Wirtschaft
Viele Anleger stecken tiefer in der Zinsfalle, als sie glauben.
Viele Anleger stecken tiefer in der Zinsfalle, als sie glauben.(Foto: imago stock&people)

"Theoretisch ist das Enteignung": Wenn die Zinsfalle zuschnappt

Den Blick auf die Zinserträge kann Anleger sich derzeit getrost sparen. Fondsmanager Eckhard Sauren erklärt im n-tv.de-Interview jedoch, warum alles noch viel schlimmer wird, wenn die Zinsen erstmal wieder steigen.

n-tv.de: Was ist für Sie die Zinsfalle?

Eckhard Sauren: Die Zinsfalle beschreibt das Problem, dass in vielen Anlageklassen keine vernünftige Verzinsung mehr erzielt werden kann. Und das viele Anleger künftig sehr wahrscheinlich nur noch eine Verzinsung erzielen werden, die potenziell unter der Inflationsrate liegt. Theoretisch findet da nominal sogar eine Enteignung statt. Das hört sich immer ein bisschen krass an, weil wir am Ende des Tages von kleinen Prozentsätzen reden. Aber Fakt ist, dass das Vermögen für viele Anleger nur noch minimal wachsen wird.

Es stehen ja auch aktuell nicht nur Mini-Zinsen, sondern auch ein realer Negativ-Zins im Raum.

Genau. Wir haben historische Niedrigzinsen, von denen der Anleger in viel mehr Bereichen seines Portfolios betroffen ist, als er häufig glaubt. Beispielsweise bei seiner Lebensversicherung. Lebensversicherer sind im Schnitt zu 90 Prozent in festverzinslichen Wertpapieren investiert. Gleichzeitig leidet der Anleger im klassischen Geldmarktbereich unter den niedrigen Zinsen, etwa in seinen rentenorientierten Investments.

"Die Zinsfalle" ist im FBV erschienen und gehört zur n-tv Buchtipp-Reihe. 256 Seiten, 19,99 Euro
"Die Zinsfalle" ist im FBV erschienen und gehört zur n-tv Buchtipp-Reihe. 256 Seiten, 19,99 Euro

Bleiben wir beim Beispiel Lebensversicherungen. Beim Thema Portfolio/Sparbücher leuchtet den meisten sofort ein, dass sie hier unter Niedrigzinsen leiden. Bei Lebensversicherungen ist das nicht auf den ersten Blick zu sehen.

Lebensversicherer legen klassischerweise im Anleihebereich langfristig konservativ an. Dort gibt es bei zehnjährigen Bundesanleihen aktuell ungefähr 0,3 Prozent Rendite, auch Unternehmensanleihen bringen nur noch ein gutes Prozent Rendite. Die Lebensversicherer haben aber Garantieversprechen von im Durchschnitt 2,75 Prozent gegeben. Die können sie an den Kapitalmärkten einfach nicht mehr erzielen. Je länger die Zinsen so niedrig bleiben, desto mehr Lebensversicherungen werden nicht mehr in der Lage sein, ihre Garantieversprechen zu erfüllen. Viele Anleger haben in dem Vertrauen, dass die Garantien gehalten werden, jahrzehntelang ihre Altersvorsorge über eine Lebensversicherung angespart. Für sie besteht die ernsthafte Gefahr, enttäuscht zu werden.

Ihrer Einschätzung nach sind die meisten Anleger nicht auf ein Umfeld mit langfristig niedrigen Zinsen vorbereitet. Sie schreiben in Ihrem Buch aber auch, dass sie nicht mit potenziellen Zinsanstiegen rechnen. Worauf setzen diese Anleger dann?

Das größere Problem für die Privatanleger ist, dass sie in den letzten Jahrzehnten eigentlich immer rückläufige Zinsen hatten, wodurch viele Anlageformen nochmal Rückenwind bekommen und zusätzliche Kursgewinne eingefahren haben. Beispielsweise steigen alle klassischen Anleihen im Kurs, wenn die Zinsen sinken. Auch die Rentenfonds, Unternehmensfonds oder konservative Mischfonds haben massiv von den rückläufigen Zinsen profitiert.

