Wirtschaft
Die Geldpolitik der Fed beschäftigt die Wall Street.
Die Geldpolitik der Fed beschäftigt die Wall Street.(Foto: REUTERS)

Inside Wall Street: Anleger starren auf die Fed

Von Lars Halter, New York

Wann erhöht die US-Notenbank die Leitzinsen? Diese Frage bereitet Investoren weltweit Kopfschmerzen. Denn sie wissen: Wenn die Politik des billigen Geldes ein Ende findet, geht dem Aktienmarkt der Treibstoff aus.

Seit Montagmorgen tagt die Notenbank, und an der Wall Street sind alle Augen auf Washington gerichtet. Das ist alle paar Wochen so, aber trotzdem total absurd. Denn die Fed tagt hinter verschlossenen Türen, und statt alle paar Minuten darüber zu spekulieren, was das Gremium letztlich aushecken könnte, wäre man ebenso gut beraten, den Vogelflug über der Hauptstadt zu beobachten, auf Rauchzeichen in den Adirondacks zu warten oder den Kaffeesatz im eigenen Frühstücksbecher zu untersuchen. Und doch: Monat für Monat lassen sich Anleger und Analysten auf das Spielchen ein - vermutlich weil die Nerven blank liegen.

Jeder an der Wall Street weiß, dass der mittlerweile fünfjährige Bullenmarkt mit seiner historisch einmaligen Rallye ganz allein auf der lockeren Geldpolitik der Fed basiert. Jeder weiß, dass es für einen S&P 500 bei 2.000 Punkten und einen Dow Jones bei 17.000 Punkten keine fundamentale Begründung gibt... Kurz: Jeder weiß, dass wir uns mitten in einem aufgeblasenen Markt befinden, und dass ein großer Teil der Kursgewinne der letzten Jahre gefährdet ist, wenn die Notenbank einmal an der Zinsschraube dreht.

Dennoch klettert die Wall Street weiter - so lange die Fed still hält, bleibt Geld eben billig und es will investiert werden. Unklar ist, wann Anleger aussteigen sollten, und entsprechend geht eben mit jeder Fed-Sitzung das große Zittern los. Streng genommen warten Anleger jedes mal auf das Statement des Offenmarktausschusses, in dem die aktuelle Zinspolitik erklärt und begründet wird. Zuletzt stand da, dass es angemessen sei, die aktuelle Zinsspanne "for a considerable time" bestehen zu lassen – wer das präzise zu interpretieren versucht, ist im Englischen wie im Deutschen überfordert. Das Wort "considerable" lässt sich übersetzen mit: beträchtlich, erheblich, ansehnlich, bedeutend, oder auch mit erklecklich. Was nun genau ein "erheblicher Zeitraum" oder eine "erkleckliche Dauer" ist, daran scheiden sich die Geister.

Bisher einigte man sich an der Wall Street darauf, dass die Fed wohl erst Mitte 2015 an der Zinsschraube drehen würde. Dann kamen über den Sommer ein ganzer Schwung guter Konjunkturdaten und das große Beben vor Janet Yellens viel beachteter Rede beim Notenbanker-Treffen in Jackson Hole. Da gab es versöhnliche Töne von der Fed-Chefin: Vor Mitte 2015, so schloss der Markt, sei definitiv nicht mit einer Zinsanhebung zu rechnen. Doch schon Tage später riefen die nächsten guten Wirtschaftsdaten erneut die Zweifler auf den Plan: Wird das überraschend starke Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal die Fed umstimmen? Könnte die deutliche Erholung im Industriesektor ein Umdenken einleiten? Was wäre, wenn....?

Wer so oft hinterfragt, was die Fed genau treibt, der weiß wohl nur zu gut, dass die Notenbank ohnehin weit übers Ziel hinausgeschossen oder zumindest nicht genau gezielt hat. Zu lange hat die Notenbank die Märkte unterstützt, zumal die Hilfe eben nur den Aktienmärkten und den Finanzriesen zugute kam. All das billig geliehene Geld verliehen die Banken nämlich nicht weiter, sondern sie behielten es selbst... den angestrebten Impuls für die breite Wirtschaft gab es also nie. Entsprechend unverständlich ist ja der Dauergalopp an der Wall Street, wo sie die Indizes längst von der Realität in den USA abgekoppelt haben.

Wann man nun auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird, das wird die Wall Street aller Voraussicht nach auch am Mittwoch nicht erfahren. Merrill Lynch geht nach einer Umfrage unter Fondmanagern immer noch von "Mitte 2015" aus eine große Mehrheit der Befragten tippt jetzt aber auf das zweite Quartal, nicht länger auf das dritte. Satte 86 Prozent der Befragten rechnen damit, das mit einer Zinsanhebung der Dollar stärker werde - dafür wiederum hätte es keine Umfrage gebraucht, denn das gehört zum volkswirtschaftlichen Einmaleins.

Quelle: n-tv.de