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Vor allem actiongeladene Sportarten erfreuen sich der kleinen Kameras.
Vor allem actiongeladene Sportarten erfreuen sich der kleinen Kameras.(Foto: REUTERS)

Den Blick geschärft: Wie lange dauert die Gopro-Party?

Das Gopro-Börsendebüt sorgt für Aufregung. Die kleinen Kameras des Unternehmens gehören beinahe zur Grundausstattung actionreicher Sportarten. Zuletzt haben immer Handys vergleichbare Hypes abgewürgt. Und just der Auslöser dafür könnte auferstehen.

Irgendwie hat plötzlich jeder das Bedürfnis, die Welt aus einem neuen Betrachtungswinkel zu sehen. Im März gab Facebook zwei Milliarden US-Dollar für Oculus VR aus. Oculus entwickelt Datenbrillen, die ihrem Nutzer über zwei kleine, getrennte Bildschirme eine virtuelle Umgebung vorgaukeln. Wohlgemerkt, einem Entwickler: Die Geräte sind noch längst nicht marktreif.

Und im vergangenen Monat kaufte die Google-Tochter Nest für 555 Millionen Dollar Dropcam. Das Unternehmen aus San Francisco baut kleine Überwachungskameras für den Hausgebrauch, die ihre Videobilder über Wi-Fi-Verbindungen im Internet übertragen.

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Aber den besten Beweis der Versessenheit auf neue Blickwinkel lieferte der fulminante Börsenstart von Gopro, dem Hersteller von Kameras, die am Körper oder an der Sportausrüstung befestigt werden. Eigentlich wurden die robusten Körperkameras für Leistungssportler entwickelt, die ihre Abenteuer filmen und mit einer interessierten Öffentlichkeit teilen wollen. Inzwischen sind sie auf Skipisten, bei Mountainbike-Rennen, in Surfbrandungen oder bei anderen actionreichen Sportereignissen allgegenwärtig.

Und nicht nur beim Leistungssport: Der letzte Reißer sind die Aufnahmen, die ein Mann mit seiner am Stirnband befestigten Gopro-Kamera gemacht hat, während er seine Frau zur Entbindung ins Krankenhaus fuhr. Die Kamera lief weiter, selbst als das Baby vorzeitig auf dem Parkplatz des Krankenhauses zur Welt kam. Mehr als 1,8 Millionen Menschen haben sich den Clip auf Youtube bereits angesehen.

Was ist Gopro eigentlich?

Gopro selbst sieht sich zunehmend als Medienunternehmen. So heißt es etwa im jüngsten Börsenprospekt: "Ob Profis oder Laien, ob sie über das Außergewöhnliche oder das Allgegenwärtigen gerichten: Gopro hat die Menschen dieser Erde in die Lage versetzt, ihre Erlebnisse aufzuzeichnen und ihre Leidenschaften mit anderen zu teilen. Und im Gegenzug ermöglicht die Welt Gopro, eines der aufregendsten und aufstrebendsten Unternehmen unserer Zeit zu sein."

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Anleger sehen darin offenbar ein unbegrenztes Versprechen. Der Wert der Gopro-Aktie ist seit dem Börsendebüt am 25. Juni um 63 Prozent in die Höhe geschossen, vergangene Woche schloss die Aktie bei 39 US-Dollar. Das Unternehmen wird damit am Kapitalmarkt mit 4,8 Milliarden Dollar bewertet - das 83-fache des Vorjahresgewinns.

Ciscos Kamera-Abenteuer scheiterte

In gewisser Weise ist die Aufregung über Gopro eine kuriose Rückwende zu den Zeiten vor den Smartphones. Denn es ist mittlerweile richtig schwierig, technische Geräte zu finden, die nicht in der Leistungsvielfalt der Smartphones aufgegangen sind.

Und GoPro könnte das gleiche Schicksal bevorstehen. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte um Flip, jene revolutionäre Kamera, die Cisco System 2009 für 590 Millionen Dollar aufkaufte. Cisco hoffte, dass Besitzer die Kamera und das Cisco-Netzwerk nutzen würden, um Filme schnell hochzuladen. Doch an Youtube und Apple war kein Vorbeikommen.

Gopro sollte also gewarnt sein. Die kleinen Wundertelefone von heute haben schon den Markt für Kompaktkameras kaputt gemacht - man Frage nur die führenden japanischen Kamera-Hersteller Nikon und Canon. In den vergangenen drei Jahren haben die Aktien dieser beiden Hersteller 19 beziehungsweise 30 Prozent ihres Werts eingebüßt.