Viele Anleger sind nicht in der Lage, analytisch einzuschätzen, was es bedeutet, wenn die Zinsen unverändert niedrig bleiben oder wenn sie ansteigen. Wenn Zinsen niedrig bleiben, sorgt das dafür, dass man im Rentenbereich eigentlich keine vernünftigen Erträge mehr erzielen wird. Wenn man dann "nach Kosten" rechnet, bleibt keine Rendite übrig. Sollten die Zinsen ansteigen, ist das am Ende sogar das noch schlimmere Szenario, weil dann noch Kursverluste entstehen. Dann bleiben auch unter dem Strich Verluste übrig.

Das ist aber schwierig zu vermitteln, denn die meisten Anleger freuen sich erstmal über steigende Zinsen.

(Foto: Sauren Fonds-Service)

Ja, dann werden aber Alternativanlagen attraktiver. Und das ist erstmal negativ für die bestehende Anlageform. Die abgebildete Bundesanleihe zeigt das sehr schön. Wenn man diese beispielsweise vor vier, fünf Jahren gekauft hat, ist sie mittlerweile 15 Prozent im Kurs angestiegen. Sie wird aber am Ende der Laufzeit zu 100 Prozent zurückgezahlt. Da sieht man ja sehr einfach, dass man in der nächsten Zeit garantiert 15 Prozent Kursverlust machen wird.

Die Bundesanleihe ist natürlich deshalb um 15 Prozent angestiegen, weil man einen Kupon von 3,75 Prozent erhalten hat und auf heutiger Basis überhaupt nichts mehr an Verzinsung bekommt. Die ganze Verzinsung auf das eingesetzte Kapital ist aber komplett im Kurs enthalten.

Das Thema ist schwierig, weil viele Anleger Investmentfondsstrategien in diesem Segment haben und dieses Zusammenwirken nicht hundertprozentig verstehen. Sie wurden aber bisher in ihrer Strategie unterstützt, weil die Ergebnisse gut waren. Je länger Ergebnisse gut sind, je wohler fühlt sich der Anleger. Das ist aber ein Trugschluss im Rentenmarkt. Denn man kann ja sehr simpel ausrechnen, dass aufgrund der aktuellen Verzinsung diese Zeiten vorbei sind und auch so schnell nicht wiederkommen werden.

Einige Vermögensverwalter sind aber der Meinung, auch im Hinblick auf die sich abzeichnende Deflation, dass wir zumindest in diesem Jahr noch nichts von einer Zinswende sehen werden.

Ja, das kann sein, aber dann werden die Anleger trotzdem nicht viel verdienen. Die einzige Chance wäre, dass die Zinsen tatsächlich massiv ins Negative gehen, dann könnte man kurzfristig, taktisch noch mal ein bisschen was verdienen. Zwei, drei Prozent. Aber auch keine fünf, sechs, sieben Prozent, wie es in den letzten Jahren war. Das geht mathematisch schon nicht mehr, weil wir auf einer so niedrigen Ausgangsbasis gelandet sind.

Praktisch sollte ein Anleger sich überlegen, ob es für ihn Sinn macht, dem deutschen Staat zehn Jahre lang Geld zu leihen und dafür eine Verzinsung von 0,3 Prozent zu bekommen. Wohl wissend, dass wenn die Zinsen beispielsweise um ein Prozent ansteigen, er einen Kursverlust von ungefähr 9,8 Prozent hat. Das sind einfach Ertrag-Risiko-Verhältnisse, die nicht sinnvoll sind.

Keine der Anlageklassen sieht derzeit attraktiv aus – Anleihen, Immobilien, Aktien, Lebensversicherungen, ganz zu schweigen vom Sparbuch. Überall ist der Zinswurm drin – was soll man tun?

