Wirtschaft
EZB-Präsident Mario Draghi.
EZB-Präsident Mario Draghi.(Foto: REUTERS)

EZB gibt sich locker: Warum die Zinsen niedrig bleiben

Von Jan Gänger

Die Niedrigzinspolitik verärgert deutsche Sparer, von "schleichender Enteignung" ist die Rede. Der Leitzins liegt bei lediglich 0,25 Prozent, doch die Europäische Zentralbank könnte ihn sogar noch weiter in Richtung Nulllinie senken. Der Kurs der EZB wirft viele Fragen auf.

Wann werden die Zinsen wieder erhöht?
Das wird so schnell nicht der Fall sein. In vielen Ländern der Eurozone werden die öffentlichen und privaten Schulden abgebaut. Das ist ein Prozess, der das wirtschaftliche Wachstum noch lange dämpfen wird. Die EZB geht deshalb davon aus, dass die Inflation im Euroraum mittelfristig niedrig bleiben wird und sich die Konjunktur weiter schwach entwickelt. Die Geldpolitik wird expansiv bleiben, bis sich das ändert. Ein höherer Leitzins ist damit vorerst nicht in Sicht.

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Sinken die Zinsen noch weiter?
Das wissen wohl nicht einmal die im Rat der Europäischen Zentralbank versammelten Notenbanker. Denn während einige von Ihnen bereits laut über einen solchen Schritt nachdenken, hatten andere schon erhebliche Bedenken bei der jüngsten Zinssenkung. Dem Vernehmen nach stimmte ein Viertel des Rats – darunter die beiden Deutschen Jens Weidmann und Jörg Asmussen – bereits gegen die Zinssenkung. Angesichts der offensichtlich wachsenden Bedenken gilt es als höchst wahrscheinlich, dass der Leitzins zunächst bei 0,25 Prozent verharrt und nicht noch tiefer gedrückt wird. Doch es ist nicht ausgeschlossen, dass der Leitzins zu einem späteren Zeitpunkt in Richtung Nulllinie sinkt.

Und wann wäre das der Fall?
Das hängt vor allem von der Inflationsrate ab. Denn die wichtigste Aufgabe der EZB ist, für stabile Preise zu sorgen. Im Oktober lag die Teuerung im Euroraum auf Jahressicht bei lediglich 0,7 Prozent und damit deutlich von der Zielmarke der EZB entfernt. Sie sieht stabile Preise nur dann gewährleistet, wenn die Preissteigerung mittelfristig bei knapp unter 2 Prozent liegt. Wenn der EZB-Rat davon überzeugt ist, dass sie auf mittlere Sicht weiterhin zu niedrig ist, wird der Leitzins wohl weiter gesenkt. Denn niedrigere Zinsen sollen die Kreditvergabe ankurbeln und wirken somit tendenziell inflationär.

Warum sieht die EZB bei einer Inflation von "unter, aber nahe" zwei Prozent stabile Preise gewährleistet und nicht bei null Prozent?
Durch die höhere Zielmarke will die EZB einen ausreichenden Sicherheitsabstand zur Deflation einhalten, also zu einem sinkenden Preisniveau. Dabei ist auch berücksichtigt, dass es zu leichten Messfehlern kommen kann. Eine gemessene Inflationsrate von Null könnte damit auf einen leichten Rückgang des tatsächlichen Preisniveaus hinweisen.

Wieso sind sinkende Preise ein Problem?
Wenn Verbraucher mit weiter sinkenden Preisen rechnen, horten sie ihr Geld anstatt es auszugeben. Unternehmen verkaufen weniger Produkte - und müssen mit Einsparungen, Lohnkürzungen oder sogar Entlassungen reagieren. Damit kann ein Teufelskreis entstehen.

Dazu kommt, dass Verbraucher und Unternehmen sich in einem deflationären Umfeld scheuen, Kredite aufzunehmen. Denn durch die Deflation werden Schulden real immer größer. Auf breiter Front fallende Preise sind also Gift für die Konjunktur.

Wir die EZB einen "Strafzins" einführen?
Die EZB leiht Banken Geld so billig wie noch nie, doch diese reichen es nicht wie gewünscht an Unternehmen und Verbraucher weiter. Stattdessen bunkern viele Institute überschüssige Liquidität bei der EZB. Damit diese Mittel an die reale Wirtschaft via Kreditvergaben weitergegeben werden und damit das Wachstum ankurbeln, erwägen einige Notenbanker, die Einlagen mit einem "Strafzins" zu belegen - also den sogenannten Einlagesatz auf minus 0,1 Prozent von derzeit 0,0 Prozent zu senken.

Ob die Kreditvergabe dadurch aber überhaupt steigt, wird von vielen Volkswirten bezweifelt. Die Banken würden wahrscheinlich die Zusatzkosten auf ihre Kunden abwälzen, also beispielsweise Kontogebühren erhöhen oder Kredite verteuern. Damit würde die EZB das Gegenteil von dem erreichen, was sie bezweckt. Daher ist ein negativer Einlagesatz sehr unwahrscheinlich.

Enteignet die EZB deutsche Sparer?
Für Sparer sind die niedrigen Zinsen hierzulande ärgerlich, weil die - wenn auch geringe - Inflation bei wenig riskanten Anlagen kaum nennenswerte Rendite übrig lässt. In bestimmten Fällen sind die Realzinsen sogar negativ.

Die EZB betont, es sei irreführend nur aus Sicht eines Sparers zu argumentieren. Die meisten Sparer seien auch Arbeitnehmer und seien allein schon deshalb an einer guten Konjunktur interessiert. Die Zinsraten seien deshalb niedrig, weil die Wirtschaft in der Eurozone schwach sei. Eine Zinserhöhung wäre daher schädlich - für die Konjunktur und damit auch für die Sparer.

Aus Sicht von vielen Volkswirten sind die Zinsen für langfristige Geldanlagen in Deutschland außerdem nicht allein wegen des Leitzinses niedrig. So gelten deutsche Staatsanleihen bei ausländischen Investoren als "sicherer Hafen", die starke Nachfrage drückt die Zinsen für solche Papiere. Das wird sich erst wieder ändern, wenn die Krise beendet ist. Dazu will die EZB mit ihrer Niedrigzinspolitik beitragen.

Quelle: n-tv.de

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