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Per SaldoSchuld sind die anderen

15.01.2010, 12:51 Uhr
imageJan Gänger

Wer ist eigentlich für die Krise verantwortlich? Nicht nur der amerikanische Kongress hat da so eine Ahnung, auch wir haben den Schurken bereits ausgemacht.

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(Foto: REUTERS)

Die weltweite Finanz- und Wirtschaftkrise geht uns mittlerweile gehörig auf die Nerven. Ok, sie scheint mittlerweile an Wucht zu verlieren, aber sagen Sie das mal den Arbeitslosen. Oder den Anlegern, die Geld verloren haben. Es wird also hohe Zeit, den Schurken zu benennen, der uns den ganzen Schlamassel eingebrockt hat.

Das denkt sich auch der US-Kongress, der momentan durch einen Untersuchungsausschuss herausfinden will, wer der Schuldige ist. Ein Blick auf die Gästeliste zeigt, eigentlich wissen die Mitglieder das bereits, denn vornehmlich Banker sind geladen. Aber sicher ist sicher. Und auch hierzulande ist doch längst Konsens: Die gierigen Banker sind es gewesen. Vor allem die amerikanischen. Und die hatten nur eine Sache im Blick: hohe Bonuszahlungen.

Kollektives Versagen

Nun ja, zweifellos tragen Banken die Hauptschuld. Natürlich haben hohe Boni die Risikobereitschaft angeheizt. Kurzfristiger Profit war oft viel wichtiger als eine angemessene Risikobewertung. Das anklagende Fingerzeigen ist allerdings eine Spur zu simpel. Manchmal sind Dinge etwas komplizierter. Finanz- und Wirtschaftskrisen zum Beispiel. Viele haben sich fürchterlich geirrt, viele haben vieles nicht verstanden oder schlichtweg nicht gesehen oder geflissentlich ignoriert.

Eine Ursache der Krise war beispielsweise, dass Wall-Street-Ingenieure eine Reihe von Finanz-Instrumenten entwickelt haben, die weder sie, noch die Händler, noch die Käufer richtig verstanden haben. Die milliardenschweren Hilfen für Banken werden jetzt mit dem "systemischen Risiko" gerechtfertigt. Vor der Krise wurde das entweder übersehen oder sträflich unterschätzt. Im amerikanischen Häusermarkt hatten Käufer völlig unrealistische Annahmen in Sachen Preissteigerung – und die Blase bildete sich, wuchs und platzte. Viele haben auf ganzer Linie versagt. Nicht nur Banken, sondern auch Investoren, Kleinanleger, Rating-Agenturen, Regierungen, Ökonomen, Analysten und Wirtschaftsjournalisten.

Der Fetisch der Deregulierung der Finanzmärkte war nicht nur in den USA ungeheuer mächtig. Auch hierzulande galt diese Devise. Schließlich sollte Deutschland ja ein attraktiver Finanzplatz bleiben. Das hat – nebenbei gesagt – auch die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder so betrieben. Banken wurde viel zu wenig Eigenkapital abverlangt. Banken regulieren sich nun mal nicht selbst, dass ist die Aufgabe der Politik, die eben auch nicht ganz unschuldig ist. Sie benennt den Rahmen, in denen sich Banken bewegen dürfen. Die leidenden Landesbanken gehören Bundesländern, in den Aufsichtsräten saßen Politiker.

Hoher Zins = hohes Risiko

Und der Anleger? Der kaufte komplizierte Finanzprodukte, die er nicht verstand. Oder parkte sein Geld auf Konten isländischer Internetbanken, die astronomische Zinsen versprachen. Und war dann ehrlich entrüstet, als seine Lehman-Zertifikate plötzlich wertlos waren und isländische Banken, deren Namen er nicht schreiben konnte, kollabierten.

Auch die Zunft der Ökonomen hat sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Ohne in die Feinheiten der Makroökonomie einzusteigen, lässt sich feststellen: Viele Modelle waren wohl doch nicht ganz so geeignet, die gegenwärtige Krise vorherzusagen. Sie haben außerdem keine Instrumente geliefert, die Krise zu bekämpfen.

Es gibt viele Ursachen für die gegenwärtige Misere, die Sache ist ungeheuer komplex. Natürlich ist es verlockend, "die Banker" an den Pranger zu stellen und die eigenen Hände in Unschuld zu waschen. Die Bankbranche macht es einem ja auch leicht. Was ist eigentlich in Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein gefahren, als er die Arbeit von Banken als "Gottes Werk" bezeichnete? Doch bei allem berechtigten Zorn und verständlichem Frust: Es ist nicht zielführend, die Schuld immer nur bei anderen zu suchen. Oder um in der biblischen Metaphorik zu bleiben: Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?