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Per SaldoDas iPad braucht einen Umschlag

09.04.2010, 06:40 Uhr
imageJan Gänger

Das iPad kommt. Was viele nicht wissen: Damit stehen wir vor einem unerwartet großen Problem, das bisher sträflich vernachlässigt wird. Doch die Lösung naht.

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Das muss ja schrecklich interessant sein. (Foto: REUTERS)

Seien wir doch ehrlich: Liest das hübsche Gegenüber in der U-Bahn oder der merkwürdige Sitznachbar im Flugzeug ein Buch, wollen wir unbedingt wissen, was da gelesen wird. Auch in Cafés verrenken wir uns gern den Hals, sofern wir im Vorübergehen keinen unauffälligen Blick auf das Cover werfen können.

Warum wir das machen? Entweder weil wir unsere Vorurteile bestätigt sehen wollen ("Dieser Managerfuzzi liest doch bestimmt… '100 todsichere Tipps für den unaufhaltsamen Aufstieg'. Genau, habe ich es doch gewusst") oder weil wir uns aufrichtig eine interessante Anregung erhoffen ("Dieser attraktive Kerl mit den klugen Augen und der kecken Frisur liest also Javier Marías. Klingt super interessant. Will ich auch haben.") Natürlich gibt es noch einen dritten Grund: Uns ist völlig egal, was gelesen wird, es bietet sich aber ein prima Gesprächseinstieg ("Entschuldigen Sie, dass ich Sie anspreche. Aber ich kann nicht anders. Auch ich liebe die Vampirgeschichten von Stephenie Meyer. Sie sind so sensibel.")

Das ist bald Vergangenheit. Denn immer mehr Menschen nutzen Lesegeräte für elektronische Bücher. Und Apple wird dafür sorgen, dass es in Kürze richtig viele sind. Die Konsequenz: Wir wissen dann nicht mehr, was andere Leute lesen. Schlimmer noch, wir können unseren Mitmenschen nicht mehr zeigen, was für einen exquisiten literarischen Geschmack wir haben. Da nützt es nichts, mit dem iPad herumzufuchteln. Das beeindruckt nicht wirklich. Da lesen wir in der U-Bahn "Die Kritik der reinen Vernunft" – und keiner merkt das. Irgendwie unbefriedigend. Und was passiert? Wir laden frustriert Jerry Cotton, Rosamunde Pilcher oder Romane mit Titeln wie "Tanz des Verlangens" auf das Lesegerät. Die Dinger sind ja schließlich diskret. Welch ein Tiefschlag in die Magengrube der Bildungsrepublik Deutschland.

Soweit darf es nicht kommen. Da wir Lesegeräte weder verbieten können noch verbieten wollen, atmen wir tief durch und denken kurz nach - geht es hier doch um nichts Geringeres, als um die Rettung der Qualitätsliteratur. Braucht man Schutzumschläge und Cover auch in der digitalen Ära? Ja, man braucht sie. Und wird es sie geben? Ja, denn wir wollen sie haben. Warum? Weil wir eitel sind.

In uns allen steckt ein kleinerer oder größerer Angeber. Deshalb gibt es in Kürze bestimmt Funktionen, die es uns ermöglichen, der Umgebung mitzuteilen, was wir gerade lesen. Und genau das werden wir tun, schließlich leben wir im Zeitalter der Narzissmus-Treffen (im Volksmund auch soziale Netzwerke genannt). Statt des langweiligen Apple-Logos auf der Rückseite des iPads steht dann "Krieg und Frieden. Im Original". Und das Tolle: Das steht da auch, selbst wenn wir "Göttin in Gummistiefeln" lesen. Aber das laden wir ja nicht auf unser schönes Lesegerät. Versprochen.