Per SaldoStellt euch nicht so an!
Opel erhitzt die Gemüter von Landesvätern, Arbeiterführern und anderen Standortrettern. Warum die Aufregung? Schließlich haben sich all die Erzürnten und Empörten auch nicht so angestellt, als es anderen großen Namen an den Kragen ging.
General Motors will Opel behalten, und schon drängeln sich in Kaiserslautern, Rüsselsheim, Eisenach und Bochum Politiker neben Betriebsräten und Gewerkschaftern auf die Rednertribünen, um das Verhalten der Amerikaner zu verdammen. Sie finden Gehör: Die Welle der Entrüstung spült die übliche Requisiten in die Straßen - Pappsärge, Fahnen, Pfeifen und Megaphone.
Doch im gerechten Zorn der Betrogenen und Betroffenen reckt sich manches Kinn etwas zu weit nach oben. Es ist ja nicht so, als ob Opel das erste deutsche Unternehmen wäre, das sich im Auf und Ab des Wirtschaftslebens von herben und schmerzhaften Einschnitten bedroht sieht. Da sind schon ganz andere große Namen stiller und klangloser in den Orkus gefahren.
Wo waren die Arbeiterführer, Kleine-Mann-Versteher und Arbeitsplatzerhalter, als in Bremen, Hamburg oder Rostock die Werftenindustrie Schlagseite bekam? Wer hat sich mit den Elektrofachgeschäften in den Innenstädten gegen die Übermacht der krachlauten und ignoranten Multimedia-Ketten auf der grünen Wiese gestemmt? Wer hat sich schützend vor die oberfränkische Porzellanindustrie gestellt?
Sang- und klanglos ausgelagert
Wer hat der deutschen Textilindustrie geholfen - einst ein zuverlässiger Arbeitgeber von immerhin mehreren hunderttausend Facharbeiterinnen und Facharbeitern? Warum begehrte kein Regierungsseelchen auf, als der Chiphersteller Qimonda und mit ihm das "Silicon Saxony" ins Verderben rutschte?
Wo war die Rüttgers, Becks und Kochs, als die Discounter und Drogeriemärkte gegen die gute alte Tante Emma in die Preisschlacht zogen?
Der Atem der deutschen Arbeitsplatzromantik weht nicht durch jede Branche. Offen zur Schau gestellte Empfindsamkeit kommt nur auf, wenn es um griffige Themen wie Auto, Kohle oder Handys geht. Dann können die Megafone nicht laut genug sein. Wählerstimmen lassen sich mit arbeitslosen Näherinnen wohl nicht gewinnen - mit starken Auftritten vor zerrütteten Baukonzernen offenbar schon.
Wer immer aber Verantwortung für die Menschen in diesem Land übernehmen will, der sollte sich vor kaum haltbaren Versprechungen hüten.
Die Politik kann ein Unternehmen nicht davon abhalten, den Bedarf an Arbeitskräften den Marktbedingungen anzupassen, und das schon gar nicht, wenn die Zentrale des Unternehmens im Ausland liegt. Das klappt weder mit Subventionen, noch funktioniert das mit Appellen an die Moral.
Bochumer Lektionen
Helfen kann die Politik den Betroffenen allerdings auf ganz andere Weise: Sie kann den Bürgerinnen und Bürgern Wege aufzeigen, sich unabhängig von Konjunkturzyklen und kurzsichtigen Managemententscheidungen zu machen.
Die Politik kann die ihr zustehende Gestaltungsmacht nutzen, um den Menschen Selbstvertrauen, Zuversicht und eine neue Beweglichkeit zu verschaffen. Dazu braucht es keinen schäumenden Eifer, sondern vielmehr echten Ehrgeiz, die Aus- und Weiterbildungsangebote in einem Umfang auszubauen, der das bisherige Niveau weit hinter sich lässt.
Dann braucht es auch keine Nachtsitzungen im Kanzleramt mehr. Das Türkratzen, Klinkenputzen und Betteln vor Konzerntüren hätte ein Ende.
Das Ziel dieser Gesellschaft muss es sein, dass die Unternehmen in Deutschland Schlange stehen - um sich bei den früheren Opelanern, Stahlarbeitern, Näherinnen, Schiffsschlossern und Keramik-Spezialisten um deren wertvolle Zeit und Arbeitskraft zu bewerben.