Wirtschaft
Zwischen Parlament, Partei und Weltöffentlichkeit: Angela Merkel.
Zwischen Parlament, Partei und Weltöffentlichkeit: Angela Merkel.(Foto: REUTERS)

Raimund Brichta: Euro-Angstmacherin

von Raimund Brichta

In den Wirren der Schuldenkrise erweist sich Deutschland als Stabilitätsanker der Eurozone. Doch was passiert, wenn Griechenland scheitert? In einem offenen Brief an die Kanzlerin schreibt Telebörse-Moderator Raimund Brichta, was Europa wirklich blüht, wenn die Währungsunion zusammenbricht.

Raimund Brichta, n-tv Telebörse
Raimund Brichta, n-tv Telebörse(Foto: n-tv)

Liebe Angela Merkel! "Scheitert der Euro, dann scheitert Europa." Mit dieser Parole haben Sie in den vergangenen zwei Jahren im Bundestag viel Geld für Euro-Schuldensünder - pardon, für Europas Rettung - locker gemacht. Die Abgeordneten fanden das offenbar überzeugend. Ich fand es, ehrlich gesagt, nicht. Denn ich fragte mich, was Sie damit wohl meinen? Meinen Sie, ohne Euro würde die gesamte Europäische Union zerfallen, würden alle ihre Einrichtungen aufgelöst und zigtausend EU-Beamte entlassen? Bei aller Phantasie, liebe Frau Merkel, aber das können vermutlich selbst Sie sich nicht vorstellen, oder?

Vielleicht wollten Sie aber auch nur Angst schüren, um möglichst viele Leute davon zu überzeugen, dass die Milliardenhilfen alternativlos sind, wie Sie es gerne nennen? Diese Vermutung drängt sich umso mehr auf, als Sie nicht einmal ansatzweise erläutert haben, wie denn ein Scheitern Europas aussehen würde. Und für diejenigen, denen bei der Vorstellung eines solchen Scheiterns nicht schaurig genug wurde, legten Sie später noch eine Schippe drauf, als Sie behaupteten: "Die Geschichte sagt uns: Länder, die eine gemeinsame Währung haben, führen nie Krieg gegeneinander. Deshalb ist der Euro viel, viel mehr als nur eine Währung.“

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Der Euro also als eine Art Friedensgarant? Und müssten wir uns im Umkehrschluss wieder vor Krieg fürchten, wenn der Euro stürbe? Welchem Menschen könnte es angesichts einer solchen Gefahr schon auf ein paar Milliarden zur Eurorettung ankommen? War es diese Gefühlsregung, die Sie damit erwecken wollten? Wenn ja, hätten Sie sich zumindest eine Nominierung für den Europäischen Märchenpreis verdient. Denn schon Ihre Ausgangsbehauptung lässt sich durch Ereignisse der jüngeren Vergangenheit widerlegen: So prallten etwa  im Sommer 1991 Jugoslawien und Slowenien im so genannten 10-Tage-Krieg aufeinander, obwohl sie in dieser Zeit noch eine gemeinsame Währung hatten. Eine solche Blöße sollten Sie sich als Kanzlerin eigentlich nicht geben.

Wäre es nicht besser, wenn Sie erst gar nicht so viel Angst vor einem möglichen Aus des Euro schürten? Dann müssten Sie nämlich später keinen Rückzieher machen, wenn es tatsächlich einmal so weit käme. Denn warum sollten wir ohne Euro nicht weiterhin so erquicklich mit unseren EU-Partnern zusammenarbeiten wie in den Jahren vor seiner Einführung? So, wie wir es im Übrigen auch jetzt noch mit denjenigen Partnern tun, die den Euro nicht eingeführt haben, oder mit Nachbarn, die gar nicht zur EU gehören, wie die Schweiz oder Norwegen. Mit anderen Worten: Je mehr Sie heute dramatisieren, liebe Frau Merkel, desto stärker könnten Sie später in Erklärungsnot geraten.

Was Laien beeindruckt

Dabei ist unbestritten, dass ein Zerfall des Euro wirtschaftliche Spannungen mit sich brächte. Allerdings entlüde sich damit nur jener Druck, der vom Euro selbst stammt, da er das Ventil der Wechselkurse beseitigt hat, wie in meiner Kolumne Kalinikta Euro beschrieben. Diesen Druck, liebe Frau Merkel, spüren auch Sie derzeit täglich. Er beansprucht einen Großteil Ihrer Arbeitskraft. Und Sie haben ihn ausgerechnet jenem Konstrukt zu verdanken, das Sie unter allen Umständen erhalten wollen, weil es für Sie "viel, viel mehr als nur eine Währung“ ist.

Irrtum, liebe Frau Merkel, der Euro ist nur eine Währung. Aber warum eigentlich "nur"? Ist er nicht schon mit dieser Aufgabe maßlos überfordert? Muss er nicht für ein Gebiet dienen, das nachweislich nicht als Einheitswährungsgebiet taugt? Macht nichts, sagen Sie unverdrossen, dann machen wir daraus eben eines, und auch dafür haben Sie schon eine Losung parat: Einfach eine Fiskalunion basteln, die auch eine "Stabilitätsunion" sein soll. Beide Schlagworte mögen Laien beeindrucken, weil sie nach Einheit und Stabilität klingen, vielleicht sogar ein bisschen nach den Vereinigten Staaten von Europa, die sich manch einer wünscht. Dahinter steckt allerdings viel weniger, nämlich nur der Plan, neue Regeln zu schaffen, mit deren Hilfe die Staatsschulden im Euroraum nicht mehr ganz so schnell steigen sollen wie in der Vergangenheit.

Abgesehen davon, liebe Frau Merkel, dass Sie sich mit solchem Stabilitätsstreben schon jetzt bei unseren Nachbarn unbeliebt machen. "Hartherzigkeit, Dominanz und Besessenheit in Währungsfragen" sind dabei noch eher gemäßigte Vorhaltungen, die man Ihnen in ausländischen Zeitungen macht. Andere Kommentare fallen regelrecht kriegerisch aus und widersprechen damit Ihrer Legende vom friedensstiftenden Euro auf eine ganz andere Art und Weise. Sät der Euro nicht eher Zwietracht, als dass er Frieden zu stiftet? Der Politiker und Soziologe Lord Dahrendorf ist tot hat dies jedenfalls bereits Mitte der neunziger Jahre so kommen sehen.

Aber selbst wenn wir von dieser spalterischen Wirkung einmal absehen, liebe Frau Merkel. Selbst wenn wir annehmen, dass die von Ihnen gewünschten Regeln im März tatsächlich vereinbart werden, wie man es sich im Dezember gegenseitig versprochen hat. Schon vor fast 15 Jahren machten sich die Euro-Länder im so genannten "Euro-Stabilitätspakt" ähnliche Versprechen - mit den gleichen Schlagworten wie heute. Sollen wir allen Ernstes annehmen, dass die neuen Regeln ein anderes Schicksal erfahren werden als die alten, die damals gefeiert und später in den gemeinschaftlichen Müll gefeuert wurden?

Nach allem, was wir wissen, hätte der Euro langfristig nur dann eine Überlebenschance, wenn die Vereinigten Staaten von Europa geschaffen würden - und das möglichst schnell. Aber Hand aufs Herz, liebe Frau Merkel, was halten Sie für wahrscheinlicher: Dass es in einigen Jahren die Bundesrepublik Deutschland nicht mehr gibt oder den Euro?

Es grüßt Sie herzlich

Ihr Raimund Brichta

Quelle: n-tv.de