Per SaldoDeutsch-italienischer Hahnenkampf

Das Wortgefecht, das sich Fiat- und Chrysler-Chef Sergio Marchionne und der allmächtige Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch derzeit liefern, hat den Charakter eines Hahnenkampfes. Zwei Alphatiere krähen um die Wette.
Ferdinand Piëch kann man vieles nachsagen. Aber dass der heimliche Lenker des VW-Konzerns zimperlich vorgehen würde, hat man noch nie gehört. Und das zu Recht, denn sonst wären er und Volkswagen nicht da, wo sie stehen. Nämlich Piëch im Zenit seiner Macht und VW auf dem Weg zum vielleicht demnächst weltgrößten Autobauer. Dabei scheut der markige Österreicher auch nicht davor zurück, mit derben Worten seine Absichten zu untermauern. Wenn es sein muss auch unter der Gürtellinie, wie die öffentliche Abstrafung des damaligen Porsche-Chefs Wendelin Wiedeking auf Sardinien zeigte.
Da kann Sergio Marchionne mithalten, der ebenfalls kein Typ ist, der ein Blatt vor den Mund nimmt. Und der italo-kanadische Auto-Manager ist genervt. Genervt von VW und Daimler, genervt von den Deutschen. Kein Wunder, denn gerade die VW-Mannen schwimmen derzeit weit oben, können vor Kraft manchmal kaum noch gehen. Wahrscheinlich spielt aber auch noch das traurige Schauspiel um Opel eine Rolle, wo Marchionne 2009 im Kanzleramt vorstellig wurde und sich eine Abfuhr abholen musste. Das schmerzt einen erfolgsverwöhnten Mann wie Marchionne, und zwar nachhaltig.
VW hat Lust auf Alfa
Aber auch von Daimler und VW kann der allmächtige Boss von Fiat zu Recht genervt sein. Seit Wochen und Monaten muss er sich Sticheleien aus Wolfsburg anhören, die an Vehemenz eher zunehmen. Es geht um die Avancen, die Piëch Alfa Romeo macht. Die Wolfsburger möchten die sportlichen Autos gerne ihr Eigen nennen und als 12. Marke in ihrem Konzernverbund sehen. Dabei fallen auch deftige Worte von Seiten Piëchs. "Fiat geht es noch zu gut", sagt der VW-Aufsichtsratschef und: "Wir können warten. Sprechen Sie mich in zwei Jahren noch mal an." Solche Aussagen treffen den Nationalstolz Italiens tief. Vor allem weil dieser auf der automobilen Seite mittlerweile komplett unter dem Dach von Fiat gebündelt ist.
Erst vor kurzem hat sich Fiat aufgespalten und den Autobereich von der Industriesparte abgetrennt. Nun gibt es mit Fiat Industrial einen möglichen Übernahmekandidat, so zumindest die Meinung vieler Analysten. Und Daimler zeigt hier Interesse an der Lkw-Sparte, die als Zugpferd die Marke Iveco an Bord hat. Allerdings scheint es so als würde Marchionne eher aus eigener Kraft über den Atlantik nach Italien schwimmen als irgendetwas an die Deutschen zu verkaufen. Nur so sind seine Aussagen auf der Detroit Auto Show zu verstehen, wo er den Journalisten ein angebliches Interesse von Fiat Industrial an den MAN- und Scania-Anteilen von VW in den Block diktierte. Auf Nachfrage eines deutschen Journalisten, ob das denn ein Witz sei sagte Marchionne: "Das ist genauso wenig ein Witz wie das Interesse von VW an Alfa Romeo." Allerdings ist es mehr als unwahrscheinlich, dass die Aussagen einen realen Hintergrund haben.
Fragezeichen im Imperium Marchionne
Tatsächlich kann es sich der Fiat-Lenker derzeit leisten, starke Sprüche zu klopfen. Die Aktienkurse beider Unternehmensteile sind seit der Aufspaltung zweistellig gestiegen. Die neue Tochter in spe, Chrysler, soll nach eigenen Angaben schon in diesem Jahr wieder in die Gewinnzone fahren. Alles super also im Imperium Marchionne?
Nicht ganz, denn das Konstrukt des ehrgeizigen Managers steht auf wackligen Beinen und Marchionne pokert dabei sehr hoch. Wenn einer seiner Trümpfe nicht stechen sollte, dann könnte das Ganze wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Kritischster Punkt dabei ist die ausstehende komplette Übernahme von Chrysler. Kostenfrei kann Fiat, unter bestimmten Bedingungen, den Anteil an Chrysler auf 35 Prozent aufstocken. Dafür muss er nur den Absatz ankurbeln, was im Grunde schon geschehen ist, und ein spritsparendes Modell entwickeln, was für Fiat kein größeres Problem darstellen sollte. Den Rest muss Marchionne allerdings mit echtem Geld kaufen. Und Fiat hat keine prall gefüllte Kriegskasse wie etwa Volkswagen, ganz im Gegenteil. Schulden drücken den Konzern, woher auch die anhaltenden Gerüchte über einen Verkauf von Alfa Romeo oder Ferrari rühren.
Wer wird am Ende siegen?
Schließlich kämpft Marchionne derzeit noch einen harten Kampf gegen die italienischen Gewerkschaften. Dabei geht es um den Austritt des Stammwerks aus dem landesweiten Tarifvertrag. Die Schichten sollen länger werden, die Arbeitszeiten flexibler und bei Fehlzeiten härter durchgegriffen werden können. Falls die letzte von fünf Gewerkschaften nicht zustimmt, dann droht Marchionne auch schon mal damit, das Werk komplett zu schließen und die Produktion ins Ausland zu verlagern. Die Kostensenkungen braucht Fiat dringend um in den kommenden Jahren in Turin Lancia- und Jeep-Modelle bauen zu können.
Daher ist der Ausgang im Kampf der Alphatiere zwischen dem granteligen Österreicher Piëch und dem Strickpullover-tragenden Marchionne noch offen. Allerdings dürfte der VW-Lenker die besseren Karten in der Hand haben, denn ein Piëch geht nur aus gesicherter Deckung zum Angriff über, wie er es in den vergangenen Tagen getan hat. Piëch kennt die Probleme von Fiat genau, deshalb reagiert Marchionne wahrscheinlich auch so gereizt auf die Avancen aus Deutschland. Wer wird am Ende siegen? Strickpullover oder Grantler? Wir werden es in den kommenden Monaten erleben. Bis dahin dürfen wir uns wohl noch auf so einige markige Wortgefechte freuen. Kampf der Titanen, da soll noch jemand sagen, Wirtschaft wäre langweilig.