Wirtschaft

Die Busch-Trommel: Die Chance des Scheiterns

Von Friedhelm Busch

Die Notenbanken fluten die Märkte mit frischen Geld und die Finanzmärkte feiern. Nach dem Sinn der Geldschwemme fragt keiner. Erst wenn sich die Währungshüter wieder daranmachen, die Liquidität wieder einzuschränken, werden die Märkte wieder runterkommen. Doch das kann noch dauern.

Friedhelm Busch, Börsenkommentator bei n-tv
Friedhelm Busch, Börsenkommentator bei n-tv

Es gibt Gründe genug für die gegenwärtige Euphorie an den internationalen Aktienbörsen: Erst erteilt das Bundesverfassungsgericht grünes Licht für die Beteiligung der Bundesrepublik am geplanten milliardenschweren ESM-Rettungsfonds. Dann zeigt sich EZB-Präsident Mario Draghi unbeeindruckt von der harschen Kritik deutscher Verfassungsrichter an seiner Geldpolitik und bleibt wild entschlossen, in unbegrenzter Höhe Anleihen hochverschuldeter Euroländer aufzukaufen. Und um das Glück der Aktienanleger noch zu steigern, zieht auch Ben Bernanke mit der US-Notenbank nach und verspricht, Monat für Monat für 40 Mrd. US-Dollar amerikanische Immobilienpapiere zu kaufen, bis die Arbeitslosigkeit im Lande deutlich sinkt, bis die US-Konjunktur anspringt. Ergänzend sollen bis 2015 in den USA die Leitzinsen nahezu bei Null bleiben.

Mit anderen Worten, US-Notenbank und EZB überschütten den Bankenapparat mit Geld in Hülle und Fülle fast zum Nulltarif. Das ist der Stoff, aus dem sich an den Finanzmärkten Träume bilden. Wenn aufgrund dieser Notenbankkäufe weltweit die Preise der Staatsanleihen steigen, mithin die Renditen sinken, dann sucht das große Geld halt nach anderen Anlagemöglichkeiten. Dann steigen die Investoren ein in Rohstoffe, beispielsweise in Öl oder Nahrungsmittel, vor allem aber in Aktien. Alte Ängste vor Kursverlusten sind offenbar vergessen. Verständlich, denn das Geld für die Spekulation ist billig.

Keine Ursachenforschung

Doch keiner fragt nach dem Sinn dieser Geldschwemme aus der US-Notenpresse, kein Investor regt sich darüber auf, dass Ben Bernanke seit Ende 2008 mehr als 2 Billionen US-Dollar in die amerikanische Wirtschaft gepumpt hat, ohne dadurch die US-Arbeitslosigkeit nennenswert zu senken, ohne die amerikanischen Unternehmen zu stärken. Auch die EZB oder die europäischen Retterstaaten fragt keiner, wohin denn eigentlich ihre Rettungsmilliarden geflossen sind, ob damit tatsächlich die Staatsschulden in Griechenland zumindest teilweise abgebaut wurden, die Wirtschaftskraft der Pleitestaaten verbessert wurde und auf diesem Wege der Euro gerettet werden kann. Bislang ist von alledem wenig bis gar nichts zu sehen. Selbst die aktuelle Erholung des Euro ist wohl kaum eigener Stärke, eher einer US-Dollar-Schwäche zu verdanken.

Chart

Aber, wie gesagt, die Aktienmärkte kümmert das alles nicht. Sie sind für die nächsten Tage auf Jubeln eingestimmt, hin und wieder unterbrochen von schnellen Gewinnmitnahmen. Selbst wer insgeheim befürchtet, diese Geldschwemme werde die aktuellen Preiserhöhungen bei Benzin, Heizöl oder Nahrungsmitteln verstärken, sieht in dieser Gefahr höchstens einen weiteren Grund, erst recht auf Aktien zu setzen. Schließlich schützen Sachwerte, so die gängige Meinung an den Wertpapiermärkten, vor der Inflation. Und Aktien sind schließlich Sachwerte.

