Wirtschaft
Über eine Milliarde Euro Schulden sind der Knackpunkt bei Air Berlins Rettung.
Über eine Milliarde Euro Schulden sind der Knackpunkt bei Air Berlins Rettung.(Foto: picture alliance / Marcel Kusch/)

"Eine Insolvenz ist kein Thema": Wer zahlt die Zeche für Air Berlin?

Von Hannes Vogel

Millionenverluste, Milliardenschulden und Beruhigungspillen des Managements: Bei Deutschlands zweitgrößter Fluglinie kann es nicht weitergehen wie bisher. Jemand muss die Finanzlöcher stopfen. Am Ende könnte das auch der Steuerzahler sein.

Geht es nach Dimitri Courtelis, ist die Dauerkrise bei Air Berlin bald vorbei. Mit dem Blick nach vorn versucht der Finanzchef der zweitgrößten deutschen Airline Hoffnung zu verbreiten: Man peile für 2018 Gewinne auf operativer Ebene an, sagte Courtelis auf der Hauptversammlung in London. 2017 sei ein Jahr des Übergangs bei der schwer angeschlagenen Fluglinie.

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Die Ausflüchte des Managements werden immer grotesker: Man sei Marktführer im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen und der Bundeshauptstadt Berlin, versuchte sich Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann vor den Aktionären zu brüsten - ein ziemliches Armutszeugnis für eine interkontinental agierende Fluglinie. "Eine Insolvenz ist kein Thema für uns", beschwichtigt auch eine Air-Berlin-Sprecherin. Dabei ist die Gefahr groß: Seit gut einem Jahrzehnt schreibt Air Berlin fast kontinuierlich rote Zahlen, fast 800 Millionen Euro Verlust allein im letzten Jahr.

Über eine Milliarde Euro Schulden drücken die Airline. Zieht man sie vom Vermögen ab, bleibt nichts übrig. Dreht Großaktionär Etihad den Hahn zu, ist Air Berlin pleite. Es bestehe eine "wesentliche Unsicherheit", die "bedeutsame Zweifel an der Fähigkeit der Unternehmensfortführung des Konzerns begründen könnte", warnen selbst die eigenen Wirtschaftsprüfer von KPMG in bestem Buchhalterdeutsch. Längst lotet Air Berlin Staatshilfen aus. Denn irgendjemand muss die aufgelaufenen Verluste übernehmen, wenn die Fluglinie eine Zukunft haben soll. Findet sich niemand, sind ihre Tage gezählt.

Lufthansa will Air Berlin nur geschenkt

Den großen Retter sehen manche in der Lufthansa. Die Kranich-Airline hat auch wachsendes Interesse, zumindest Teile von Air Berlin zu übernehmen. Doch Lufthansa-Chef Carsten Spohr macht immer wieder klar, dass er Air Berlin zwar gerne nimmt, aber nur geschenkt - wenn vorher also jemand alle Schulden zahlt.

Kein Wunder: Warum soll Lufthansa Geld für eine Fluglinie ausgeben, in der keinerlei Vermögen, sondern nur noch Schulden stecken? Auch operativ macht die Übernahme aller Strecken keinen Sinn: Viele sind unprofitabel, die Konkurrenz durch Billigflieger wie Easyjet und Ryanair verdirbt die Preise. Um die größte Hürde für die Rettung von Air Berlin aus dem Weg zu räumen, sieht Spohr vor allem einen in der Pflicht: "Die Schuldenfrage kann nur Abu Dhabi lösen", sagte der Lufthansa-Chef bereits im Mai.

Etihad will kein Geld mehr versenken

Seit 2011 hat Etihad, die staatliche Fluglinie der Vereinigten Arabischen Emirate, als größter Aktionär immer mehr Geld in Air Berlin gepumpt. Doch die Geduld der Geldgeber vom Golf geht zur Neige. Noch bis Oktober 2018 haben sie Air Berlin ihre Unterstützung zugesagt. Spätestens dann dürfte Schluss sein.

Auch aus Sicht von Etihad macht es finanziell keinen Sinn, Air Berlin die Schulden abzunehmen, um die Fluglinie für eine Übernahme aufzuhübschen. Denn das wäre eine Art Begrüßungsgeschenk für die neuen Eigentümer - auf Kosten von Etihad. Dass sie ihr Geld nicht wiedersehen werden, ist den Scheichs längst klar. Dass sie ihrem verlorenen Geld noch zusätzliches hinterherwerfen sollen, mögen sie verständlicherweise nicht einsehen. Etwas ketzerisch könnte man sagen: Sie haben schon so viel Geld in Air Berlin versenkt, dass es auf eine weitere Milliarde nun auch nicht mehr ankommt. Aber irgendwann ist damit eben Schluss.

Der Staat will kein Steuergeld verbrennen

Noch jemand ziert sich gewaltig, Air Berlins Verluste wegzutragen: die Wirtschaftsministerien in Berlin, Nordrhein-Westfalen und im Bund. Bei ihnen hat Air Berlin Anträge auf Prüfungen von Staatsbürgschaften gestellt. "Die Situation von Air Berlin ist prekär, sonst würde so ein Antrag nicht gestellt", sagt Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries. Deshalb muss Air Berlin ein tragfähiges Sanierungskonzept vorlegen, bevor der Staat der Airline womöglich unter die Flügel greift.

Doch das ist bislang nicht absehbar. Der Chef der Monopolkommission ist deshalb gegen Staatshilfen für Air Berlin: "Wenn ein Unternehmen schlecht gewirtschaftet hat oder sein Geschäftsmodell nicht stimmt, dann sollte der Staat es nicht künstlich am Leben erhalten", warnt Achim Wambach in der "Welt".

Das Management will die Staatshilfe angeblich nur vorübergehend: "Eine Landesbürgschaft von Nordrhein-Westfalen und Berlin wäre als Unterstützung für den Umbau willkommen", sagte Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann auf der Hauptversammlung. Sein Plan lautet: Air Berlin verschlanken, in die schwarzen Zahlen zurückfliegen, und die horrenden Schulden von heute mit den Gewinnen von morgen langsam abstottern. Das hat Air Berlin bereits erfolglos versucht. Und selbst wenn es noch klappen sollte, wird es Jahre dauern. Falls nicht, zahlt womöglich der Steuerzahler die Zeche.

Quelle: n-tv.de

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