Wirtschaft
Neugebaute Bauruine? Das Terminal des Flughafens unter dem grauen Himmel von Berlin-Brandenburg.
Neugebaute Bauruine? Das Terminal des Flughafens unter dem grauen Himmel von Berlin-Brandenburg.(Foto: dapd)

Ein Flughafen für die Hauptstadt: Die Lehren des BER-Debakels

Ein Kommentar von Martin Morcinek

Man lernt nie aus, heißt es, und wer auf die Pannenserie am neuen Hauptstadtflughafen blickt, wünscht sich, Deutschland möge schnell lernen, bevor es weitere Steuermilliarden in unzureichend beaufsichtigten Großvorhaben verbaut. Mit einem Rücktritt lässt sich das Problem nicht beheben.

Eine Baustelle, die schlechte Laune macht: Berlin Brandenburg macht wohl sehr viel später auf.
Eine Baustelle, die schlechte Laune macht: Berlin Brandenburg macht wohl sehr viel später auf.(Foto: REUTERS)

Deutschlands peinlichste Großbaustelle macht wieder von sich reden: Der Eröffnungstermin des neuen Hauptstadtflughafens BER muss – schon wieder – gekippt werden. Frühestens 2014 kann der milliardenteure Airport in Betrieb gehen. Es ist die vierte Verschiebung in Folge – und ein echter Skandal. Unter den Augen einer zunehmend entsetzten Öffentlichkeit wird die Liste gravierender Baumängel immer länger. Schon jetzt ist klar: Billiger wird der Großflughafen keinesfalls, ein realistischer Starttermin steht in den Sternen. Den Verantwortlichen hängt das Debakel wie ein politischer Mühlstein am Hals.

Berlins Regierender Bürgermeister tritt von seinem Posten als Aufsichtsratschef der Flughafengesellschaft zurück. Er gibt sein Amt an Brandenburgs Ministerpräsidenten Matthias Platzeck ab. Flughafenchef Rainer Schwarz muss wohl ebenfalls seinen Hut nehmen. Das Signal ist klar: harte, personelle Konsequenzen. Doch reicht das?

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Mit bitteren Scherzen versuchten die Berliner, sich über die Dauerkatastrophe hinwegzutrösten: "Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu bauen", heißt es auf Postkarten, mit denen Souvenirhändler ein gutes Geschäft machen. Den übrigen Unternehmern vor Ort bleibt nur Wut und Unverständnis. Längst ergießt sich Hohn und Spott über die Region: Von "der Hauptstadt des Scheiterns" ist die Rede, vom "Problem-BER" und der Unfähigkeit der Berliner, einen funktionierenden Flughafen zu bauen. Doch hinter der Flughafen-Posse steckt sehr viel mehr – mehr, als selbst ein Rücktritt heilen könnte.

Denn der Kern der BER-Tragödie betrifft nicht nur Berlin und Brandenburg. Die Pannenserie am Hauptstadtflughafen weckt überall in Deutschland tiefsitzende Zweifel. Hat dieses Land seine Fähigkeit verloren, komplexe öffentliche Bauvorhaben fristgerecht und innerhalb des projektierten Kostenrahmens umzusetzen? Hat es sie jemals besessen?

Tiefwurzelnde Missstände

Denn Berlin-Brandenburg steht nicht alleine da: Mit hilflosem Zorn blickt man zum Beispiel in Stuttgart auf die 5,6 Mrd. Euro, die der Umbau des Hauptbahnhofs zum Projekt S21 mittlerweile mindestens kosten soll – eine Summe, die manche Experten immer noch für viel zu niedrig gegriffen halten. Düster denken Kölner an die Katastrophe aus dem Jahr 2009 zurück, als das Stadtarchiv zusammen mit unschätzbaren Werten in eine U-Bahn-Baustelle des Großprojekts Nord-Süd-Stadtbahn stürzte. Heiser hüsteln muss man wohl auch in Hamburg, wo das neue Wahrzeichen Elbphilharmonie nur unter Aufbietung immer neuer finanzieller Zugeständnisse in den Himmel über der Hansestadt wachsen will.

Die Liste ließe sich leicht fortsetzen: Dresdner Waldschlößchenbrücke, Erweiterung des Saarland-Museums, Leipziger Citytunnel … Liegt es wirklich in der Natur der Sache, dass Großprojekte unter der Regie der öffentlichen Hand stets teurer werden müssen als geplant? In Berlin und Brandenburg muss der Untersuchungsausschuss die Ursachen bis in den letzten Winkel beleuchten. Der Ausschuss wird dabei auch die Verantwortlichkeiten klären.

Langer Weg ins Desaster

Doch abgesehen von etwaigen politischen Konsequenzen müssen auch tiefer gehende Fragen auf dem Tisch: Wie lassen sich die offensichtlich vorhandenen Fehler im System beheben? Wäre die Privatisierung im Fall BBI doch die richtige Lösung gewesen? Wie lässt sich das Zusammenspiel der Planer und Ingenieure besser kontrollieren? Wer kann Fehlentwicklungen rechtzeitig erkennen und aufdecken? Und: Was nützen prominente Politiker im Aufsichtsrat?

Sicher ist: Die Öffentlichkeit sollte jetzt sehr genau hinsehen. Denn es bedarf grundlegender Korrekturen. Sonst ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich das nächste Milliardengrab vor dem Steuerzahler auftut.

Quelle: n-tv.de