Nur noch 36 Monate bis zum ErfolgZetsche muss sich sputen

Ein verlängerter Vertrag ist eigentlich eine feine Sache. Doch was, wenn die Vertragslaufzeit kürzer ausfällt als erwartet? Bei Daimler-Chef Zetsche werden aus fünf kurzerhand drei Jahre. Analysten sehen darin ein klares Signal.
Für manche Arbeitnehmer wäre es ein Grund zum Feiern, nicht aber für Dieter Zetsche: Der Daimler-Aufsichtsrat gibt dem 59-jährigen Vorstandsvorsitzenden bei der Vertragsverlängerung überraschend wenig Zeit, seine ehrgeizigen Ziele an der Spitze des Autobauers noch zu erreichen.
Zetsche führt die Geschäfte bei Daimler seit Januar 2006. Jetzt wurde sein Vertrag nur um drei Jahre anstatt der erwarteten fünf verlängert. Die Frist beginnt Ende 2013 - bis Ende 2016 bleiben Zetsche dann nur 36 Monate, um den angekündigten Aufschwung in die Praxis umzusetzen. Branchenkenner werten die Entscheidung als zwiespältiges Signal. Bislang galt bei dem Autobauer die feste Regel, Vorstandsverträge stets um fünf Jahre zu verlängern. Ausgerechnet beim Chef machte der Aufsichtsrat nun eine Ausnahme.
Die neue Vertragslaufzeit macht offenkundig, was hinter vorgehaltener Hand schon länger diskutiert wird: Bei Daimler ist das Verhältnis zwischen Geschäftsführer und Aufsichtsrat angekratzt. Nun steht fest: Einerseits baut das Kontrollgremium weiter auf Zetsche, dessen Gesicht das Unternehmen vor allem im wichtigen US-Markt fest in seine Außendarstellung eingeplant hat. Andererseits will sich Daimler aber auch nicht zu lange auf seine Person festlegen.
"Es ist eher so ein Fingerzeig: 'Streng dich an.", erklärt Autoexperte Stefan Bratzel der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach die Entscheidung. "Der Druck ist da." Andere Beobachter sehen den verkürzten Zetsche-Vertrag im Zusammenhang mit den übrigen Personalentscheidungen innerhalb der Führungsspitze. "Das Tableau zeigt, dass der Konzern an der Spitze auch ein Nachwuchsproblem hat", kommentiert die "Stuttgarter Zeitung". In einem großen und weltweit verzweigten Unternehmen wie Daimler sei es wichtig, "Stallgeruch zu haben".
"Aber es ist lange, sehr lange her, dass ein Topmanager mit anderswo erworbenen Meriten bei Daimler nach oben kam. Der einstige Conti-Chef Helmut Werner war in den achtziger Jahren der letzte. Dieser frische Wind fehlt dem Konzern", schreibt das Blatt weiter. "Seit gestern richtet sich der Blick auf die Zeit nach Zetsche. Das Rennen um die Nachfolge hat begonnen."
Neuer Kronprinz Wolfgang Bernhard?
Was für den Zetsche ein Rückschlag ist, könnte dann auch Produktionschef Wolfgang Bernhard in die Karten spielen. Er wurde vom Aufsichtsrat zum Chef für das schwierige Nutzfahrzeuggeschäft berufen. Andreas Renschler, jetziger Vorstand der Lkw-Sparte, soll mit Bernhard im April die Plätze tauschen. Analysten sehen Bernhard durch diesen Rollenwechsel gestärkt. Er könnte Zetsche als Chef folgen, heißt es. Schon häufiger wurde über Bernhard als Zetsche-Nachfolger spekuliert.
Mit der Entscheidung erhöhe sich nun die Chance für ihn, Vorstandsvorsitzender zu werden, bestätigte Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. Ähnlich sieht das Heino Ruland von Ruland Research. Die Rochade sei nur dahingehend zu interpretieren, dass Bernhard als neuer CEO zunächst für die Division Trucks die Verantwortung tragen soll, um später den Konzern zu lenken.
