Wirtschaft
(Foto: REUTERS)

Inside Wall Street: "American Dream" ausgeträumt

von Lars Halter, New York

Der Weg vom Tellerwäscher zum Millionär entpuppt sich für immer mehr US-Amerikaner als unpassierbare Privatstraße. Gerade einmal 15.000 US-Haushalte teilen sich den dicksten Teil der jüngsten Einkommenszuwächse. Das liegt auch an Steuergesetzen ganz im Sinne der Superreichen, berichtet n-tv-Korrespondent Lars Halter.

Die Schere zwischen Arm und Reich geht in den USA immer weiter auseinander. Das ist bekannt und wird politisch auch immer wieder ausgeschlachtet – von den Demokraten, die das gerne ändern würden, und von den Republikanern, die sich strikt dagegen wehren, die Umverteilung der letzten Jahrzehnte zugunsten der Größtverdiener zumindest zum Teil wieder rückgängig zu machen.

So bekannt das Thema ist, so schockierend ist doch immer wieder ein Blick auf die Statistik hinter dem Phänomen. Zwei französische Volkswirte, Thomas Piketty und Emmanuel Saez, haben sich fast ein Jahr lang mit den Steuererklärungen der US-Amerikaner für das Jahr 2010 befasst und erschreckende Details ans Licht gebracht:

So gingen die Einkommen der US-Amerikaner im Jahr nach der Rezession durchaus nach oben – allerdings in höchst ungleicher Verteilung. Satte 93 Prozent der Einkommenszuwächse – rund 288 Milliarden Dollar – gingen an das oberste Prozent der Großverdiener. Dort verdient man im Schnitt 1,02 Millionen Dollar und freute sich über einen Zuwachs von 11,6 Prozent gegenüber 2009.

Noch drastischer fiel die Verteilung im obersten Prozent aus: 37 Prozent der dortigen Zuwächse kamen wiederum den obersten 0,01 Prozent zugute und fielen damit auf eine erlesene Gruppe von nur 15.000 Haushalten mit einem Durchschnittseinkommen von 23,8 Millionen Dollar. Diese Haushalte erfuhren damit 2010 einen Gehaltszuwachs von 21,5 Prozent.

Zum Vergleich ein Blick in den Keller: Für die "unteren 99 Prozent" – also für alle US-Amerikaner außer den Top-Verdienern – gab es 2010 einen Einkommenszuwachs von mikroskopischen 80 Dollar.

Arbeiter ohne neue Chancen

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Dieses dramatische Ungleichgewicht hat mehrere Ursachen. Einer der wichtigsten Hintergründe ist der US-Arbeitsmarkt, der sich in den letzten Jahren auf bemerkenswerte Weise verschoben hat. Aufgrund des rasanten Wachstums im Hightech-Bereich und der anhaltenden Stärke im Finanzsektor ist das Angebot von Jobs für bestens ausgebildete Fachkräfte stabil bis steigend. Jobs für die Mittel- und Unterschicht, vor allem Stellen in der Industrie, sind hingegen massiv eingebrochen.

Langfristig betrachtet zeigt sich eine Kluft: Die hohe Nachfrage nach Fachkräften hat deren Wert und die Gehälter über drei Jahrzehnte inflationsbereinigt um rund 15 Prozent steigen lassen. Das Überangebot an Arbeitern für das Produzierende Gewerbe hat im gleichen Zeitraum die Löhne um 25 Prozent gedrückt.

Verstärkt wird das finanzielle Ungleichgewicht durch die ungerechte Steuerpolitik, die vor allem unter George W. Bush den Reichen in die Hände spielte. In dessen Amtszeit wurde die Kapitalertragssteuer auf 15 Prozent gesenkt. Die Spitzenverdiener beziehen einen Großteil ihres Einkommens aus der Geldanlage und konnten dem Rest des Landes durch die niedrigen Steuersätze erst recht davongaloppieren. Prominentes Beispiel: Warren Buffet zahlt den niedrigsten Steuersatz im Hause Berkshire Hathaway. Seine Sekretärin zahlt fast doppelt so viel.

Spar-Bildung macht arm

Welche Auswirkungen die Bush-Politik hatte, zeigt ein direkter Vergleich der letzten drei Präsidenten: Unter Bill Clinton freute sich das oberste Prozent der Top-Verdiener über 45 Prozent der Einkommenszuwächse, unter Bush sicherte man sich 65 Prozent, mittlerweile die besagten 93 Prozent. Ob eine Trendwende möglich ist, wird vom Ergebnis der Wahlen im November abhängen. Die Demokraten dürften die Steuervergünstigungen für die Oberschicht wohl auslaufen lassen. Das Wahlprogramm der Republikaner ist weiterhin auf die Großverdiener zugeschnitten. Deren Steuervergünstigungen werden etwa durch Einsparungen in sozialen Programm und bei Schulen gegenfinanziert. Das wiederum verstärkt den Trend, denn in einer soliden Schulbildung und Ausbildung liegt überhaupt der Schlüssel für die Mehrheit der Amerikaner, wieder Anschluss nach oben zu finden.

Aktuell ist die Chance auf eine klassische Karriere "vom Tellerwäscher zum Millionär" in Amerika so gering wie in keinem anderen industrialisierten Land. Anders ausgedrückt: Amerika kommt dem "American Dream" nicht mehr nach. Wer in armen Verhältnissen aufwächst, landet auf einer Schule mit deutlich gestutzem Haushalt, veralteten Lernmitteln und überfordertem Personal. Wege aus dem Ghetto lassen sich da nicht finden.

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Quelle: n-tv.de