OmniVision - Opfer des eigenen Erfolgs

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Ironischerweise ist das Unternehmen, das ursprünglich die Verwerfungen am Kameramarkt ausgelöst hat, von den Anlegern längst vergessen worden. Omnivision Technologies, der größte Hersteller von Halbleiter-Bildsensoren für Digitalkameras, hat einst Apple und anderen dabei geholfen, ihre Telefone zu ernsthaften Alternativen zu "echten" Kameras zu machen. Heute stellt das Unternehmen aus dem kalifornischen Santa Clara winzige Bildsensoren her, die zwischen 40 Cents und 4 Dollar kosten.

Vor einigen Jahren habe Apple noch für 45 Prozent der Umsätze bei Omnivision, sagt Rajvindra Gill, der für die Investmentbank Needham die Halbleiterindustrie beobachtet. Das änderte sich, als Apple beim iPhone 4S nicht mehr Sensoren von Omnivision einbaute, sondern von Sony. Der Aktienkurs von OmniVision ist seither um 40 Prozent eingebrochen.

Die gute Nachricht für Omnivision ist, dass künftige Entscheidungen von Apple längst nicht mehr einen so großen Einfluss auf das Schicksal des Unternehmens haben werden. Das Geschäft wurde längst durch eine Vielzahl chinesischer Smartphones ersetzt, und eine Welle neuer Gopro-ähnlicher Kameramodelle würde mit Sicherheit auch neue Geschäftsfelder für Omnivision erzeugen.

Den meisten Investoren sind diese Zusammenhänge verborgen geblieben. Denn während die Gopro-Aktie in den vergangenen beiden Wochen ihren Höhenflug machte, blieb die Omnivision-Aktie nahezu unbewegt. Sie beschloss die letzte Börsenwoche bei etwa 22 Dollar.

Zukunftsmarkt Auto

Omnivisions größte Chance könnte der Automobilmarkt werden, der sich ja ohnehin schon zu einem riesigen Wachstumsmarkt für Technologiefirmen entwickelt hat. Ab 2018 wird es zum Beispiel in den USA Pflicht, alle Neuwagen mit Rückfahrkameras auszustatten. Das könnte der Anfang sein.

In der Premiumklasse werden schon heute zunehmend Bildsensoren bei Sicherheits-Features wie die Spurhalte- und Spurwechselprogrammen genutzt. Für Experte Gill wird die Entwicklung noch weiter gehen: In Zukunft könnten Kameras an die Stelle der Außenspiegel treten: Sie sind kleiner, leichter und damit aerodynamischer.

Die Halbleiterindustrie hat die Chance bereits erkannt und sich auf die Bedürfnisse der Autoindustrie eingestellt. ON Semiconductor kaufte bereits Aptina Imaging für 400 Millionen Dollar in bar. Aptina ist der führende Hersteller von Bildsensoren für die Automobilindustrie, Omnivision ist laut den Berechnungen von Gill die Nummer zwei. Gill ist daher auch einer der wenigen Analysten an der Wall Street, der bullisch für Omnivision eingestellt ist. Seine Empfehlung lautet Kaufen mit einem Kursziel von 27 Dollar.

Markt erwartet Schreckensmeldungen

Derzeit aber stellt sich der Markt eher auf Schreckensmeldungen ein. Im Schnitt rechnen die Wall Street-Analysten damit, dass die Umsätze von Omnivision um vier Prozent auf 1,39 Milliarden Dollar fallen werden. Die Gewinne könnten aus Expertensicht sogar um 29 Prozent einbrechen. Weil aber die Apple-Abhängigkeit ein Merkmal der Vergangenheit ist, sollten sich die Zahlen bei Omnivision bald wieder bessern.

Derzeit wird das Unternehmen an der Börse mit 1,2 Milliarden Dollar bewertet. Allerdings hat Omnivision 450 Millionen Dollar an Barmitteln auf den Büchern. Zieht man diese ab, handelt die Aktie beim 8,7-fachen des erwarteten Gewinns. In dieser Welt der heißen Technologie-Neuigkeiten werden so konservative Dinge wie faktische Bewertungen gerne vergessen.

Bei Omnivision sollten die Anleger die Sachlage aus einem anderen Blickwinkel betrachten: Das Unternehmen wird zwar kaum seine eigene kleine Abenteuergeschichte ins Netz stellen, aber es wird vermutlich die Geräte ausstatten, die das tun.

Quelle: n-tv.de

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