Wirtschaft
Salzgitter baut um und baut Stellen ab - auch im Vorstand.
Salzgitter baut um und baut Stellen ab - auch im Vorstand.(Foto: REUTERS)

Eine Schlüsselbranche schlägt Alarm: Stahlkochern droht Job-Kahlschlag

Von Thomas Badtke

Erst ThyssenKrupp, nun Salzgitter: Deutschlands Stahlindustrie stemmt sich gegen die massiven Nachfrageprobleme und will sich durch erheblichen Jobabbau aus der Krise sparen. Doch die Probleme der Konzerne sind nicht nur hausgemacht, das Übel liegt tiefer und so zieht die Krise branchenweit ihre Kreise.

Die Hiobsbotschaften aus der deutschen Solarindustrie sind noch nicht verklungen, da sorgt die nächste Branche für Negativschlagzeilen: Verluste, kassierte Prognosen und Kurseinbrüche - Deutschlands Stahlkonzerne schlagen Alarm. Tausende Jobs sind in Gefahr. Insgesamt zählt die Stahlindustrie hierzulande noch etwa 90.000 Arbeitsplätze.

Allein bei Branchenprimus ThyssenKrupp sollen fast 5000 Arbeitsplätze konzernweit - also auch in der Verwaltung - abgebaut werden. 2000 sind es allein in der Stahlsparte. Der Branchen-Vize Salzgitter zieht nun nach.

Salzgitter zieht nach

In dieser Woche kündigte das Unternehmen, das auch Großaktionär bei der kriselnden Kupferhütte Aurubis ist, den Abbau von rund 1500 seiner 23.000 Stellen an. Laut "Süddeutscher Zeitung" ist von den Sparmaßnahmen auch die Führungsetage betroffen: So sollen wohl drei der sechs Vorstandsposten wegfallen. Es werde dann nur noch einen Vorstandschef, einen Finanzvorstand und einen für Personalfragen zuständigen Arbeitsdirektor geben, schreibt das Blatt unter Berufung auf eine Empfehlung des Vorstands an den Aufsichtsrat.

Auch eine Neustrukturierung ist offenbar im Gespräch. So soll etwa das Stahlgeschäft künftig in Flachstahl und Profilstahl unterteilt, die Dienstleistungssparte dagegen aufgelöst werden.

Die Maßnahmen sind Teil eines umfangreichen Sparplans des Konzerns. Dadurch soll das Ergebnis jährlich um über 200 Millionen Euro verbessert werden. Ein längst überfälliger Schritt, denn Salzgitter hatte Anfang August wegen der Stahlkrise in Europa seinen Ausblick bereits korrigiert - zum zweiten Mal - und rechnet nun für 2013 mit einem Vorsteuerverlust von 400 Millionen Euro.

"Widrige Marktbedingungen"

Bei ThyssenKrupp sind die Probleme großteils hausgemacht: Die Stahlwerke in Übersee belasten das Ergebnis des Konzerns und brocken ihm Milliardenverluste ein. Ihr Verkauf zieht sich mittlerweile seit über einem Jahr hin. Die Kapitaldecke der Essener ist mittlerweile bedrohlich dünn geworden. Die Eigenkapitalquote von 8 Prozent ist der mit Abstand schlechteste Wert aller Industriekonzerns im Dax. Eine Kapitalerhöhung soll erst einmal für Linderung sorgen.

Salzgitter und Co. kämpfen dagegen mit den zwei Grundproblemen der Branche: Da wären zum einen die massiven Überkapazitäten in Europa. Schon bei normaler Nachfrage hält der europäische Branchenverband Eurofer rund 50 Millionen der gut 200 Millionen Tonnen Produktionskapazität für zu viel des Guten.

Die Düsseldorfer Wirtschaftsvereinigung Stahl relativiert das: Deutschlands Stahlkocher sind danach zu rund 85 Prozent ausgelastet. Technisch möglich sei lediglich eine Auslastung von gut 90 Prozent. Schwerer wiege der Preisverfall. Und für den machen die Marktexperten den zunehmend ruinösen Wettbewerb mit der Konkurrenz aus dem kriselnden Südeuropa, wo Märkte nahezu komplett brach liegen, verantwortlich. Auch China drückt auf die Preise.

Von "anhaltend widrigen Marktbedingungen" spricht ThyssenKrupp, von einem "extrem verschärften Wettbewerb", der die "erzielbaren Absatzpreise" drückt, der Konkurrent Salzgitter. ThyssenKrupp fürchtet darüber hinaus, dass die Bautätigkeit im Euro-Raum 2013 insgesamt ein weiteres Minus von 2 Prozent ausweisen wird.

Gewinner und Verlierer

Besonders schlecht geht es den Herstellern einfacher Stahlsorten, die in der Bauwirtschaft eingesetzt werden. Seit der Finanzkrise und dem Platzen der Immobilienblase in Spanien haben sich die Aussichten kaum verbessert. Darunter leidet die Salzgitter-Tochter Peiner Träger, deren Produkte etwa auf Großbaustellen zum Einsatz kommen.

Besser stehen diejenigen da, die sich auf hochwertigen Stahl konzentrieren. Allen voran ist das die österreichische Voestalpine, die zuletzt nur leichte Gewinnrückgänge hinnehmen musste. Auch ThyssenKrupp produziert seit Jahren keinen gewöhnlichen Stahl mehr für die Baubranche.

Das ist auch ein Grund dafür, dass ThyssenKrupps europäische Stahlsparte trotz heftiger Gewinneinbrüche noch schwarze Zahlen vorweisen kann. Die Kürzung der rund 2000 von den derzeit noch 27.600 Stellen in dem Konzernbereich sollen nun helfen, die Erträge der Stahlsparte zu stabilisieren.

Experten sind skeptisch

Der Stahlexperte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Roland Döhrn, glaubt dennoch nicht an eine durchgreifenden Erholung in der Stahlindustrie. "Wir sehen nur eine leichte Besserung im kommenden Jahr", sagte Döhrn. Nach einer Delle in diesem Jahr komme 2014 wohl auf das Niveau von 2012.

Eurofer-Präsident und Voestalpine-Chef Wolfgang Eder hatte in der Vergangenheit oft vor den massiven Überkapazitäten in Europa gewarnt. Viele sehen nun Weltmarktführer ArcelorMittal am Zug. Der aber hat zunächst keine weiteren Schließungspläne, seit er unter großen Mühen Stilllegungen in Belgien und Frankreich angeht.

Quelle: n-tv.de

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