Wirtschaft
Der "German American Business Outlook" verspricht Aufschwung - und sieht schwere Mängel.
Der "German American Business Outlook" verspricht Aufschwung - und sieht schwere Mängel.

Inside Wall Street: Duales System punktet in USA

Von Lars Halter, New York

Im Inneren des US-Arbeitsmarkts schlummert ein offenes Geheimnis: Eklatante Schwächen im Bildungssystem behindern den ersehnten Aufschwung. Der Import eines deutschen Erfolgsmodells findet bei Unternehmern reichlich Beifall - und stößt bei US-Experten auf wenig Verständnis.

Allein mit den Aufträgen: Die zaghaften Ansätze einer Konjunkturerholung offenbaren alte Mängel im US-Bildungssystem. Es fehlt an qualifzierten Fachkräften.
Allein mit den Aufträgen: Die zaghaften Ansätze einer Konjunkturerholung offenbaren alte Mängel im US-Bildungssystem. Es fehlt an qualifzierten Fachkräften.(Foto: REUTERS)

In Amerika droht das "Fiscal Cliff", in Deutschland nimmt die Euro-Krise kein Ende – auf beiden Seiten des Atlantiks sorgt man sich um die Wirtschaft. Und doch: Die deutschen Unternehmen in den USA sind optimistisch. Laut einer Studie der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer rechnen sie für 2013 mit Wachstum und wollen neue Stellen schaffen.

Michael Blank, zur Zeit Chef der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer in New York, war gleich doppelt stolz, als er vor ein paar hundert Gästen im topmodernen Bloomberg Building in Manhattan den "German American Business Outlook" vorstellte. Zum einen hat die Studie in ihrem vierten Jahr mit rund 12 Prozent der deutsch-amerikanischen Unternehmen einen guten und damit recht repräsentativen Rücklauf – zum anderen ist sie auch noch optimistisch. Was will man mehr?!

Laut Handelskammer rechnen auch nach der Wiederwahl von Barack Obama 87 Prozent der deutschen Unternehmen in den USA mit Wachstum für die US-Wirtschaft – satte 95 Prozent rechnen mit Wachstum in ihrem Unternehmen. 76 Prozent der Befragten wollten neue Stellen schaffen. Die Zahlen sind umso erfreulicher, als ein Blick in die Vergangenheit zeigt: man schätzt vorsichtig und performt besser.

Raus aus der Statistik, rein in den Niedriglohn?

Ein paar ernste Worte gab es dennoch, bevor im Bloomberg Building die Bar eröffnete, denn zwei Sorgen plagen die Unternehmer laut der aktuellen Studie: Man wartet auf Klarheit in Bezug auf die amerikanische Fiskalpolitik, und man sorgt sich um das US-Bildungswesen, das seit Jahrzehnten abrutscht und zu einem oft beklagten Mangel an qualifizierten Arbeitskräften geführt hat.

Richtig gelesen: Die Not auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt ist nicht so einseitig wie oft beschrieben. Zwar fehlt es an Stellen für viele Amerikaner, doch finden auch viele Firmen unter den Amerikanern keine qualifizierten Ingenieure, Maschinenbauer und andere, die man mit der präzisen Entwicklung und Fertigung komplizierter Dinge betrauen könnte.

In einer Podiumsdiskussion um Agco-Chef Martin Richenhagen ließen sich die Experten vor allem darüber aus. "In den USA beginnt die Ausbildung nach der High School, doch da sind längst Hopfen und Malz verloren", meinte Jörg Klisch, der als Vizepräsident für das US-Geschäft des Energie-Spezialisten Tognum verantwortlich zeichnet.

Tognum hat in Eigenregie eine Art "Duales System" nach deutschem Vorbild aufgelegt, in dem zur Zeit nur eine Handvoll Schüler stehen, und das dennoch US-weit Schlagzeilen gemacht hat. Jüngst war Klisch im Weißen Haus, um über das Projekt zu berichten, das bereits Nachahmer findet.

Bestes Ausbildungssystem der Welt

Ähnliche Initiativen tun sich in mehreren Bundesstaaten auf, auch die deutschen Autobauer haben rund um ihre Werke in den Südstaaten Kooperationen mit Schulen begonnen, um qualifizierte Arbeitskräfte in die Pipeline zu bringen. Die Handelskammer springt auf den Zug mit auf: Zum ersten Mal vergab man einen Preis für den "Azubi des Jahres". Auf dem Podest mit Pokal die 18-jährige Christina Chadwick, die als Schweißerin für die Bauer Foundation Corp. in Florida arbeitet und in ihrer Dankesrede das deutsche duale System als "das beste Ausbildungssystem der Welt" lobte.

Da hätte möglicherweise Joe Brusuelas genauer hinhören sollen. Der Chef-Volkswirt von Bloomberg setzte sich mit amerikanischer Überheblichkeit über alle Lehren des Abends hinweg und freute sich einfach nur darüber, dass Amerika "mit jungen Leuten wie Christina eine rosige Zukunft" habe. Das ist natürlich Quatsch, denn der Erfolg der jungen Frau kommt ja aus einem Ausbildungssystem, das in den USA ein Nischenmodell ist und das dringend ausgebaut werden müsste, um die Industrie im Land nicht irgendwann komplett auf Dinosaurier-Kurs zu bringen.

"Job Creator" an der Bar

Vor der harten Wahrheit drückte sich indes nicht nur Brusuelas. Auch aus der Diskussionsrunde um Richenhagen gab es nur zögernd Antworten. Der unterhaltsame CEO, einer von nur zwei deutschen an der Spitze eines S&P-500-Konzerns, moderierte zwar eine sympathische Runde, schaffte aber doch nur eines von zwei wichtigen Themen. Die Sorge um das "Fiscal Cliff" und Gedanken zur künftigen Fiskalpolitik der USA ließ man aus.

Von Linda Mayer, US-Chefin des Glas-Spezialisten Schott, gab es nur das zögernde Eingeständnis, dass Steueranhebungen für die Reichen – die "Job Creator" im Business-Slang der Republikaner – wohl keine gravierenden Auswirkungen auf das Wachstum der US-Wirtschaft hätten. Weiter wollte man dazu keine Stellung nehmen. Irgendwann ging es doch lieber an die Bar.

Quelle: n-tv.de