Wirtschaft

Welt-Systemstressindex: Wir stehen vor Herausforderungen

Ein Gastbeitrag von Markus C. Zschaber

In welchem Zustand befindet sich die Weltwirtschaft? Um diese Frage zu beantworten, muss man nach China blicken.

Chinas Transformationsprozess, weg von der größten Werkbank der Welt, hin zu einer konsum- und dienstleistungsorientierten Volkswirtschaft, verläuft holpriger als es die meisten erwartet hätten. Währungseffekte wie der starke US-Dollar führten zusätzlich zu dynamischen Wettbewerbsverlusten der chinesischen Industrie, so die Aussage des "Instituts für Kapitalmarktanalyse Dr. Markus C. Zschaber mbH (IFK)", welches den "Welt-Systemstressindex" veröffentlicht.

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Die dazu noch seit Wochen mit hoher Dynamik fallenden Öl- und viele Rohstoffpreise lassen bei vielen Experten die Erinnerung an eine globale Deflationsfalle aufkommen, denn die fallenden Ölpreise zwingen wiederum große Staatsfonds beispielsweise aus Skandinavien, dem Nahen Osten oder aus Asien, das risikogewichtete Kapital in ihren milliardenschweren Portefeuilles abzubauen, welches den Druck auf den Finanzmärkten erhöht. Gleichzeitig schwächelt die Weltwirtschaft, da die rohstofforientierte Industriekonjunktur in Mitleidenschaft gezogen wird, und die wichtigsten Notenbanken befinden sich auch noch auf unterschiedlichen geldpolitischen Pfaden. Während die US-Notenbank versucht weitere Zinserhöhungen umzusetzen, stellen die Europäische Zentralbank und ihre Pendants aus Japan und China neue milliardenschwere Liquiditätsprogramme in Aussicht. Eine asymmetrische Geldpolitik führt aber zu sich schnell veränderten Kapitalströmen, die wiederum die Kapitalmärkte insgesamt beeinflussen.

"Die vielen makrofunktionalen Fronten, welche in den letzten vier bis sechs Wochen allesamt hohe Wechselwirkungen anzeigten, waren für das globale Wirtschaftsgefüge und für die Finanzmärkte schlichtweg zu viel. Wie wir alle seit Ludwig Erhard wissen, basiert Wirtschaft zu 50 Prozent auf Psychologie. Die Häufigkeit der globalen Eventrisiken, die einzeln betrachtet keine systemische Relevanz hatten, war in den letzten Wochen außergewöhnlich hoch, denn die Themen haben sich wechselseitig verstärkt und dies führte zu einem perfekten Sturm", so Markus Zschaber, Gründer des Vermögensverwalters V.M.Z. und Geschäftsführer des IFK in Köln.

Dr. Markus C. Zschaber
Dr. Markus C. Zschaber(Foto: V.M.Z. Vermögensverwaltungsgesellschaft Dr. Markus C. Zschaber mbH)

Die Gefahr dabei ist, dass aus einem stark angeschlagenen Sentiment in der Wirtschaft entsprechende realwirtschaftliche Folgewirkungen eintreten, sprich die Unternehmen auf die "Investitionsbremse" treten, Neueinstellungen einsparen oder sogar Beschäftigung abbauen und weniger Aufträge erteilen. Gleichzeitig die privaten Haushalte weniger konsumieren. Dies ist die eigentliche systemische Gefahr, welche es im Gesamtkontext gegenwärtig zu determinieren gilt.

Der "Welt-Systemstressindex" befindet sich aktuell sehr nahe an der "Nulllinie", welche bei einem Überschreiten höhere Belastung mit selbstverstärkenden Effekten für die Weltwirtschaft und die Weltfinanzmärkte suggerieren. Letztmals stieg die Stresskurve 2011 über besagte Grenze, kurz vor den Verwerfungen der Eurokrise. Die Experten des IFK in Köln sehen nach wie vor Chancen, dass der gegenwärtige systemische Stresslevel noch unter Kontrolle gebracht werden kann bzw. umzukehren ist, dies liegt allerdings ausschließlich in der Macht der Politik und der Notenbanken und den Folgeannahmen und Wirkungen die daraus entstehen!

Wichtig ist, dass die fundamentalen Faktoren in der weltweiten Konjunkturdynamik zwar durch die schwächeren Entwicklungen in den Schwellenländern negativ beeinflusst werden, andererseits die Industrienationen noch eine mehr und weniger robuste Ausgangslage in der Industrie (Ex Rohstoffindustrie) vorweisen und darüber hinaus im Dienstleistungssektor einen regelrechten Boom erleben. Dies sollte dazu führen, dass die Arbeitslosigkeit in diesem schwierigen Kontext nicht ansteigen wird, welches wiederum das Konsumentenvertrauen an sich stützen sollte.

