Wirtschaft
In einem Waffengeschäft in Roseberg.
In einem Waffengeschäft in Roseberg.(Foto: REUTERS)

Blutige Rendite: Amokläufe treiben Waffenaktien

Von Lars Halter, New York

Was passiert, nachdem in den USA ein Amokläufer Menschen tötet? Die Aktien von Waffenherstellern legen zu. Auch von der jüngsten Schießerei profitieren die Anleger.

Es ist ein sonniger Morgen in Roseburg, Oregon, als Christopher Harper-Mercer seine Tasche packt: eine 9-Millimeter Glock, eine Smith & Wesson, ein Delton-Sturmgewehr, eine Taurus PT92, was man eben so braucht für einen Amoklauf. Dazu noch zwei weitere Pistolen, alle durchgeladen, und ein paar extra Magazine. Kurz nach 10 Uhr fährt er zum Umpqua Community College. Im Snyder Building eröffnet er das Feuer. Er reiht Studenten nebeneinander auf und exekutiert sie. Eiskalt. Der Horror dauert etwas mehr als zehn Minuten, dann schießt auch die Polizei. Um 10.48 Uhr heißt es "Shooter down" – um ihn herum liegen die toten Körper von neun Menschen.

Später wird US-Präsident Barack Obama sagen, dass Amerika abgestumpft sei. Alle paar Wochen ein Amoklauf an einer Schule, in einer Kirche, in einem Kino... man hat sich daran gewöhnt. Der Massenmord ist Routine, die Reaktionen danach sind es auch: Entsetzen in einer kleinen Gemeinde irgendwo in der Provinz. "Wer hätte gedacht, dass so etwas passieren könne... ausgerechnet hier bei uns."

Dann reagiert Washington: Die Demokraten fordern, endlich die Waffengesetze zu verschärfen. Vor allem die Präsidentschaftskandidaten bringen sich nun in Stellung: Hillary Clinton fordert "vernünftige Waffengesetze, um Menschenleben zu schützen". Bernie Sanders will "vernünftige Waffengesetze, um dieses sinnlose Schlachten zu beenden". Der Außenseiter Martin O’Malley twittert: "Nur eine echte Reform der Waffengesetze kann Massenschießereien stoppen."

So weit die Demokraten, bei den Republikanern hört sich das anders an: Jeb Bush "betet für die Opfer", Mike Huckabee "betet für alle Menschen in Oregon", George Pataki "betet für alle Toten und Verletzten", John Kasich und Lindsay Graham schicken "Gedanken und Gebete", alles per Twitter. Donald Trump, der sonst für alles eine Lösung hat, sagt: "So etwas passiert eben." Und Ted Cruz sagt im Radio, dass man mehr Waffen brauche – für alle Lehrer und alle Studenten, damit sie sich verteidigen können.

Er glaubt das wirklich, obwohl klar ist: In Amerika sind zur Zeit etwa 300 Millionen Waffen im Umlauf. Das ist etwa eine Waffe für jeden Mann und jede Frau und jedes Kind. Wie sollen da noch mehr Waffen endlich Ruhe bringen?

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Die Waffen-Lobby hat ganze Arbeit geleistet. An eine Reform der Waffengesetze ist nicht zu denken. Doch dass das Thema immer mal wieder aufkommt, ist toll. Vor allem für die Waffenhersteller. Deren Geschäfte laufen auf Hochtouren – vor allem unmittelbar nach einem Amoklauf. Als Hillary Clinton am Montag ankündigte, als Präsidentin notfalls im Alleingang – per Dekret – die Waffengesetze zu verschärfen, startete die Branche durch: Papiere von Smith & Wesson kletterten um 7 Prozent, Aktien von Ruger um fast 3 Prozent.

Keine außergewöhnliche Reaktion, wie die Geschichte zeigt: Unmittelbar nach dem Massaker an Virginia Tech im April 2007 mit 32 Toten legten Smith & Wesson und Ruger jeweils rund 30 Prozent zu – verglichen mit einem Plus von 5 Prozent für den breiten Markt im gleichen Zeitraum.

