Wirtschaft
(Foto: picture-alliance/ dpa)

In der Not ins Risiko: Was die Geldflut der Fed bedeutet

Von Nikolas Neuhaus

Die US-Währungshüter greifen zu ihren letzten Mitteln, um der lahmenden Wirtschaft auf die Beine zu helfen. Weil sie beim US-Leitzins ihr Pulver schon lange verschossen haben, drucken sie nun Monat für Monat Milliarden von US-Dollar, um damit den Häusermarkt in Schwung zu bringen. Der Erfolg ist ungewiss, doch die Märkte jubeln. Warum eigentlich?

Die Hoffnung für die US-Wirtschaft heißt Hypotheken. Ausgerechnet der US-Häusermarkt, der einst mit einer immensen Spekulationsblase erst die Finanzwelt und später die Weltwirtschaft erschütterte, soll nun die Wachstumsschwäche der US-Wirtschaft kurieren. Dazu greift US-Notenbankchef Ben Bernanke zu ungewöhnlichen Mitteln.

Weil die Fed den US-Leitzins schon im Dezember 2008 auf quasi Null gesenkt hat, kann sie der Wirtschaft auf diesem Wege keine weitere Erleichterung mehr verschaffen. Mit ihrem Latein ist die Zentralbank dennoch nicht am Ende. Wo eine lockere Geldpolitik nichts mehr ausrichten kann, kommt die sogenannte ultralockere Geldpolitik ins Spiel. Bildlich gesprochen wirft die Fed dazu die Notenpresse an und kauft mit dem frisch gedruckten Geld Wertpapiere. Auf diesem Weg drückt die Fed zusätzliches Geld ins Finanzsystem, das - so zumindest die Hoffnung - am Ende die Konjunktur anfeuert. Zweimal hat Bernanke in seiner Amtszeit bereits zu diesem Mittel gegriffen und dabei für rund 2.300.000.000.000 US-Dollar verschiedene Finanzpapiere gekauft. Da aber die Arbeitslosigkeit noch immer hoch und das Wachstum schwach ist, geht das Programm in die Verlängerung: Freie Bahn für QE3 oder Quantitative Easing 3 - Geldspritzen ohne Ablaufdatum.

Renditen runter

Jeden Monat nimmt die Fed nun 40 Milliarden US-Dollar in die Hand, um damit hypothekenbesicherte Wertpapiere zu kaufen. Die Idee ist dabei ähnlich wie beim umstrittenen Aufkauf von Staatsanleihen durch die EZB: Weil die Renditen dieser Papiere hoch sind, soll die Nachfrage durch die Zentralbank Druck vom Kessel nehmen und die Renditen senken. Während das bei Staatsanleihen den schuldengeplagten Euro-Staaten die Refinanzierung erleichtern soll, will die US-Notenbank am Hypothekenmarkt mit sinkenden Renditen die Zinskonditionen für Häuslebauer verbessern. Sie hofft, dass das dem Immobiliensektor Rückenwind gibt und das Geschäft ankurbelt. Sollte sich die konjunkturelle Lage dennoch noch weiter eintrüben, will die Fed ihr drittes Aufkaufprogramm zudem noch aufstocken und auch andere Wertpapiere aufkaufen. "Das Komitee ist besorgt, dass das Wirtschaftswachstum ohne weitere geldpolitische Lockerung nicht stark genug ist, um eine nachhaltige Verbesserung am Arbeitsmarkt zu erzeugen", hieß es in der Erklärung der Fed.

Die spannende Frage ist, ob das zusätzliche Geld der Fed im Finanzsystem am Ende auch bei Unternehmen ankommt. Doch genau daran gibt es Zweifel. Denn bei Banken mangelt es dank der bisher schon sehr lockeren Fed-Politik nicht etwa an Geld, sondern an Vertrauen in die Zukunft: Die Finanzhäuser bunkern bereits billionenschwere Reserven bei der Fed. In den Wirtschaftskreislauf gerät dieses Geld damit nicht, dazu müssten die Finanzhäuser das Geld an Unternehmen verleihen. Das wiederum scheuen sie aber, sei es wegen der wirtschaftlich unsicheren Aussichten und der Angst vor Kreditausfällen, sei es wegen steigender Anforderungen an Banken, Kredite ordentlich abzusichern. Der positive Konjunktureffekt durch QE3 steht damit in den Sternen.

Aktionäre jubeln, Dollar leidet

An den Finanzmärkten wirbelt QE3 die Kurse hingegen mächtig durcheinander. Weil als relativ sicher geltende Anlageformen wie Staatsanleihen bestimmter Staaten stark gefragt sind, sinken deren Renditen immer weiter. Die Zinserträge, die Investoren am Markt erhalten, liegen oftmals unterhalb der Inflationsrate. Dadurch bescheren sie Anlegern Vermögensverluste. Zugleich fließt durch die Zentralbankeingriffe noch mehr Geld ins Finanzsystem, dass letztlich Anlageziele sucht.

In einer Art Anlagenotstand zwingen die Marktpreise Anleger förmlich, ihr Geld in riskantere Anlageformen wie Aktien oder Rohstoffen zu investieren. Den Bullen an den Aktienmärkten hat die Fed damit einen weiteren Freibrief für steigende Kurse geliefert. Nicht nur an den US-Börsen steigen die Kurse auf breiter Front, auch an den Leitbörsen in Asien und Europa ziehen die Indizes deutlich an. "Die Party geht weiter", sagte ein Börsianer. Künftig gebe es noch mehr Kapital für die europäischen Finanzmärkte. "In Amerika wird Geld jetzt noch billiger, also verlagern Investoren einen Teil erst einmal nach Europa. Und um es hier zu parken, gehen sie hauptsächlich in Aktien, weil Anleihen wegen der Schuldenkrise vergleichsweise riskant sind."

Auch an den Rohstoffmärkten beflügelt QE3 die Kurse von Industrie- und Edelmetallen sowie Öl. In der Hoffnung auf eine anziehende Nachfrage verteuerte sich amerikanisches WTI-Öl um 1,3 Prozent auf rund 100 Dollar. Europäisches Brent-Öl kostete ebenfalls rund 1,3 Prozent mehr. Die Tonne Kupfer war zu einem Preis von 8371 Dollar so teuer wie seit fast fünf Monaten nicht mehr.

Doch die Liquiditätsschwemme hat auch eine Kehrseite: Die Angst vor Inflation. Sie ist es Händlern zufolge auch, die den Goldpreis auf den höchsten Stand seit sechs Monaten treibt. Als vermeintlich sicherer Hafen ist Gold bei Investoren vor allem dann gefragt, wenn die Zweifel an der Stabilität und Solidität gebräuchlicher Währungen wachsen.

Auch am Devisenmarkt offenbart die Sorge vor den langfristigen Folgen der ultralockeren Geldpolitik sinkendes Vertrauen in den US-Dollar. Nach Bekanntgabe des neuen Fed-Programms fiel der Dollar gegenüber einem Korb sechs anderer wichtiger Währungen auf das tiefste Niveau seit vier Monaten. Das Misstrauen des Marktes an der Stabilität des US-Dollar wächst also. Das könnte nur ein Vorgeschmack sein auf die längerfristigen Folgen für die Leitwährung der Welt, sollte die Fed den Geldhahn nicht zeitig genug wieder zudrehen.

Quelle: n-tv.de

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