Wirtschaft
Bald muss sich auch die Wall Street entscheiden.
Bald muss sich auch die Wall Street entscheiden.(Foto: REUTERS)

Inside Wall Street: Das Wahl-Dilemma der Wall Street

Von Lars Halter, New York

Wo wird die Wall Street in zwei Wochen ihr Kreuzchen machen? Kommt drauf an. Fondsmanager und andere Big Player sind ins republikanische Lager gewechselt, sie haben genug von der Regulierung. Der Anleger stellt jedoch fest: Unter Barack Obama hat sich der Dow verdoppelt.

Noch zwei Wochen bis zur Wahl, und in Amerika gibt es kein anderes Gesprächsthema mehr. Selbst hartgesottene Politjunkies können den Wahlkampf nicht mehr ertragen, und vor allem an der Wall Street will kaum jemand mehr den Dauerstreit um das Weiße Haus kommentieren. Wichtigster Grund für die Wahlverdrossenheit auf dem Parkett: Keiner weiß, was ein Sieg von Obama oder Romney wirklich für die Wall Street bedeuten würde.

Die Problematik beginnt schon bei der Definition des Begriffes. Wer ist eigentlich "die Wall Street"? Sind es Millionen von Anlegern, die ihre Ersparnisse in Aktien und Fonds investiert haben? Sind es die Fondmanager, die mit den Ersparnissen anderer handeln? Oder sind es die Großbanken, die jeden Schachzug im Financial Disctrict dominieren?

Letztere haben ihre Wahl längst getroffen. Standen die Riesen der Wall Street – Goldman Sachs, Bank of America, Merrill Lynch, und andere – vor vier Jahren noch hinter Barack Obama, sind sie längst ins republikanische Lager zurückgekehrt. Das liegt daran, dass Präsident Obama aus der Finanzkrise der letzten Jahre gelernt und eine Regulierung der Märkte eingeleitet hat. Eine Regulierung, die kritischen Experten zwar längst nicht weit genug geht, aber immerhin eine Regulierung, die den Handlungsspielraum der Großbanken ein wenig einschränkt.

Das passt den Banken nicht. Sie wollen eine Deregulierung der Branche, sie wollen zurück zu den riskanten Spielchen, die noch vor zehn Jahren an der Tagesordnung waren. Die haben Amerika zwar an den Rand des Ruins gebracht, waren für die Branche aber ausgesprochen profitabel. – Klarer Fall: die Giganten der amerikanischen Finanzwelt werden ihr Kreuzchen in der rechten Spalte machen.

Ganz anders dürfte da der Investor denken. Dem kommt die Regulierung der Wall Street eigentlich zugute, denn sie hat die Märkte stabilisiert, Vertrauen zurückgebracht und war letztlich – gemeinsam mit den Konjunkturprogrammen von Barack Obama – ein Anschub für die US-Konjunktur. Die kommt zwar nur sehr langsam in die Gänge, doch die Tendenz ist klar: auf dem Arbeitsmarkt entspannt sich die Lage, der Immobilienmarkt festigt sich. Dass das alles sehr schleppend geht, verhüllt manchmal den Blick auf die Fortschritte Amerikas in den letzten vier Jahren, macht sie aber nicht ungeschehen.

Obama- oder Romney-Rally?

Wer also soll gewinnen? – Lange hieß es, dass die Märkte im Falle eines republikanischen Sieges in eine Romney-Rally starten würden. Das ist alles andere als sicher. Die Charts der letzten Wochen zeigen, dass die Blue Chips deutlich verloren haben, seit sich Mitt Romneys Chancen auf das Weiße Haus verbessert haben. Und: Kommt die Wall Street nicht gerade aus einer vier Jahre langen Obama-Rally? Wenige Wochen nach Amtsantritt des Präsidenten fand sich der Dow-Jones-Index auf einem Tiefstand von 6.500 Punkten. Kurz vor dem Urnengang notiert der Leitindex über 13.000 Punkte. Eine Rally von... 100 Prozent? Der Markt hat sich im Wert verdoppelt? Ja. Wer, bitte, kann sich über die Performance der Börse unter vier Jahren Obama beschweren?

Republikanische Präsidenten können von einer Börse wie unter Obama indes nur träumen. Der "Black Monday", an dem die Blue Chips vor 25 Jahren an einem einzigen Oktobertag satte 22,6 Prozent verloren, ereignete sich unter Ronald Reagan, dem Wirtschaftsheiligen seiner Partei. Und der Crash in 2008, der letztlich auf den erwähnten Tiefstand von 6.500 Punkten im Dow führte, ist ganz klar George W. Bush zuzuschreiben.

Und nicht nur in Extremfällen schneiden die Demokraten besser ab als die Republikaner: Eine Langzeituntersuchung der Börse zwischen 1927 und 1998 zeigt, dass Aktien unter republikanischen Regierungen jährlich im Durchschnitt um 1,69 Prozent zulegten, unter demokratischen Regierungen aber um 10,69 Prozent – ein gewaltiger Unterschied, der zumindest die Investoren in zwei Wochen links wählen lassen sollte.

Quelle: n-tv.de