Wirtschaft
Begegnung der dritten Art: Die Wall Street scheint derzeit von Außerirdischen bevölkert zu sein, die ihre Umgebung kaum wahrnehmen.
Begegnung der dritten Art: Die Wall Street scheint derzeit von Außerirdischen bevölkert zu sein, die ihre Umgebung kaum wahrnehmen.(Foto: picture-alliance / dpa/epa)
Freitag, 22. März 2013

Inside Wall Street: Grüße vom Planeten Wall Street

Von Lars Halter, New York

Krise in Zypern? Schwankende Konjunkturdaten? Haushaltsbombe im Senat? Das alles interessiert die US-amerikanischen Anlegern nicht mehr - die US-Börsen haben mit dem Rest der Welt nichts mehr zu tun. Anders ist das Verhalten auf dem "Planet Wall Street" nicht mehr zu erklären.

An der Wall Street tummeln sich Touristen, sie machen Fotos, sie kaufen Ansichtskarten von New York und oft ist darauf die New York Stock Exchange abgebildet. Doch "Grüße aus New York" trifft es nicht. Eigentlich müsste man an die Lieben zu Hause Karten vom "Planeten Wall Street" schicken, per intergalaktischer Post. Denn mit dem Rest der Welt haben die US-Börsen längst nichts mehr zu tun.

Die anhaltende Rekordjagd des Dow Jones wird auch durch ein paar rote Tage in dieser Woche nicht wirklich gestoppt. Munter geht es in neue Höhen – fast jeden Tag. Dass die US-amerikanischen Börsen damit nicht die Realität der amerikanischen Konjunktur abbilden, ist auch in dieser Kolumne bereits erläutert worden.

Dass die Kursrally an der Wall Street auch durch die Eurokrise und das Drama in Zypern nicht gestört werden kann, ist absurd. Sicher könnte der Dollar-Raum ein wenig profitieren, wenn sich ausländische Investoren aus der unsicheren Eurozone entfernen wollen. Doch grundsätzlich gilt: Die globalen Märkte sind interdependent und Instabilität auf einem wirtschaftlich bedeutenden Markt kann dem anderen eher schaden als nutzen.

Woher also kommen die Gewinne an der Wall Street? Sie entspringen vor allem der Investitionsfreude der Banken. Die holen sich seit Jahren billiges Geld bei der Notenbank, das sie eigentlich zur Stabilisierung der Konjunktur verleihen sollten. An Kunden etwa, die damit Häuser bauen, Autos kaufen, vielleicht auch konsumieren. Doch seit der Krise (und angesichts beträchtlicher Schuldenberge beim US-amerikanischen Verbraucher) halten sich die Banken mit dem Verleihen zurück – lieber investieren sie das Geld an der Börse. Da fahren sie Rekordrenditen ein.

Das Problem: Die Banken haben sich komplett von der Notenbank abgenabelt. Das erklärt, warum man jeden Monat gespannt auf das Ende der Fed-Sitzung wartet, obwohl sich da momentan keine Zinsanhebung abzeichnet. Immerhin hat Ben Bernanke den Zinssatz unlängst an eine Erholung des Arbeitsmarktes geknüpft. Erst wenn die Arbeitslosenquote unter 6,5 Prozent fällt, wollen die Notenbanker die Zinsen anheben.

Wichtig ist für die Wall Street aber der Ausblick der Fed. Jedes Wort von Ben Bernanke wird sorgfältig abgeklopft. Man fragt: Glaubt Bernanke an eine derart starke Erholung der US-Wirtschaft, dass ein Ende der unterstützenden Politik nahen könnte? Im Moment sieht es nicht so aus. Erst am Mittwoch versicherte der Fed-Chef seinen Zuhörern, dass man nach wie vor sehr besorgt sei. Vor allem wegen des Sequesters, jener Haushaltsbombe, die der Kongress kürzlich gezündet hat. Sie belastet das Land mit einem radikalen Sparkurs und mit Steueranhebungen – beides kann der Konjunktur im vorsichtigen Aufbau nur schaden. Bernanke sieht im Sequester einen gefährlichen Stolperstein, was an der Wall Street für Hochstimmung sorgt. Sollte sich das Land mittelfristig nicht erholen, sollte es etwa wieder in eine Rezession stürzen, muss die Notenbank weiter Geld drucken, den Banken leihen – weitere Investitionen am Markt wären gesichert, und damit die Gewinne an der Wall Street.

Bernanke hat sich in seinem Statement am Mittwoch eigentlich klar ausgedrückt. Doch wie groß die Angst der Wall Street vor einem Kurswechsel der Fed ist, das zeigte sich am Donnerstag. Da gab es eine ganze Reihe starker Konjunkturdaten. Die Erstanträge aus Arbeitslosenunterstützung gingen erneut zurück, was auf Entspannung am Arbeitsmarkt deutet. Die Hausverkäufe sind auf ein Vier-Jahres-Hoch gestiegen, und das bei steigenden Preisen – der Immobilienmarkt scheint sich zu stabilisieren. Zu guter Letzt ging es auch für die "Führenden Indikatoren" zurück, ein Sammelsurium von Daten, das dem Anleger einen raschen Blick auf die Lage der Nation ermöglicht.

Starke Daten wohin das Auge blickt – da geht nun doch manchem Anleger die Muffe. Hat die Fed nicht richtig hingeschaut? Könnte sie angesichts der neuen Daten doch noch ins Lager der Konjunktur-Optimisten wechseln? Sind die Niedrigzinsen doch irgendwann Geschichte? Es wäre das endgültige Aus der Wahnsinnsrally der letzten Jahre. Das will die Wall Street natürlich vermeiden, auch wenn man sich mit einer herzhaften Konjunktur doch nur der Realität im Land anpassen würde. – wer will das schon. Viel zu schön ist es auf dem "Planet Wall Street" in einer fremden Galaxis.

Quelle: n-tv.de