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Per SaldoGenug der faulen Ausreden!

16.07.2010, 09:48 Uhr
imageSamira Lazarovic
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Flüchtete vor der Erklärungsnot: BP-Chef Tony Hayward (Foto: dpa)

Es ist zu warm. Es ist zu kalt. Es ist zu tief. Aber abgesehen von dem Chaos machen wir einen guten Job. Die Erklärungen, die die Bahn oder BP derzeit für ihre Probleme abliefern, sind nur menschlich. Die Wut darauf auch. Wie wäre es mit mehr Verantwortung und weniger Rechtfertigungen?

"Die Bahn entschuldigt sich bei den betroffenen Passagieren", ließ der Konzern in den ersten Tagen des Hitzechaos mitteilen. Aber die Öffentlichkeit sollte auch bedenken, dass es nur wenige Züge seien, in denen die Klimaanlagen ausfielen. Tausende andere ICEs hätten ihr Ziel ohne Probleme erreicht, lautete der Zusatz. Schützenhilfe bekam der Staatskonzern von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer. Der machte in mehreren Interviews zwar deutlich, dass er von der Bahn bei minus 40 Grad dieselbe Leistung erwarte, wie bei plus 40 Grad, aber dennoch müsse man die Kirche im Dorf und die Tassen im Schrank lassen. Und, bitte schön, die ganze Angelegenheit nicht zur nationalen Tragödie hoch stilisieren.

"Please apologize any conveniences"

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Dieselbe Perfomance bei minus 40 Grad wie bei plus 40 Grad. (Foto: dpa)

Mal abgesehen davon, dass der Verkehrsminister bereits bekommen hat, was er fordert – die Zugausfälle des vergangenen Winters können mit denen im Sommer durchaus mithalten – niemand hat oder will das Chaos bei der Bahn mit einer nationalen Tragödie vergleichen. Mit einem dauerhaften nationalen Ärgernis schon eher. Denn der jetzige Aufschrei bezieht sich nicht nur auf die armen Schüler, die der Hitze im ICE hilflos ausgeliefert waren, sondern auf eine schier endlose Zahl ähnlicher Ereignisse und Reaktionen darauf. Nahezu jeder, der die Bahn regelmäßig nutzt, hat sein Repertoire an Geschichten über Ausfälle und Verspätungen. Und über ein Bahnpersonal, das wie durch Zauberhand verschwindet, wenn es mal brenzlig wird. Die einmal in unnachahmlichem Bahn-Englisch gemachte Durchsage "Please apologize any conveniences" (etwa: "Bitte entschuldigen Sie sich für etwaige Annehmlichkeiten") wird fast jeder als Aufforderung verstehen, der einmal eine pannenfreie Zugfahrt genießen durfte.

Die Ankündigung der Bahn, nunmehr nicht nur den Klimaanlagen einen Extra-Blick gönnen zu wollen, sondern auch das Bahn-Personal dafür zu "sensibilisieren", auf Unregelmäßigkeiten zu achten und die Passagiere zur Not mit Getränken zu versorgen, wirkt da unfreiwillig komisch. Fast wie das einstige Versprechen von Bahn-Chef Rüdiger Grube, dem alten Werbeslogan "Alle reden vom Wetter. Wir nicht.", wieder gerecht werden zu wollen. Vielleicht sollte man bei der Bahn häufiger über das Wetter reden. Und über Krisenmanagement.

Erfolgsmeldungen à la BP

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"Vuvuzelas for BP" - lautstarker Protest in London (Foto: AP)

Auch die regelmäßigen "Erfolgsmeldungen" des Ölkonzerns BP lassen derzeit den Blutdruck steigen. Alle paar Tage melden BP-Ingenieure einen "Durchbruch" beim Kampf gegen die selbst verursachte Ölpest. Letzter Wasserstand: Ein neuer, 100 Tonnen schwerer Zylinder wurde über das Leck in 1.500 Metern Tiefe gestülpt. Aber bevor die Öffentlichkeit aufatmen konnte, schob der Ölkonzern sofort nach, dass noch lange nicht klar sei, ob die Konstruktion dicht genug ist. Und das Öl strömte erstmal weiter ungehindert ins Meer. Worin genau besteht dann der "Erfolg" nach elf Wochen, die seit dem Untergang der Bohrinsel "Deepwater Horizon" vergangen sind und in denen täglich schätzungsweise 8.200 Tonnen Rohöl ins Meer fließen, die weite Abschnitte der US-Golfküste verseuchen?

Die bisherigen Bemühungen BPs, die Öl-Katastrophe in Griff zu kriegen, sei es mit Saugglocken, Haarbündeln, walähnlichen Supertankern oder Kevin Costner, werden von der Öffentlichkeit entsprechend mit Wut und Spott begleitet. Hinzu kommen zahlreiche PR-Pannen – wie ein Vorstandschef, der sich nichts sehnlicher wünscht "als sein altes Leben zurück", und dies auch bekommt. Von einem Kurswechsel ist bei dem Konzern bislang nichts in Sicht – stattdessen betont BP wiederholt, dass es eines der "innovationsfreudigsten und offensten Unternehmen der Branche" sei. Wenn dann die US-Regierung genauer hinsehen will, was der Ölriese mit seinem Geld anstellt, um sicher zu sein, dass BP den Verpflichtungen im Zusammenhang mit der Ölpest nachkommen kann, reagiert man in der BP-Zentrale düpiert: Eine höchst sonderbare Idee habe Washington da.

Reue und Einsicht

Sicher, Fehler passieren und sind menschlich – das muss man wahrscheinlich selbst bei einer Ölkatastrophe einsehen. Entscheidend ist der Umgang damit. Wie hätte der Fehler vermieden werden können, was lerne ich für die Zukunft? Bei BP stellt sich vor allem die Frage, warum weder Konzern noch irgendjemand sonst aus der Branche auf einen solchen Fall vorbereitet war. Die bittere Antwort ist wahrscheinlich: Die Renditen im Ölgeschäft sind so hoch, dass etwaige Umweltkatastrophen einfach in Kauf genommen werden.

Bei der Bahn sollte man sich daran erinnern, dass eine schöne Bilanz alleine die Passagiere nicht glücklich macht. Vor allem, wenn die Sparmaßnahmen nicht nur den Komfort, sondern auch die Sicherheit der Bahnreisenden gefährden. Da würden die meisten Kunden lieber auf den Börsengang als auf noch einen verspäteten Zug warten. Die Unternehmen sollten aufhören, sich zu rechtfertigen und stattdessen die Probleme anpacken. Auch eine Fluggesellschaft würde nicht auf die Idee kommen, von den tausenden geglückten Flügen zu reden, wenn ihnen gerade ein Flugzeug abgestürzt ist. Wie schon Dante wusste: Nur dem, der bereut, wird verziehen im Leben.