Wirtschaft
Die Rede von Barack Obama ist in den USA ein fest.
Die Rede von Barack Obama ist in den USA ein fest.(Foto: dapd)

Inside Wall Street: Obamas Straßenfeger

Von Lars Halter, New York

Bei Barack Obamas Rede zur Lage Nation sind die US-Amerikaner an den Fernsehgeräten versammelt. Auf dem Parkett gehen die Meinungen auseinander, ob die Rede des Präsidenten wirklich den Markt beeinflusst. Fakt ist aber, dass die große Politik Auswirkungen auf die Wirtschaft hat.

"There's no business like show business" - die USA haben dieses Motto verinnerlicht. Egal, ob stundenlang ein langweiliges Football-Spiel läuft, ob sich Hollywood bei den Oscars oder die Musikbranche bei den Grammys auf die Schulter klopft - die Scheinwerfer strahlen, die Musik ist pompös. Vor dem Fernseher sitzt ein Millionenpublikum. Auch vor der Politik macht die Show nicht halt.

In anderen Ländern gehört der jährliche "Bericht zur Lage der Nation" höchstens für Politik-Insider zum Pflichtprogramm. Wenn die Bundeskanzlerin einmal im Jahr in epischer Breite über Steuern und Schulden spricht, über Bundeswehr und Parteigezänk, dann gilt das in Fernsehkreisen nicht gerade als Straßenfeger. Ganz anders in den USA: Die traditionelle Rede des Präsidenten zur "State of the Union" ist ein Fest, das von allen Nachrichtensendern live übertragen wird und das - ähnlich wie der Superbowl - mit einer mehrstündigen Analyse beginnt bevor das erste Wort gesprochen ist.

In diesem Jahr fiel zwar die politische Pre-Game-Chose aus, weil die Nachrichtensender das Ende eines Cop-Killers in einer brennenden Skihütte bei Los Angeles filmten, doch unmittelbar zum Auftritt von Barack Obama waren sie alle wieder dabei. "Ladies and Gentlemen: The President oft he United States", schallt es traditionell, bevor der Präsident den ehrwürdigen, aber hoffnungslos überfüllten Saal im Kapitol betritt. Es dauert ewig, bis er die paar Meter bis zum Rednerpult zurückgelegt hat, denn Obama muss hunderte Hände schütteln - dabei sind eigentlich ausnahmslos Leute im Saal, die er ohnehin jeden Tag sieht.

Schwankungen an der Börse

Während der Rede - in einer Stunde ackert der Präsident in der Regel alle möglichen Themenbereiche ab - gibt es immer wieder Applaus und stehenden Applaus auf der einen Seite, düstere Mienen auf der anderen. All das ist nicht neu, aber irgendwie spannend und jeder schaut zu, weil man im Büro am nächsten Tag mitreden will. Auch an der Wall Street, wo es auf jedes große Fernsehereignis Reaktionen gibt - auch auf die "State of the Union".

Auf dem Parkett gehen die Meinungen zwar auseinander, ob die Rede des Präsidenten wirklich den Markt beeinflusst, doch eines ist klar: Im Gegensatz zum Superbowl mit seinen verrückten Indikatoren wirkt sich die große Politik in Washington tatsächlich auf die Wirtschaft aus und Schwankungen an der Börse wären zu rechtfertigen. Eine Schwankung etwa wie das Minus, das McDonald's am Mittwoch einfuhr. Die Burgerkette kam zwar in der Rede des Präsidenten nicht vor, dafür forderte Obama aber recht deutlich eine Anhebung des Mindestlohns auf 9 Dollar, um die Kluft zwischen Arm und Reich einzudämmen. Eine solche Anhebung käme McDonald's und zahlreiche Konkurrenten teuer, denn an der Fritteuse gibt es nun einmal Mindestlohn – je weniger Washington da mitredet, desto höher sind die Margen beim Big Mac.

Zu den Gewinnern der Obama-Rede gehörten hingegen einige Hightech-Aktien, nachdem der Präsident erneut Investitionen in Technologie in Aussicht gestellt hat. Man müsse zur Zeit "die Möglichkeit nutzen, für immer zu verändern, wie Dinge in den USA produziert werden", sagte Obama an einer Stelle – und rauf ging es am Mittwoch für die Aktien der 3D-Drucker-Branche, die so direkt wie keine andere an einer Revolution der Industrie arbeitet.

Poland Spring mitten im Bild

Keine nennenswerten Gewinne gab es hingegen für Nestle, den Mutterkonzern des US-amerikanischen Wasser-Riesen Poland Spring - denn der ließ eine Steilvorlage von Marco Rubio ungenutzt. Der republikanische Senator aus Florida lieferte die offizielle Antwort seiner Partei auf die Obama-Rede, mitten in seiner Rede griff Rubio zur Wasserflasche, um seinen trocken Mund zu benetzen. Poland Spring war mitten im Bild, der Moment - ein Ausrutscher in der sonst so genial geplanten Inszenierung! - lief auf allen Kanälen, wurde im Internet zum Renner. Nur bei Poland Spring schlief man, schaffte erst einen halben Tag nach der Aktion einen launigen Tweet.

Andere Unternehmen haben mit solchen ungeplanten Momenten schon die ganz große Kohle eingefahren. Während des Stromausfalls beim Superbowl twitterte etwa der Kekse-Hersteller Oreo, dass man schließlich "auch im Dunkeln" knabbern könnte - der Werbeslogan schlug ein wie sonst nur ein 4 Millionen Dollar teurer Werbespot. Als sich Mitt Romney im letzten Jahr in seinem Wahlkampf versehentlich als "Etch-A-Sketch" beschreiben ließ, gingen die Verkäufe dieser magischen Kinder-Maltafel durch die Decke, weil das Unternehmen die Botschaft sofort weitertransportierte.

Quelle: n-tv.de