Wirtschaft
Ist am Zug: GDL-Chef Claus Weselsky.
Ist am Zug: GDL-Chef Claus Weselsky.(Foto: dpa)
Mittwoch, 08. Oktober 2014

Interview mit GDL-Chef Weselsky: "Wir werden provoziert"

Die Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL) lässt die Muskeln spielen und legt bundesweit den Bahnverkehr lahm. Für GDL-Chef Claus Weselsky ist klar: Schuld daran ist allein der Bahnvorstand. Denn er ignoriere die Realität. Mit n-tv.de sprach Weselsky über Konkurrenzkämpfe, Tarifeinheit und den Untergang des Abendlandes.

n-tv.de Der bundesweite Streik der Lokführer ist beendet, die Nachwehen sind vor allem in den Ballungsräumen zu spüren. Wie sieht Ihre Bilanz des Ausstands aus?

Claus Weselsky: Zwischen 80 bis 90 Prozent der Züge sind ausgefallen. Wir sehen, dass unsere Mitglieder nicht nur für einen Streik gestimmt, sondern sich nun auch daran beteiligt haben. Das zeigt: Sie stehen hinter unseren Forderungen und sind bereit, dafür in den Arbeitskampf zu gehen.

Treffen Sie mit dem Streik nicht vor allem die Fahrgäste und weniger die Bahn?

Wir sind uns natürlich darüber im Klaren, dass wir auch die Fahrgäste treffen. Die bringen uns aber viel Verständnis entgegen, wofür ich mich ausdrücklich bedanken möchte. Ich habe mich am Morgen im Radio den Fragen von Hörern gestellt - und die Position der GDL ist dort auf große Zustimmung gestoßen.

Sie fordern fünf Prozent mehr Lohn bei zwei Stunden weniger Wochenarbeitszeit. Das klingt nicht so überzogen, als ob in Verhandlungen mit der Bahn keine Einigung erzielt werden kann. Müssen Sie dafür wirklich streiken?

Der Punkt ist doch: Wir haben bislang zwar miteinander gesprochen, allerdings ohne ein einziges Mal diese Inhalte zu thematisieren. Die Bahn täuscht der Öffentlichkeit vor, dass sie uns regelmäßig neue Angebote schickt. Zugleich verschweigt sie, dass sie uns Vorbedingungen stellt. Sie weigert sich, mit uns über alle GDL-Mitglieder zu verhandeln. Sie will mit uns nur über Lokführer sprechen. Damit ignoriert sie, dass 51 Prozent des Zugpersonals bei uns organisiert sind. Und wir haben das Recht, hier Tarifverträge abzuschließen.

Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) macht eine andere Rechnung auf. Sie klammert die Lokführer aus und sagt, dass 65 Prozent der Zugbegleiter bei ihr organisiert sind. Deshalb wird Ihnen vorgeworfen, es gehe der GDL nicht nur um Tarifpolitik. Es gehe vor allem darum, ihren Einfluss auszudehnen und im Konkurrenzkampf mit der EVG zu punkten …

Das ist ein weiteres Märchen, das die Bahn erzählt. Es ist schon erstaunlich, dass sich ein Arbeitgeber schützend vor eine Gewerkschaft stellt, die nach seinen eigenen Zahlen bei Eisenbahnverkehrsunternehmen nur einen Organisationsgrad von 21 Prozent hat. Ich behaupte doch nicht, dass die EVG die kleinere Gewerkschaft ist. Ihr Schwerpunkt liegt allerdings in der Infrastruktur, während unser Schwerpunkt beim Zugpersonal liegt.

Bisher hat die GDL ausschließlich für die Lokführer verhandelt. Warum bleibt es nicht dabei?

Weil wir für alle unsere Mitglieder, die mehrheitlich bei uns organisiert sind, Tarifverträge abschließen wollen. Und das sind nicht nur Lokführer.

Die Bundesregierung plant ein Gesetz, um die Tarifeinheit in den Betrieben wiederherzustellen und die Macht der Spartengewerkschaften zu beschneiden. Macht die GDL mit dem Streik nicht unfreiwillig Werbung für dieses Vorhaben?