Nach einer Schießerei auf dem Armeestützpunkt Fort Hood in Texas im November 2009 mit 13 Toten legte Smith & Wesson um 33 Prozent zu; nach einer Schießerei in Tucson 2011, bei der die Abgeordnete Gabby Giffords lebensgefährlich verletzt wurde, kletterte Ruger um 55 Prozent; nach dem Kino-Massaker von Aurora in Colorado mit 12 Toten ging es für beide Papiere um fast 20 Prozent rauf; nachdem ein Rassist im Juni 2015 neun Schwarze in einer Kirche in Charleston erschoss, holten die Papiere an der Wall Street jeweils rund 15 Prozent. Zum Vergleich: Der S&P 500 verbesserte sich im selben Zeitraum jeweils um rund 5 Prozent.

Bittere Ironie: Je mehr Tote es gibt und je größer das Entsetzen, desto stärker die Rallye bei den Waffen-Aktien: Im Dezember 2012 erschoss Adam Lanza in der Sandy Hook Grundschule in Newtown zwanzig Kinder und sechs Lehrer – er setzte damit gleichzeitig den Beginn für das erfolgreichste Quartal, das die Waffenbranche je hatte: Papiere von Smith & Wesson legten in wenigen Wochen um 50 Prozent zu, Ruger um satte 60 Prozent. Der S&P 500 kam in der gleichen Zeit auf ein moderates Plus von 6 Prozent.

Dabei sind solche Kurssprünge angesichts der Umsatzentwicklung in der Branche durchaus angemessen, denn Waffen haben Hochkonjunktur. Bei Smith & Wesson sind die Verkäufe in den letzten fünf Jahren um 50 Prozent auf 600 Millionen Dollar gestiegen, bei Ruger haben sie sich auf 500 Millionen Dollar verdoppelt. Aktionäre haben ihre Einlagen im gleichen Zeitraum mehr als verdreifacht. Waffen-Aktien sind die stärksten Performer an den amerikanischen Börsen und stellen sogar Hightech-Stars wie Apple in den Schatten.

Noch mehr Umsatz als die beiden börsennotierten Waffenhersteller macht übrigens die Freedom Group, ein Konglomerat, zu dem unter anderem Remington und Bushmaster gehören. Allein, das nutzt Aktionären nichts, denn das Unternehmen gehört fast vollständig zu Cerberus Capital Management, einem New Yorker Investmentfonds.

Ob privat oder börsennotiert, die Konzerne profitieren von einer sorgfältig organisierten Panik unter amerikanischen Waffennarren. Sie fürchten nach jedem Amoklauf, dass Präsident Obama die Verfassung aushebeln könnte. Sie garantiert Amerikanern das Recht, Waffen zu besitzen.

Hinter der Angst um die Schießeisen steckt die National Rifle Association. Der Club wurde 1871 mit dem hehren Ziel gegründet, die Schießkunst der Bürger zu verbessern, um im Verteidigungsfall eine Miliz stellen zu können. Heute hat die NRA rund fünf Millionen Mitglieder, doch die sind längst zu Statisten geworden. Sie sprechen sich größtenteils für schärfere Waffengesetze aus, unter anderem für eine strengere Überprüfung von Käufern bei den weitgehend deregulierten "Gun Shows".

Doch die politische Agenda der NRA wird von den Waffenherstellern diktiert, die ihre Lobby regelmäßig mit siebenstelligen Beträgen finanzieren. Ein Investment, das sich auszahlt. Kaum warnt der Verband medienwirksam vor der Gefahr strengerer Gesetze, stürmen die Waffennarren in die Läden und decken sich ein. So wie Laurel Harper. Einer Nachbarin zufolge wollte Harper "alle Waffen kaufen, die sie kriegen konnte, bevor jemand das verbieten würde". Mehr als ein Dutzend hatte sie schließlich gebunkert – sechs davon nahm ihr Sohn mit zum Amoklauf im Umpqua Community College.

Ausgerechnet der Rapper Snoop Dogg, der 2006 selbst wegen Waffenbesitzes angeklagt war und in den Neunzigerjahren wegen Mordes – er wurde freigesprochen – hat jüngst die Kampagne "I’m Unloading" gestartet. Er ruft seine Mitbürger auf, nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes ihre Waffen zu "entladen", sondern auch Waffen-Aktien aus dem Portfolio zu werfen. Dem Aufruf sind bislang nicht allzu viele Anleger gefolgt, wie ein schneller Blick auf die ständig kletternden Kurse der Branche zeigt.

Quelle: n-tv.de