieder Modelle und Leistung ohne Ende und Autos zum Träumen. Neben dem Cabrio der S-Klasse, eine geliftete A-Klasse, das neue C-Klasse Coupe samt Topversion AMG C 63, der neue GLC und der neue GLE - wer kennt die Namen, wer die Modelle? Zur neuen A-Klasse gesellt sich von Anfang an das Topmodell A 45 AMG mit nunmehr 381 PS statt der "mickrigen" 360 PS des Vorgängermodells.

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Noch sportlicher wird das Mercedes AMG C 63 Coupe vom bekannten Achtzylinder-Turbo mit vier Litern Hubraum und zwei Leistungsstufen von 476 PS und 510 PS angetrieben. Die Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h lässt sich durch das sogenannte Driver's Package auf 290 km/h steigern; von 0 auf Tempo 100 schafft es der 1,8 Tonnen schwere 63er in knapp vier Sekunden. Wer will ein solches Auto autonom fahren lassen?

Was sagen die Patente?

Leistung und niedrigere Verbräuche, wohin man sieht - und alles aus den verpönten Verbrennungsmotoren. Das war die IAA 2015. Aufschlussreicher als das heutige Angebot der Autobauer ist für die strategische Planung der Unternehmen, wohin sie hinsichtlich der zukünftigen Antriebsquelle eigentlich wollen. Dabei stehen die gemeldeten Patente im Vordergrund. Patente sind ein guter Indikator für das, was in Zukunft technologisch passieren wird, denn Patente sind das Ergebnis von langfristigen und zukunftsweisenden Forschungsinvestitionen. Und die kosten in der Regel viel Geld.

Einer neueren Studie von Jens Koch (Patentanwaltskanzlei Grünecker, München) zufolge ist die Anzahl der Patentanmeldungen für alternative Antriebe, also etwa für Elektromotoren, Hybridfahrzeuge oder Brennstoffzellenautos, deutlich rückläufig (2014: 8200 nach 9000 in 2013).  Für den gut hundertjährigen, klassischen Verbrennungsmotor meldete die Industrie 2014 dagegen noch immer 7733 Patente an, rund 2000 mehr als zehn Jahre zuvor.

Das zeigt zweierlei: Der Verbrennungsmotor als automobile Antriebsquelle ist noch lange nicht abgeschrieben. Die weltweit verschärften Abgasnormen erfordern aber weiter Fortschritte in der Motortechnik. Innovationen sind gefordert - und die werden patentiert. Zum anderen muss zur Risikoabsicherung weiter am Elektroantrieb geforscht werden, auch wenn der Markterfolg von E-Autos mehr als bescheiden ist. So wurden laut Kraftfahrzeugbundesamt 2014 lediglich 8522 neue E-Autos in Deutschland zugelassen, bis August 2015 waren es 6456 - ein erfolgreich wachsender Markt sieht anders aus. Der Marktanteil von E-Autos an den Neuzulassungen lag zuletzt bei 0,4 Prozent!

Und so hat sich die Branche auf der IAA 2015 genau so aufgeführt wie Rumpelstilzchen: Sie hat nach außen kräftig für ihre Handvoll E-Autos getrommelt, die Verantwortung für den Nicht-Markterfolg derselben der Politik hingerieben und selbst aber auf den Messeständen die Augen der Besucher mit Hochleistungs-Boliden zum Glänzen gebracht - denn die möchte der Autokäufer haben. Und damit verdient die Branche ihr Geld - heute, morgen und auch noch übermorgen!

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Quelle: n-tv.de

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