Gute Chancen sieht Zschaber allerdings auch, dass die Notenbanken aus Europa, China und Japan aufgrund der deflationistischen Entwicklung bei den weltweiten Waren- und Güterpreisen sowie der niedrigen Inflation in den globalen Preisen für Dienstleistungen ausreichend Spielraum finden, weitere Liquiditätsprogramme zu starten. Dies könnte der positive Katalysator werden, welcher die negative Stimmungslage wieder umkehrt. Die primären realwirtschaftlichen Effekten sind bekanntermaßen durch derartige geldpolitische Maßnahmen begrenzt, vielleicht sogar mit abnehmendem Nutzen, allerdings haben sie immer noch Einfluss auf das Vertrauen in der Wirtschaft und damit sogenannte Sekundäreffekte, so sei Fazit.

Dies könnte im aktuellen Kontext ausreichen, die Unternehmen vor einer abrupten Neuadjustierung ihrer Geschäftsaussichten und damit mit negativen realwirtschaftlichen Anpassungen zu bewahren. Gleichzeitig sollte die Politik allen Akteuren suggerieren, dass sie bereit ist, zur Not konjunkturelle Stützungen vorzunehmen, sollte der Stress im System weiter zunehmen. In Europa kann hierfür aus politischer Sichtweise die Flüchtlingskrise als Argumentationsgrundlage herangeführt werden.

Zu den Verwerfungen in China, gerade auf den dortigen Finanzmärkten, bringen die Experten des IFK Köln folgendes auf einen Nenner: Ein planwirtschaftliches System agiert mit marktwirtschaftlichen Instrumenten. Die dortige Liberalisierung der Finanzmärkte ohne jegliche Erfahrungen hinsichtlich der Schwierigkeiten und Herausforderungen, die ein solcher Wandel mit sich bringt, führt zwangsweise zu gewissen Verwerfungen. Es fehlt schlicht und einfach der ordnungspolitische Rahmen am chinesischen Finanzmarkt. Ein weiterer Faktor gerade im Gesamtverständnis für die globalen Märkte bzw. deren Zusammenhänge ist, dass China keine vermögensbasierende Volkswirtschaft ist, deren gesamtwirtschaftlicher Zustand von der Bewertung von Vermögensgegenständen, wie beispielsweise von Aktien abhängig ist, wie z.B. die USA oder Europa, sondern wir dort eine einkommensgetriebene Volkwirtschaft vorfinden.

Der Unterschied ist eklatant, da in China die Kursturbulenzen an den Aktienmärkten oder Immobilienmärkten nur eine unausgeprägte makroökonomische oder volkswirtschafte Auswirkung bzw. Funktion haben. Sprich der steile Anstieg der Börsen in China in den letzten Jahren war und ist makroökonomisch irrelevant genauso wie jetzt auch der Kursverfall makroökonomisch irrelevant ist.

Zur konjunkturellen Lage in China: Analysiert man die die einzelnen Komponenten der gesamtwirtschaftlichen Zyklik, so kann festgehalten werden, dass einzelne Teile in der chinesischen Industrie (Schwerindustrie) schrumpfen und entsprechende Überkapazitäten abgebaut werden. Aber, fakt ist auch, China verzeichnet ein Wachstum von 6% im Jahr 2015 in der gesamtsektoralen Industrieproduktion. Richtig ist, dass das Wachstum in der Industrie früher zweistellig war und in den letzten sechs bis neun Monaten an Dynamik eingebüßt hat. Hintergrund ist, dass sich China in einem strukturellen Wandel befindet. "Wir erleben eine Verschiebung der ökonomischen Aggregate, welches allerdings politisch forciert war. Sprich die wirtschaftlichen Abhängigkeiten des Landes zur Industrie sollen politisch reduziert werden, während die binnenmarktwirtschaftlichen Komponenten (Konsumwirtschaft und Dienstleistung) gestärkt werden sollen. In beiden Bereichen (Konsumwirtschaft und Dienstleistung) können wir übrigens einen regelrechten Boom in China derzeit feststellen", führt Markus Zschaber aus.

