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Inside Wall StreetKatastrophe ohne Kursverlust

23.03.2011, 06:45 Uhr
imagevon Lars Halter, New York
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Nur geringe Verluste nach der Japan-Katastrophe an der Wall Street. (Foto: dpa)

Warren Buffett hat den richtigen Riecher: Er rät nach Erdbeben und Tsunami in Japan zum Aktienkauf. Und er hat recht. Wer etwa nach den ersten Einbrüchen zugekauft hat, macht nach drei oder vier Tagen einen guten Schnitt.

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Einer der reichsten Männer der Welt: Wo immer Warren Buffett öffentlich spricht, kann er sich der Aufmerksamkeit von Märkten und Mächtigen sicher sein. (Foto: dpa)

An Krisen zu verdienen hat etwas Anrüchiges. Falsch ist es trotzdem nicht. Jede Krise birgt Chancen, und beim Investieren muss man diese nutzen. Dass weiß keiner besser als Warren Buffett, der in der Dreifach-Katastrophe von Japan eine "Kauf-Gelegenheit" sieht. Problematisch ist das nicht aus moralischer Sicht, sondern vor allem mit Blick auf die US-Börsen, deren Kursverluste die Krise gar nicht erst widergespiegelt haben.

Zur Erinnerung: Am ersten Handelstag nach dem schweren Erdbeben und angesichts der Auswirkungen, die der folgende Tsunami in Japan hinterlassen hatte, ging es für die US-Börsen erst einmal nach oben. Einen Tag später, es war Montag vergangener Woche, ging es minimal abwärts. Am Dienstag eröffnete die Wall Street mit deutlichen Verlusten, die man bis zur Schlussglocke zur Hälfte wieder gut gemacht hatte. Der Maximalverlust des Dow Jones lag in den Tagen nach der Katastrophe - auch auf dem Höhepunkt der Atom-Angst - bei rund vier Prozent.

Zum Vergleich: Die Märkte in Japan brachen in der Spitze um 22 Prozent ein, der Dax in Frankfurt verlor fast 10 Prozent.

Dass nun Japan selbst deutlich stärker auf die dortige Krise reagieren würde, ist klar. Dass aber die USA nur minimal nachgaben und weniger deutlich als der Rest der Welt, dass gibt durchaus zu denken. Denn die US-Wirtschaft ist von der japanischen nicht unabhängig. Japan ist ein global orientiertes Land, und dass eine Katastrophe dort Folgen für alle anderen Märkte haben würde, war eigentlich nicht zu übersehen.

Abhängige Chiphersteller

Zumal es binnen weniger Tagen eine ganze Reihe von Beispielen gab: General Motors schloss eine Truck-Fabrik in Louisiana, deren Produktion von Teilen aus Japan abhängig ist. (Einen Tag später kürzte man auch die Schichten bei Opel.) Boeing ließ verlauten, dass vier seiner größten Zulieferer in Japan ansässig seien. Die gesamte Hightech-Elite zog nach: Apple hatte in der Erdbeben-Nacht mit dem Verkauf des iPad 2 begonnen - Besteller müssen sich jetzt auf wochenlange Verzögerungen gefasst machen, denn die Chips im heißesten Gadget unserer Zeit kommen aus Japan.

Auch Intel und Cisco sind von Bauteilen aus der Region um Tokio abhängig, wo unter anderem zehn Prozent aller weltweit verkauften Laptop-Batterien und 25 Prozent aller DRAM-Chips hergestellt werden.

Der Paketversand FedEx hat Kunden um Geduld bei der Zustellung gebeten. Internationale Fluglinien mussten in den Tagen nach der Katastrophe Flüge streichen. Und auch als Kunde ist auf das Land der untergehenden Sonne zurzeit nicht zu zählen. Der Edeljuwelier Tiffany macht etwa 20 Prozent seines Umsatzes mit vermögenden Japanern und rechnet in diesem Segment mit deutlichen Einbußen.

Überprüfung aller US-Meiler

Die Verbindungen zwischen US- und japanischer Wirtschaft sind mannigfaltig. Doch abgesehen vom direkten Güter- und Geldverkehr beeinflussen sich die Märkte auch anderweitig. Welche Folgen die Katastrophe von Fukushima für die Energiepolitik Amerikas hat ist noch nicht abzuschätzen. Präsident Barack Obama hat zunächst eine Überprüfung aller US-Meiler angeordnet. General Electric bangt derzeit mit den Betreibern von Fukushima, denn der Dow-Riese hat vor 40 Jahren einige der Reaktoren gebaut und könnte unter Umständen von Regressanforderungen getroffen werden.

Die Kursbewegungen an der Wall Street haben all das bisher nicht reflektiert. Und sie lassen schon gar nicht erkennen, dass die Folgen von Japan möglicherweise langfristig zu sehen sein werden. Am Donnerstag und Freitag vergangener Woche und am Montag dieser Woche schossen die Blue Chips wieder munter nach oben und über die Marke von 12,000 Punkten - ganz als wäre nichts gewesen.

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Nachdenklich und einflussreich: Buffett bewegt sich längst jenseits des persönlichen Ehrgeizes. (Foto: REUTERS)

Nun hat Buffett recht, wenn er in der Krise von Japan eine unmittelbare Kaufgelegenheit auch an den US-Märkten sieht. Wer etwa nach den moderaten Einbrüchen zugekauft hat, macht nach drei oder vier Tagen einen guten Schnitt. Wer im Angesicht der Katastrophe auf Caterpillar gesetzt oder mit Blick nach vorne in Solar-Aktien investiert hat, ist auch gut dabei.

Deutliche Korrektur kommt

Wer allerdings auf breiter Ebene zukaufen will, der sei gewarnt. Die Blue Chips notieren nur knapp unter dem Zweieinhalb-Jahres-Hoch. Sie haben einen zweijährigen Bullenmarkt hinter sich, in dem sie sich ohne eine einzige nennenswerte Gegenbewegung im Wert verdoppelt haben. Einige Branchen, wie etwa die Finanzwerte, haben um 170 Prozent zugelegt, Einzelaktien auch im Dow Jones um bis zu 300 Prozent.

Analysten warnen seit Monaten, dass eine Korrektur überfällig sei. Die meisten gehen davon aus, dass sie den Markt bis zu 20 Prozent kosten könnte. Hätte Japan eine solche Bereinigung ausgelöst, hätte sich der Markt danach wohl recht gut erholen können. Eine Einmalkatastrophe als Auslöser einer Korrektur hätten Anleger leicht weggesteckt, weiteres solides Marktwachstum wäre sicher gewesen. Nun hingegen müssen US-Investoren weiter pokern. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, eine deutliche Korrektur wird kommen - bis dahin liegt ein Schatten auf der Wall Street. Mit großer Zuversicht kann man dieser Tage nicht in den Markt gehen, auch wenn es bei Warren Buffett so klingt.