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Dass sich das Tote Meer immer mehr zurückzieht, ist vielerorts deutlich zu erkennen, wie an diesem veralteten Steg.
Dass sich das Tote Meer immer mehr zurückzieht, ist vielerorts deutlich zu erkennen, wie an diesem veralteten Steg.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Riesiger Zweimeereskanal in Bau: Was steckt hinter dem "Rot-Tot-Projekt"?

Seit Jahrzehnten trocknet das Tote Meer aus. Schon 2050 könnte es verschwunden sein. Um das zu verhindern, soll ein spektakulärer Kanal zum Roten Meer gebaut werden. Doch nicht nur Umweltschützer betrachten das Mammutprojekt äußerst kritisch.

Hunderte neue Erdspalten haben sich dieses Jahr am Westufer des Toten Meeres plötzlich aufgetan. Zwei beliebte Strandbäder mussten schließen. Die Küstenstraße wurde mehrfach gesperrt und geflickt. Ursache ist das allmähliche Verschwinden des Salzmeeres, das bis 2050 komplett auszutrocknen droht. Da lässt die Nachricht vom Monatsbeginn aufhorchen, nun werde tatsächlich mit dem Bau des Zweimeereskanals begonnen, der das Tote Meer mittels Einspeisungen aus dem Roten Meer retten soll.

In der näheren Umgebung des Toten Meeres tun sich immer häufiger Erdspalten auf.
In der näheren Umgebung des Toten Meeres tun sich immer häufiger Erdspalten auf.(Foto: REUTERS)

Dieses gigantische Projekt klingt plausibel. Doch die Erfolgsaussichten bleiben äußerst fraglich. Nur wenn die natürlichen Zuflüsse wieder hergestellt werden, wird nach Expertenansicht das Gewässer am tiefsten Punkt der Erde gerettet. Jährlich sinkt dort der Spiegel um rund einen Meter.

Die Austrocknung des großen Binnenmeeres begann schon vor fünfzig Jahren, weil Israel, Jordanien und Syrien zu viel Wasser aus Jordan und Jarmuk entnehmen. Das Tote Meer hat einen enorm hohen Salzgehalt und ist wegen seiner besonderen Eigenschaften eine Touristenattraktion. Seitdem wurde die Idee einer Hilfspipeline aus dem Golf von Akaba immer wieder erwogen.

Mammutprojekt am Golf von Akaba

Vor zwei Jahren unterzeichneten Israelis, Jordanier und Palästinenser unter Schirmherrschaft der Weltbank eine Vereinbarung, die jetzt schrittweise in die Tat umgesetzt wird. Als erstes schrieb Jordanien Aufträge für den Bau von gigantischen Infrastrukturprojekten aus, die rund 830 Millionen Euro kosten sollen.

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Jedoch: Das in Fachkreisen als "Rot-Tot-Projekt" umschriebene Vorhaben soll zwei verschiedene Ziele erreichen. Das eine, der Ausbau der regionalen Süßwasserversorgung, ist wirtschaftlich, ökologisch und politisch unumstritten. Das andere, die Auffüllung des Toten Meers, ist bisher nur ein Großversuch.

In einer ersten Phase sollen am Nordende des Golfs von Akaba Pumpstationen und eine Entsalzungsanlage errichtet werden. Jährlich können dann bis zu 300 Millionen Kubikmeter Wasser entnommen werden. Davon sollen rund 80 Millionen entsalzt werden, von denen der benachbarte israelische Badeort Eilat 50 Millionen erhält. Im Gegenzug liefert Israel die gleiche Menge Süßwasser aus dem See Genezareth nach Nordjordanien mit der Hauptstadt Amman. Und den palästinensischen Wohngebieten im Westjordanland werden von Israel weitere 30 Millionen Kubikmeter Wasser zu Erzeugungskosten zur Verfügung gestellt.

Gidon Bromberg, Leiter des israelischen Zweigs von EcoPeace Middle East, sieht bis hierhin nur Vorteile: Subregionale, grenzüberschreitende Lösungen seien genau richtig. Die zweite Phase, eine teils als Pipeline, teils als offenes Aquädukt angelegte 180 Kilometer lange Verbindung zum Toten Meer, hält dagegen nicht nur Bromberg für enorm teuren und potenziell schädlichen Unsinn.

Umweltschützer schlagen Alarm

Über die Leitung sollen versuchsweise jährlich rund 100 Millionen Kubikmeter Rotmeerwasser, angedickt mit der in Akaba anfallenden Salzlake, am jordanischen Ostufer dem Toten Meer zugeführt und verwirbelt werden. Umweltschützer und wissenschaftliche Studien, darunter auch eine der Weltbank, warnen vor folgenschweren Risiken: Schädigung der Grundwasservorkommen entlang des Aquädukts sowie Algenbildung und großflächige Gipsbildung im Toten Meer.

Aus diesem Grund ist die Menge begrenzt, die frühestens ab 2024 zugeführt werden soll. Sie reicht bei weitem nicht aus, den Jahresverlust des Toten Meers von 700 Millionen Kubikmeter Wasser zu kompensieren.

Bromberg sieht deshalb hinter dem spektakulären Zweimeereskanal vor allem die Absicht, internationale Finanzunterstützung zu mobilisieren. Damit könnten dann zwei geplante Wasserkraftwerke realisiert werden, die das Gefälle bis zum 428 Meter unter Normalnull gelegenen Toten Meer nutzen.

Das lenke aber ab von den eigentlich notwendigen Schritten: Eine sparsamere Wasserwirtschaft am Oberlauf des Jordan und seiner Nebenflüsse sowie die Beschränkung der lukrativen Mineralstoffgewinnung, für die in beiden Ländern zahlreiche Verdunstungsbecken angelegt wurden.

Quelle: n-tv.de

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