Allerdings hat sich die Geschwindigkeit des industriellen Abbaus und des binnenwirtschaftlichen Aufbaus dramatisch in den letzten Monaten erhöht, aufgrund der starken Entwicklung des US-Dollars (die chinesische Währung ist an den US-Dollar noch gekoppelt) gegenüber allen anderen Handelsräumen. Die chinesische Politik hatte diesen Effekt eindeutig unterschätzt und interveniert seit dem Sommer 2015 an den Währungsmärkten um entsprechend entgegenzuwirken. Fakt ist, der systemische Stress aus China geht auf die besagte Dynamik der abflauende Produktion zurück, ohne Berücksichtigung, dass die Dienstleistung, der Einzelhandel und Konsum im Inland durchaus performen. Saldiert betrachtet wird China ein Wachstum von 6,5% gemessen am BIP erreichen. Wichtig wäre zu erwähnen, so die Experten des IFK Köln, die 6,5% von heute sind gemessen an realwirtschaftlicher Nachfrage viel höher, wie die 10% noch vor fünf Jahren, schlichtweg da sich die Bezugsgröße (BIP) vergrößert hat. Insofern sollte der Stressfaktor China zunehmend rationaler eingeordnet werden, welches Entlastungen für den systemischen Stress bedeutet.

Zusammengefasst: Hinsichtlich des aktuellen Stresslevel, gemessen am "Welt-Systemstressindex" man mit geteilter Meinung in die Zukunft. "Fakt ist, dass der angestiegene Stress vor allem im Finanzsystem und im Sentiment der Weltwirtschaft zu quantifizieren ist. Die negativen Wechselwirkungen sind sehr hoch und die Gefahr einer selbstverstärkenden Dynamik und damit eine Ausstrahlung bzw. Ansteckung des systemischen Stresses auf die Realwirtschaft sind akut. Gerade die Kapitalströme reagieren in der heutigen "Neuen Normalität" sehr stark Eventbezogen, wie am Beispiel der Notenbanken erkannt werden kann und wenn überhaupt nur noch partiell effizient bzw. sachlich angemessen", resümiert Zschaber. Er beschreibt dieses als eine neue Normalität und "Paradoxon der Instabilität", welche mit einer hohen Fragilität des Systems an den Finanzmärkten und der Realwirtschaft einhergeht: "Die Geschwindigkeit in denen realwirtschaftliche und finanzielle Zyklen sich einzeln oder gegenseitig umkehren oder verstärken ist atemberaubend. Diese Entwicklungen richtig zu antizipieren wird sicherlich auch in 2016 zu den größten Herausforderungen gehören. Dennoch die Politik und die Notenbanken müssen ein Zeichen setzen, dass sie alle dafür tun, dem systemischen Stress entgegenzuwirken. Die aktuellen verbalen Äußerungen bzw. Ankündigungen durch Mario Draghi oder seitens den Verantwortlichen der Bank of Japan und Bank of China, waren Schritte in die richtige Richtung, sie werden aber am Ende des Tages liefern müssen ", so der Experte weiter.

Funktionsweise Welt-Systemstressindex:

Da sich Finanz-, Währungs- und realwirtschaftliche Krisen typischerweise deutlich voneinander unterscheiden, muss für die Identifikation von systemischen Risiken eine Vielzahl an Variablen dynamisch herangezogen werden um eine Determination zu ermöglichen. Der „Welt-Systemstressindex“ operationalisiert die Interdependenzen zwischen den Finanzmärkten und den makroökonomischen Entwicklungen auf Basis von Veränderungen bzw. der Veränderungsgeschwindigkeit. Bis zu 6500 Variablen werden für die weltweite Bewertung berücksichtigt. Der Index bietet damit ein Gesamtbild über die Verfassung und Anfälligkeit der Weltkonjunktur, der Weltfinanzmärkte sowie deren wechselseitige Abhängigkeit.

Indexstände oberhalb eines Niveaus von 20 Punkten (maximaler Stress 100 Punkte) bedeuten ein Stressniveau, welches bereits hohe Belastungen für die Realwirtschaft und die Finanzmärkte suggeriert. Bewegt sich die Stresskurve dagegen unterhalb einem Indexstand von -20 Punkten (minimaler Stress -100 Punkte) bedeutet dies, dass eine Entspannung erfolgt, in der ein Umfeld für positive Entwicklungen und Normalverteilung vorherrscht. Die Niveaus zwischen +20 und -20 quantifizieren das neutrale Umfeld. In diesem Bereich ist Wachsamkeit gefordert, da hier, je nach Richtung (zunehmender oder abnehmender Stress), dynamische Anpassungen in der Weltkonjunktur und an den Finanzmärkten bereits auftreten können.

Die "Vermögensverwaltungsges. Dr. Markus C. Zschaber mbH" und das "Institut für Kapitalmarktanalyse (IFK) Köln" stellen den Index monatlich exklusiv der "Wirtschaftswoche" und dem Nachrichtensender n-tv zur Verfügung. Informationen zum Index finden Sie unter www.zschaber.de und www.kapitalmarktanalyse.com

Quelle: n-tv.de

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