Wirtschaft
Dienstag, 15. März 2011

Die Busch-Trommel: Energiewende wohin?

von Friedhelm Busch

Jedem dürfte auch ohne geschmackloses Wahlkampfgetöne klar geworden sein, dass sich unsere Einstellung zur Kernenergie verändern muss. Aber wo liegen unsere Alternativen? Fest steht wohl: Einen globalen Ausstieg aus der Kernenergie wird es kaum geben.

Friedhelm Busch
Friedhelm Busch

Mag sein, dass die radioaktiven Wolken aus den geborstenen Kernkraftwerken im Nordosten Japans für uns in Deutschland tatsächlich keine unmittelbare Gefahr darstellen, aber die offiziell zur Schau getragene Erleichterung hierüber ist schamlos angesichts der Katastrophe, die innerhalb weniger Stunden über die japanische Bevölkerung hereingebrochen ist.

Wie zynisch und abgebrüht muss zudem die politische Klasse in Deutschland sein, wenn vor den Kameras und Mikrophonen dem japanischen Volk das tiefste Mitgefühl ausgesprochen wird, im selben Atemzug aber mit Blick auf die bevorstehenden Landtagswahlen die ausgeleierten alten Auseinandersetzungen um die künftige Nutzung der deutschen Kernenergie aufs Neue beginnen. Der Atom-Gau in Japan als deutsches Wahlkampfthema in den Medien und auf der Straße, während die japanische Bevölkerung in stummer Verzweiflung versinkt. Eine unsägliche Vorstellung!

Dabei wird jedem denkenden Menschen auch ohne dieses geschmacklose Wahlkampfgetöne längst klar sein, dass sich bei uns die Einstellung zur Kernenergie verändern muss. Als Brückenenergie, also als langfristig zu planender Übergang zu alternativen Formen der Energiegewinnung ist die Kernkraft nach dem Gau in Japan nicht mehr vorstellbar. Selbst wenn in Deutschland die Gefahr schwerer Erdbeben deutlich geringer ist als in Japan, selbst wenn deutsche Kernkraftwerke nicht der Gefahr zerstörerischer Tsunamis ausgesetzt sind, sicher sind sie nur im Rahmen unserer menschlichen Vorstellungskraft. Das hochtechnisierte Japan hat – zumindest nach heutigem Wissensstand - wohl alles Menschenmögliche getan, um eine Kernschmelze in seinen Atomkraftwerken auszuschließen, aber das Erdbeben vom vergangenen Freitag lag eben außerhalb unserer Denkfähigkeit.

Ausstieg Knall auf Fall

Anders als in Tschernobyl war – aus jetziger Sicht - für die Explosion im Fukushima nicht menschliches Versagen die Ursache, es war ein Amoklauf der Natur. Der aber kann zu jeder Zeit stattfinden, an jedem Ort und in welcher Form auch immer. Der für Deutschland auf lange Sicht geplante Ausstieg war also im Grunde ein vernünftiger Ansatz. Doch jetzt soll er auf Geheiß der Kanzlerin offenbar schlagartig umgesetzt werden. Nichts anderes besagt doch die dreimonatige Aussetzung der bereits beschlossenen Laufzeitverlängerung. Bevor wir genau wissen, was eigentlich in den japanischen Atomreaktoren die Katastrophe ausgelöst hat, welche Konsequenzen es hat, wenn wir in unserem Land von einem Tag auf den anderen die Nutzung der Kernenergie beenden, wenn gleichzeitig aber im nahen französischen Cattenom vier Reaktorblöcke in Betrieb bleiben, und China sogar ungeachtet der japanischen Katastrophe weiterhin auf den Ausbau seiner Kernkraft setzt.

Hinter der Nutzung der Kernenergie in anderen Staaten steht ja nicht unbedingt deren Ignoranz oder Gewinnsucht, sondern die Verpflichtung einer jeden Regierung, ihren Bürgern und der heimischen Wirtschaft eine verlässliche Grundversorgung mit preisgünstigem Strom zu ermöglichen. Auch darin liegt eine wichtige Voraussetzung für wachsenden Wohlstand im Lande und die finanzielle Grundlage für die Erfüllung sozialstaatlicher Aufgaben. Die von Atomkraftgegnern favorisierte Wind- und Solarenergie kann aber heute genau diese Grundversorgung – beim gegenwärtigen Stand der Technik - nicht garantieren. Nicht in unseren Breiten, nicht bei dem wachsenden Widerstand der Bevölkerung gegen Windparks zu Lande und auf hoher See, gegen kilometerlange Stromtrassen. Ebenso sind die ökonomischen und ökologischen Unsinnigkeiten einer forcierten Energieerzeugung aus Pflanzen gerade in diesen Tagen am Beispiel des Bio-Sprits E 10 offen zu Tage getreten.

Wer also bei der Primärenergieversorgung auf die Kernkraft verzichten will, muss verstärkt auf fossile Energieträger setzen und dabei vor allem auf Rohöl. Möglich ist das, wir sollten uns aber über die Folgen im Klaren sein. Unter dem Eindruck der Ereignisse in Japan werden vermutlich viele Staaten dieser Welt in diese Richtung denken und bald auch handeln, müssen wir uns in den nächsten Monaten wegen der steigenden Nachfrage nach Öl auf höhere Ölpreise einstellen. Unabhängig von den politischen Verwerfungen im arabischen Raum und selbst bei einer möglichen Abkühlung des Konjunkturklimas. Die negativen Folgen steigender Ölpreise für die Weltkonjunktur und die Finanzmärkte sind absehbar. Ebenso die Belastung des Klimas durch den vermehrten Einsatz des Rohöls. Eine Verringerung der CO2-Emissionen bei gleichzeitigem Verzicht auf die Kernenergie entspricht beim gegenwärtigen Stand der Technik einer Quadratur des Kreises. Das funktioniert nur in den Köpfen der Politiker. Vor allem vor Wahlen.

Quelle: n-tv.de