Während Renschler in früheren Positionen bewiesen habe, dass er Experte für Umstrukturierungen in der Produktion sei, sei Bernhard sehr gut darin, Ergebnisse zu optimieren, sagte Branchenexperte Christoph Stürmer von IHS Automotive. Neben dem wichtigen chinesischen Markt, wo Daimler Probleme hat, kämpfen die Schwaben auch in der Lkw-Sparte mit Gegenwind. Zwar konnte Daimler bereits im November vergangenen Jahres der Vorjahresabsatz überrunden, doch wegen hoher Investitionen in neue Produkte und wegen einer schwachen Entwicklung in einigen wichtigen Märkten fiel die Umsatzrendite von 6,5 auf lediglich 5,5 Prozent. Bernhard steht also vor großen Aufgaben in seinem neuen Job.
Zetsche muss Ergebnisse liefern
An Zetsche selbst geht die Debatte um seine Arbeit nicht spurlos vorbei, heißt es. "Zetsche war früher ein viel kommunikativerer Typ", sagt einer, der ihn gut kennt. "Vielleicht hat ihn auch die eine oder andere Diskussion um seine Person verhärmt." Ein Misstrauensvotum sieht Autoexperte Bratzel die verkürzte Vertragsverlängerung nicht. "Das würde ich nicht so sagen. Das Geschäft ist schnelllebig geworden", sagt der Branchenkenner. Überhaupt: Ob drei oder fünf Jahre, das sei letztlich unerheblich. "Zetsche muss in zwei oder drei Jahren ohnehin zeigen, dass er seinen Zielen näherkommt", betont Bratzel.
Auch Autoexperte Willi Diez von Hochschule Nürtingen-Geislingen teilt diese Einschätzung. "Wenn man um drei Jahre verlängert, ist das kein Misstrauensvotum", sagt er. "Zetsche hat ein großes Ziel ausgegeben, 2020 der profitabelste Premiumhersteller zu sein. Offensichtlich teilt der Aufsichtsrat die Vision." Ob der Konzern allerdings bis dahin an Zetsche festhalten wird, ist nun deutlich unsicherer geworden.
Die Kontrolleure werden ungeduldig
Tatsächlich steht der 59-Jährige derzeit vor großen Herausforderungen. "Der Anspannungsgrad steigt", sagt Bratzel. "Ich glaube nicht, dass Entspannung angesagt ist." Zetsche bekomme nun eine deutlich kürzere Frist, seine größten Baustellen zu beackern. "Es gibt leider nicht nur ein Thema, das anzupacken ist", sagt Bratzel. "Ein ganz wichtiges Thema ist China. Alles andere wäre Makulatur, wenn es nicht gelingt, in China einen Fuß auf den Boden zu kriegen."
Um profitabler zu werden, müsse Daimler aber auch seine Kosten in den Griff bekommen, wie Experten betonen. Zudem sei die Modellplatte noch nicht so vielfältig wie bei den Erzrivalen. Daimler will die Konkurrenten BMW und Audi bis 2020 überholen und an die Spitze des Oberklasse-Segments rücken. Anfang des Monats musste Zetsche bei der Vorlage der Jahreszahlen jedoch zähneknirschend eingestehen: Daimler kommt nicht so schnell von der Stelle wie erhofft.
Ausgerechnet in der wichtigen Pkw-Sparte kriegt der Autobauer seine Probleme nicht in den Griff - und die bremsen den gesamten Konzern: Vorstandschef Dieter Zetsche rechnet nach einem Rückgang 2012 für 2013 mit einem stagnierenden operativen Gewinn. Bei Mercedes-Benz Cars werde das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) im laufenden Jahr sogar "leicht unterhalb" des Vorjahres liegen, kündigte er an.
Grund genug also für einen Fingerzeig aus dem Kontrollgremium? "Zetsche kann nicht immer zurückrudern", sagt Branchenkenner Bratzel. "Wenn er den Zielen nicht näherkommt, kann man seine Zielsetzung nicht mehr ernst nehmen."
Spätestens Anfang 2016 kann der Aufsichtsrat dann entscheiden, wie gut die ergriffenen Maßnahmen gewirkt haben und ob Zetsche eine weitere Vertragsverlängerung bekommt. "Man möchte sich im Aufsichtsrat noch einmal einen Termin zur Prüfung der Ausrichtung markieren", fasst Christoph Stürmer, Analyst bei IHS Automotive, die Motivationslage zusammen.