Wirtschaft
Neel Kashkari übernachtet im Freien.
Neel Kashkari übernachtet im Freien.(Foto: http://www.neelkashkari.com/poverty/)

Inside Wall Street: Eine Woche obdachlos

Von Lars Halter, New York

Ein Ex-Goldman-Sachs-Banker unternimmt ein ungewöhnliches Experiment: Eine Woche lang lebt er als Obdachloser in Kalifornien. Aus gutem Grund, denn Neel Kashkari will der nächste Gouverneur des US-Bundesstaates werden.

Man wirft den Republikanern gerne vor, dass sie sich nur um die oberen Zehntausend kümmern und den Kontakt zum kleinen Mann verloren haben. Zu Recht, denn die Politik der einstigen "Grand Old Party" hat in den letzten Jahrzehnten alle sozialen Programme für die Unter- und Mittelschicht gestrichen und das eingesparte Geld (meist per Steuersenkung) an die Top-Verdiener überwiesen.

Und doch: Ein Republikaner wollte jetzt seinen Standort ändern und ein für alle Mal beweisen, dass sich die Partei auch in die Sorgen und Nöte armer US-Amerikaner hineinversetzen kann. Und so setzte sich Neel Kashkari, der im November gegen Amtsinhaber Jerry Brown bei der Wahl zum Gouverneur Kaliforniens antritt, in einen Greyhound-Bus und fuhr nach Fresno, mit 40 Dollar in der Tasche, einem Satz Klamotten zum Wechseln, einem Schlafsack und einer Zahnbürste. Eine Woche als Obdachloser - ein Praktikum der etwas anderen Art, ungewohnt für den 41-Jährigen, der auf einen beachtlichen Lebensweg zurückblicken kann.

Kashkari begann seine Karriere bei Goldman Sachs und folgte 2006 seinem Chef Hank Paulson ins Finanzministerium. Dort wurde er zu einem der wichtigsten Assistenten Paulsons und war zunächst hauptverantwortlich für das 700 Milliarden Dollar schwere Bankenrettungspaket TARP und später Zielscheibe für die TARP-Kritiker in verschiedenen Kongressausschüssen. Kurz nach der Wahl von Barack Obama zog sich Kashkari zum "Entgiften" ins ländliche Kalifornien zurück, den Sonnenstaat, über den er künftig gerne aus Sacramento regieren würde.

Bis zur Wahl muss Kashkari zeigen, dass er die Sorgen und Nöte der Kalifornier versteht - darum der Ausflug an den untersten Rand der Gesellschaft. Kashkari ist unterwegs in den Straßen von Fresno, sucht einen Job - und findet keinen. Im Getränkemarkt braucht man ihn nicht, in der Wäscherei sagt man, "es läuft zur Zeit nicht so gut" und der Lagerist im Elektrogeschäft arbeitet selbst für "zwanzig Dollar am Tag". Kein einziger Laden stellt Leute ein.

Polizisten schicken Kashkari fort

Die erste Nacht verbringt er im Rathauspark. "Das war okay, bis am Morgen der Rasensprenkler losging", sagt er. Dann sei auch noch die Polizei gekommen und hätte ihn weggeschickt. "Die Polizisten waren aber sehr freundlich", beeilt er sich zu sagen, schließlich ist in den USA keine Wahl zu gewinnen ohne eine Empfehlung von Polizei und Polizeigewerkschaft. Kritik wäre jetzt unangebracht, dabei ist klar, dass die Polizei in den meisten US-amerikanischen Städten überhaupt nicht nett ist, wenn sie Obdachlose in öffentlichen Parks findet.

Und die Polizei findet jede Menge Obdachlose, vor allem an der sonnigen Westküste. 24 Prozent der Kalifornier leben unterhalb der Armutsgrenze. In der Arbeitsmarktstatistik belegt Kalifornien den 44. Rang unter den 50 US-Bundesstaaten. "Wenn sich unsere Wirtschaft erholt, dann nur für die an der Spitze", klagt ein Mann in Kashkaris Obdachlosen-Video - das stimmt, größtenteils dank der Politik ausgerechnet der Partei, für die Kashkari antreten will.

Noch ein Widerspruch: Eine junge Frau erklärt dem unerkannten Kandidaten, warum in diesem Jahr in Kalifornien alles noch schlimmer ist als in anderen Jahren. "Es wächst nichts mehr", sagt sie, wegen der herrschenden Dürre, wegen des enormen Wassermangels. Kalifornien spürt die ersten Folgen des Klimawandels, den die Republikaner für Panikmache der Linken halten.

"Wir brauchen keine Sozialhilfe"

Nach einer Woche auf der Straße, nach Absagen auf dem Arbeitsmarkt und verzweifelten Besuchen in der Suppenküche zieht Kashkari Bilanz: "Das war eine der schwersten Wochen meines Lebens. Ich bin nach Fresno gekommen in der Annahme, dass ich einen Job finden und irgendwie über die Runden kommen würde. Das ist jetzt eine Woche her, und ich habe nichts gefunden. Mir ging das Geld aus und ich musste in der Obdachlosenküche essen. Aber ich kehre optimistisch zurück. Denn die Leute, die ich hier getroffen habe, haben nie aufgegeben - nicht sich selbst und nicht den Glauben an Kalifornien."

Und da ist Kashkari wieder Phrasendrescher und Vollblut-Politiker. Schade, denn ein einwöchiges Experiment kann einen Menschen verändern - man hätte es ihm gewünscht. Stattdessen nutzt Kashkari seinen Ausflug lediglich, um die bereits seit Jahren unveränderte Parteilinie zu bestätigen: "Wir brauchen keine Sozialhilfe und keine Lebensmittelmarken" wettert er. "Wir brauchen Arbeitsplätze. Und wir wissen, wie man Arbeitsplätze schafft." Man fragt sich, wie, und der Mann hat eine Antwort: weniger Regulierung und weniger Steuern für die Unternehmen, damit diese wachsen und Jobs schaffen können.

Populär wurde diese "Trickle-Down"-Lüge unter einem anderen republikanischen Politiker aus Kalifornien: Ronald Reagan machte das Konzept zum Programm, hämmerte die oft widerlegte These ins wirtschaftsliberale Gedankengut seiner Partei und gab letztlich den Startschuss für die Jagd auf die Mittelklasse.

Neel Kashkari, dessen Wahlkampfkasse während der Obdachlosen-Woche um mehr als 250.000 Dollar zulegte, hat seine Erfahrungen nicht nur per Video verarbeitet, sondern auch in einer Kolumne im Wall Street Journal. Da hat er sein Publikum, und da hat er seine Wähler. Bei den Wahlen im November gilt er dennoch als Außenseiter. Der demokratische Amtsinhaber Jerry Brown liegt in den Umfragen deutlich vorne.

Quelle: n-tv.de