Wir werden offensichtlich gezielt vom Arbeitgeber provoziert, um zu streiken und damit die Begründung für ein solches Gesetz abzuliefern. Seit 2010 wird doch behauptet, dass die Tarifpluralität der Untergang des Abendlandes sei. Bis jetzt hat aber nichts dazu ausgereicht, so ein Gesetz zur Tarifeinheit zu begründen. Jetzt streiken Piloten sowie Lokomotivführer - und das soll nun als Rechtfertigung dafür herhalten. Es kann doch nicht darum gehen, wer insgesamt wie viele Mitglieder hat. Entscheidend ist doch, wer in einzelnen Gruppen besser organisiert und aufgestellt ist. Wer das per Gesetz ändern und uns das Streikrecht entziehen will, der wird vor dem Bundesverfassungsgericht landen. Eine Lösung des Tarifkonflikts ist das nicht.

Die Tarifeinheit soll verhindern, dass konkurrierende Gewerkschaften ein Unternehmen mehrfach mit Streiks lahmlegen. Das klingt doch nachvollziehbar.

Wenn es denn so wäre, dass verschiedene Gewerkschaften ein Unternehmen nacheinander bestreiken und lahmlegen. In den gegenwärtigen Auseinandersetzungen ist das nicht der Fall. Hier werden Gewerkschaften in den Arbeitskampf gezwungen. Dazu kommt: Die von uns in den letzten Jahren erzielten Abschlüsse und Kompromisse sind für alle Eisenbahner umgesetzt worden. Ganz offensichtlich liegt das Problem woanders: Es gibt wieder Gewerkschaften, die gut organisiert sind. Nur 18 Prozent der Beschäftigten sind hierzulande Gewerkschaftsmitglieder. Und  nun knöpft man sich ausgerechnet die Gewerkschaften vor, die gut aufgestellt sind.

Dennoch stellt sich die Frage: Warum bündeln GDL und EVG nicht ihre Kräfte und kämpfen gemeinsam für alle Bahn-Beschäftigten?

Das liegt daran, dass wir die spezielleren Tarifverträge abgeschlossen haben. Das ist uns gelungen, weil wir näher an den bei uns organisierten Berufsgruppen dran sind. Wir kennen deren Probleme. Wir wissen, dass beim Zugpersonal die Arbeitszeit die entscheidende Komponente ist. Dort haben sich mehr als drei Millionen Überstunden angehäuft. Deshalb haben sich diese Kollegen für uns entschieden. Die Frage des gemeinsamen Verhandelns stellt sich deshalb nicht. Es kann doch nicht sein, dass sich die Bahn den Verhandlungspartner aussucht und sich für die Gewerkschaft entscheiden darf, die einen etwas preiswerteren Abschluss verspricht. Wenn wir so weit sind, dass der Arbeitgeber bestimmt, mit wem er verhandelt, dann ist die Gewerkschaftsbewegung am Ende. An dieser Stelle wird es deshalb mit uns kein Vorwärtskommen geben.

Genau das fordert allerdings Bahn-Personalchef Ulrich Weber. Er bezeichnet den Streik als überflüssig und verantwortungslos. Nun sei die GDL am Zug.

An der Aussage ist nur richtig, dass wir am Zug sind. Denn unsere Lokführer und Zugbegleiter sind tatsächlich diejenigen, die die Züge in diesem Land bewegen und die Fahrgäste betreuen. Und auch die GDL ist beweglich - in der Sache. Inhaltlich sind wir bereit, Kompromisse zu schließen. Die Bahn muss dazu aber mit uns über diese Inhalte reden. Und genau das verweigert sie. Der Vorstand muss endlich akzeptieren, dass die Realitäten andere sind als er sich wünscht.

Müssen sich Bahnkunden auf weitere Streiks einstellen?

Bislang bietet die Bahn nur Stillhalteabkommen und wartet auf den Gesetzgeber. Wenn sich der Konzern weiterhin inhaltlichen Verhandlungen verweigert und die gesetzlich geltende Tarifpluralität ignoriert, sind die Lokführer und Zugbegleiter zum  Arbeitskampf gezwungen.

Mit Claus Weselsky sprach Jan Gänger

Quelle: n-tv.de

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