Montag, 07. November 2011
Friedrich Huber: Anleger müssen umdenken
Wer sein Vermögen schützen will, muss es temporären Schwankungen aussetzen. Nur so haben Anleger überhaupt die Chance, die reale Kaufkraft Ihres Kapitals zu bewahren oder gar zu steigern. Wer indes ausschließlich auf die Karte „Sicherheit“ setzt und sich mit den niedrigen Zinsen zufrieden gibt, wird längerfristig teuer dafür bezahlen.
In der jüngsten
Hochphase der europäischen Schuldenkrise wurde mehr als deutlich, wer zu den
Krisengewinnern zählt. Besonders begehrt waren Bundesanleihen, während Aktien
massenweise aus den Portfolios flogen. Die vermeintliche Sicherheit der
deutschen Staatstitel war weit stärker als der Wunsch nach Rendite: Knapp zwei
Prozent im Jahr erzielen Bundesanleihen, die in einem Jahrzehnt das Kapital an
die Anleger zurückbezahlen. Fünfjährige Bundesobligationen bringen im Jahr 1,25
Prozent.
Kalte Enteignung durch den Staat
Dabei handelt es
sich wohl gemerkt um Bruttorenditen, die durch Inflation und Steuern
geschmälert werden – und das führt zu einem negativen Realzins. Den offiziellen
Statistiken zufolge bewegte sich die Inflationsrate in Deutschland im September
2011 mit 2,6 Prozent auf einem Drei-Jahres-Hoch. Selbst wenn man unterstellt,
dass die Geldentwertung auf Sicht von fünf Jahren durchschnittlich zwei Prozent
beträgt, schaffen es die Anleger nicht, die reale Kaufkraft Ihres Kapitals zu
erhalten: Wer etwa 10.000 Euro in die fünfjährige Bundesobligation investiert,
kommt nach Inflation und Steuerabzug auf ein Kapital, das nach fünf Jahren, in
realer Kaufkraft ausgedrückt, 9470 Euro beträgt. Das entspricht einer negativen
jährlichen Realrendite von minus einem Prozent.
Kein Vermögenserhalt ohne Risiko
Diese kalte
Enteignung durch negative Realzinsen bei den Staatsanleihen bedeutet: Wer die
Kaufkraft seines Vermögens schützen will, muss unter den heutigen Bedingungen
eine Bruttorendite vor Inflation und Steuern in Höhe von rund 2,8 Prozent
erwirtschaften. Das aber ist nur möglich, wenn die Anleger bereit sind, ihr
Vermögen zumindest zum Teil den Schwankungen des Kapitalmarkts auszusetzen.
Deshalb empfiehlt es sich, dass Anleiheportfolio so mit Unternehmensanleihen zu
diversifizieren, dass die angestrebte reale Rendite erreicht wird.
Voraussetzung
für den Kauf von Unternehmensanleihen ist zum einen, dass die Papiere
beziehungsweise die Schuldner ähnlich wie bei Aktien sorgfältig analysiert und
die Anleihen auch bis zum Ende der Laufzeit gehalten werden können. Zum anderen
sollte das Gewicht der Papiere im Portfolio so gewählt werden, dass auch bei
einem erneuten Aufflammen der Finanz- und Schuldenkrise die Renditesprünge
beziehungsweise die zeitweiligen Kursverluste bei den Unternehmensanleihen
überschaubar bleiben.
Mix aus Investmentgrade- und Hochzins-Anleihen
Attraktiv sind aus unserer Sicht grundsätzlich Anleihen, bei denen eine Besserung des Ratings erwartet werden kann. Bei den Unternehmensanleihen mit Investmentgrade erscheinen uns Schuldtitel der führenden Telekommunikations-, Chemie- und Versorgungsunternehmen aus den stabileren Euroländern attraktiv. Bei mittleren Laufzeiten zwischen zwei und fünf Jahren sind in dieser Gruppe Nettorenditen (nach Inflation und Steuern) zwischen 1,5 und etwa 2 Prozent möglich.
Mehr Rendite, aber auch mehr Risiko ist mit Anleihen außerhalb des sogenannten Investmentgrades verbunden. Bei kluger Abwägung des Chance-Risiko-Verhältnisses sind generell die klassischen Anleihen solcher Unternehmen interessant, die wir unter fundamentalen Gesichtspunkten grundsätzlich auch für unser Aktienportfolio aussuchen würden. Hier sind derzeit Nettorenditen zwischen 2,2 und 5,0 Prozent möglich; die Wahl kurzer Laufzeiten von bis zu zwei Jahren ist Pflicht. Aus unserer Sicht ist streng darauf zu achten, dass keinerlei strukturierte Papiere, die gerne als Anleihen verkauft werden, sowie keine Anleihen von Banken ins Depot genommen werden, an denen der deutsche Staat nicht beteiligt ist.
Fazit: Konservative Anleger müssen umdenken. Der reale Erhalt ihres Vermögens wird ihnen nur gelingen, wenn sie bereit sind, Unternehmensanleihen in ihr Depot aufzunehmen. Dass es dabei zu temporären Schwankungen kommen kann, ist unvermeidlich.
Der Autor Friedrich Huber ist geschäftsführender Gesellschafter der Huber Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung und Experte des Internetportals Vermögensprofis.de.