Zunächst mal sollte man grundsätzlich breit über viele Anlageklassen diversifiziert sein, um die Risiken besser zu verteilen. Dann sollte jeder Anleger eine Aktienquote haben, die er mit seiner Risikotragfähigkeit vereinbaren kann.

Wir glauben nämlich schon, dass Aktien eine sinnvolle Alternative an dieser Stelle sind. Dann sollte man unserer Ansicht nach auf flexible und Absolute-Return-Strategien setzen, die von Managern verwaltet werden. Und zwar von solchen, die in der Lage sind, auch Mehrwerte zu generieren.

Einige Vermögensverwalter sind der Meinung, nur Gold und Bares sind noch Wahres. Was sagen Sie dazu?

Tja, Bargeld ist unverzinst. Man verliert die Inflationsrate. Das ist keine besonders sinnvolle Sache. Solange das Bankensystem einigermaßen funktioniert und man halbwegs vernünftige Anlagemöglichkeiten findet, machen beispielsweise Absolute-Return-Investmentstrategien mehr Sinn als Bargeld zu horten.

Auch bei Gold gibt es keinen Zins oder eine Dividende. Man setzt darauf, dass sich der Preis positiv entwickelt. Das kann man mit einem kleinen Portfolioanteil machen, wohl wissend, das Gold eine sehr hohe Volatilität hat, das haben wir in letzter Zeit oft genug gesehen. Wenn sich ein Anleger mit ein, zwei, drei Prozent Goldanteil sicherer fühlt, dann ist das eine sinnvolle Diversifikation. Aber es sollte kein großes Anlagethema sein. Diese würde rein auf der Hoffnung basieren, dass der Preis steigt, was am Ende keiner wirklich vorhersagen kann.

Mit der Verzweiflung über den Niedrigzins steigt auf der Suche nach Rendite auch die Verzweiflung der Anleger. Ist das manchmal auch kontraproduktiv für den Markt?

Es ist notwendig, weil die meisten Anleger in den vergangenen Jahren viel zu defensiv investiert waren. Der typische deutsche Anleger hat eine deutlich zu niedrige Aktienquote. Von daher würden wir mehr Risikofreude vom Grundsatz her erstmal begrüßen. Entscheidend ist natürlich, das man sich seine Risikobereitschaft gut überlegt und auch langfristig durchhalten kann. Und nicht bei den ersten großen Schwankungen denkt: "Um Himmels willen, da verkaufe ich lieber." Man sollte eine einmal als sinnvoll erachtete Aktienquote auch langfristig halten. Insbesondere in schwierigen Zeiten. Ein gesundes Maß an Risikofreude ist aber allemal berechtigt und sinnvoll.

Haben die Deutschen auch wegen ihrer Sparermentalität ein Problem mit der Zinsfalle? Hierzulande sind die Zinsen sogar noch niedriger als in anderen Ländern im Euroraum.

Wir leiden schon mehr da drunter, sind aber auch selber schuld dran. Der deutsche Anleger ist traditionell zu konservativ investiert. Die Zinsen sind zwar niedriger als irgendwo anders in Euro-Raum oder in Amerika. Dort ist auch eine viel stärkere Aktienkultur vorhanden. Das heißt, die amerikanischen oder britischen Anleger haben in den vergangenen Jahren auch über die Aktienseite immer vernünftige Erträge erzielt. Viele Deutsche haben niedrige Aktienquoten, konnten über ihre Renteninvestments auch gute Erträge erwirtschaften. Aber das wird absehbar nicht mehr funktionieren.

Hinzu kommt, dass das Altersvorsorgesystem hierzulande extrem konservativ aufgebaut ist. Die deutschen Lebensversicherungen haben eine Durchschnittsaktienquote von fünf Prozent haben. Da sind britische und amerikanische Versicherungen weitaus besser aufgestellt. Die deutsche Lebensversicherungssystematik kann eine dauerhafte Niedrigzinsphase nicht schadlos überstehen. Global gesehen sind nur die Schweiz und Japan ähnlich stark betroffen.

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Quelle: n-tv.de

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