Wie Aktienkurse entstehen

Also: Nicht trotz, vielmehr wegen der Eurokrise, nicht trotz der weltweiten Konjunkturflaute, sondern gerade wegen der Rezessionsängste steigen seit Wochen die Aktienkurse. Die gegenwärtige Hausse lebt mithin überwiegend von der billigen Liquidität an den Finanzmärkten, sie profitiert von der großzügigen Geldpolitik der Notenbanken. Erst wenn sich die Ansicht verfestigen sollte, die Notenbanken könnten ihre Geldgeschenke wieder einsammeln, weil die Konjunktur über den Berg und die Eurokrise ausgestanden sei, erst dann würde dieser Hausse die Nahrung entzogen, würden sich die Investoren vielleicht daran erinnern, dass Aktienkurse grundsätzlich in einem engen Zusammenhang mit der Wirtschaftskraft der Unternehmen stehen, die Unternehmensgewinne des kommenden Jahres allein aber kaum die heutigen Kurse rechtfertigen. In der Folge käme es vermutlich zu heftigen Korrekturen an den Aktienbörsen.

Doch keine Panik! Damit ist in den nächsten Wochen kaum zu rechnen. Denn schneller als den Politikern lieb ist, werden sich die milliardenschweren Rettungsaktionen der Notenbanken als Lärmlawinen erweisen, die selbst erste Erfolge bei der Konsolidierung der Staatsfinanzen in Südeuropa wieder ersticken. Warum soll schließlich eine Regierung die eigene Staatsverschuldung durch harte Sparmaßnahmen bekämpfen und dafür die Proteste der betroffenen Bürger ernten, wenn Brüssel oder die EZB schon bei vagen Spar- und Reformversprechungen mit zinsgünstigen Krediten einspringen?

Aber vielleicht liegt gerade in dem vorhersehbaren Scheitern der europäischen Rettungspolitik auch eine Chance. Wenn den verantwortlichen Politikern in den Retterstaaten allmählich dämmert, dass die von ihnen so lautstark geforderten Sparmaßnahmen den Euro und Europa nicht retten können, sondern, im Gegenteil, die Bevölkerung in den Schuldnerstaaten zum Kampf gegen Europa einen; wenn sie begreifen, dass die von Brüssel verordnete rigide Sparpolitik in den südeuropäischen Staaten deren Wirtschaftskraft belastet, statt ihr auf die Beine zu helfen, dann könnte die Erkenntnis reifen, dass den Schuldnerstaaten nur geholfen wird, wenn neben die Sparauflagen gleichzeitig grundlegende Reformen ihrer Wirtschaft treten.

Nur wenn die verfilzten Strukturen auf den Arbeitsmärkten aufgebrochen werden, wenn die korrupte Staatsbürokratie demontiert und Rechtssicherheit für private Initiativen aufgebaut wird, wenn sich der Staat schrittweise aus der Wirtschaft zurückzieht und die Regierenden darauf verzichten, die Staatswirtschaft zur Arbeitsplatzbeschaffung für Familienmitglieder und enge Freunde zu missbrauchen, nur dann wird in- wie ausländisches Kapital, werden unternehmerische Ideen und Investitionen in das Land kommen und die überlebensnotwendige internationale Wettbewerbsfähigkeit aufbauen.

Aber das wird Jahre dauern. Doch da die Politik jetzt und sofort den Beifall der Öffentlichkeit braucht, ist zu erwarten, dass die gegenwärtige Rettungslawine, losgetreten von den Notenbanken, auf diese Überlegungen wenig Rücksicht nimmt und bei ihrem Abgang donnernd jeden vernünftigen Gedanken erstickt. Die Euro-Krise bleibt uns also noch lange erhalten, die inflationsfördernde Geldpolitik der Notenbank allerdings auch. Und damit auch die Kursrally an den Aktienbörsen.
 

Quelle: n-tv.de