Wirtschaft
Das Kapitol in Washington. Hier finden die Sitzungen von Senat und Repräsentantenhaus statt.
Das Kapitol in Washington. Hier finden die Sitzungen von Senat und Repräsentantenhaus statt.(Foto: REUTERS)

Inside Wall Street: Der Club der Millionäre

Von Lars Halter, New York

Geld regiert die Welt ... eine ganz große Überraschung ist das nicht. Doch dass im Kapitol in Washington erstmals in der Geschichte mehr als die Hälfte der Abgeordneten Millionäre sind, das trifft die US-Amerikaner wie ein Schlag.

Eine Studie des "Center for Responsive Politics" macht deutlich, was in den USA hinter vielen politischen Entscheidungen steckt, die den Reichen nutzen und den Armen schaden. Sie zeigt: Repräsentativ für die US-Amerikaner ist die Vertretung in Abgeordnetenhaus und Senat nicht. Insgesamt 268 der 534 Gewählten sind Millionäre. Der mittlere Wert betrug  1.008.767 Dollar - ein Plus von 4,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Demokraten und Republikaner halten sich die Waage.

Reichster Abgeordneter ist - seit eh und je - Darrell Issa aus Kalifornien, der ein Vermögen von 450 Millionen Dollar hat. Das Geld stammt aus seiner Zeit in der Privatindustrie: In den Siebziger- und Achtzigerjahren hatte Issa sein eigenes Unternehmen, das Auto-Alarmanlagen herstellte und unter anderem lukrative Partnerschaften mit General Motors, Ford und Toyota, aber auch mit Luxusmarken wie BMW und Rolls-Royce unterhielt.

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist es nicht anrüchig, schwerreich zu sein, und keiner will Darrell Issa seine Millionen streitig machen. Immerhin: Der Mann hatte im Business den richtigen Riecher und schaffte, was man einmal den amerikanischen Traum nannte. Der Enkel libanesischer Einwanderer wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf, arbeitete hart und schaffte es bis ganz nach oben. In den USA des vergangenen Jahrhunderts gelang das vielen - heute sieht es anders aus.

Aufzusteigen ist schwer

In keinem anderen industrialisierten Land ist die soziale Mobilität so gering wie in den USA. Das heißt: In den USA ist es heute fast unmöglich, aus der Unter- in die Mittelschicht aufzusteigen oder es gar bis ganz nach oben zu schaffen. Wer im falschen Viertel geboren wird, als Kind armer Eltern, kann sich eine vernünftige Schulausbildung abschminken, kämpft in seinem Umfeld mit hoher Kriminalität und schlechter Ernährung und hat letztlich geringe Aussichten auf eine große Karriere und den Top-Job.

Schuld daran sind eine Unmenge politischer Entscheidungen, die in den Jahren sein Ronald Reagan gefällt und in jüngster Zeit immer wieder verschärft wurden. Für die Besserverdienenden und die Industrie gab es Steuersenkungen, den Armen strich man wiederholt die Arbeitslosenunterstützung, letztlich sogar die Lebensmittelmarken. Wer sich den Kongress in Washington ansieht, der kann die Ursachen einer solchen Politik erkennen. Kaum einer der Abgeordneten spricht wirklich für die Unterschicht, nur wenige für den Mittelstand. Die Reichen haben die Mehrheit - die Millionäre nun also mehr als fünfzig Prozent. Nach Issa gibt es sieben weitere Abgeordnete mit einem dreistelligen Millionenvermögen, darunter ist der Demokrat Jay Rockefeller aus West Virginia. Er ist ein Urenkel von Ölbaron John D. Rockefeller, und der Name seiner Familie steht wie kein zweiter für unermesslichen Reichtum. Weiter in der Liste: noch einmal 52 Abgeordnete verfügen über mehr als 10 Millionen Dollar.

Besonders erschütternd: Satte 437 Abgeordnete – das sind 82 Prozent! – haben ein Vermögen von mehr als 184.000 Dollar und damit mehr als der Durchschnitt der US-Amerikaner. Am Ende der Liste stehen 24 Abgeordnete mit Schulden, darunter David Valadao, wiederum ein Republikaner aus Kalifornien, der mit 12 Millionen Dollar in der Kreide steht. Seine Schulden hängen allerdings mit Krediten für den landwirtschaftlichen Betrieb seiner Familie zusammen, haben also eine buchhalterische Ursache. Wirklich pleite scheint Valadao nicht zu sein.

Unter den westlichen Ländern dürfte das politische Ungleichgewicht zugunsten der Großverdiener nirgends so groß sein wie in den USA. Wie viele Millionäre im Deutschen Bundestag sitzen ist nicht bekannt, da deutsche Abgeordnete nur ihre Nebeneinkünfte offenlegen müssen, nicht aber ihr Gesamtvermögen. Quellen aus dem Umfeld der Abgeordneten sprechen allerdings von einer überschaubaren Zahl wirklich Reicher, während ein Großteil der Abgeordneten aus der Mittelschicht und dem Beamtentum kommt. Astronomische Kontostände gibt es in Berlin allgemeiner Kenntnis nach eher nicht.

Quelle: n-tv.de