Inside Wall StreetApple-Zensur ärgert Fans
Es gibt Unternehmen, die scheinbar stets alles richtig machen. Unumstrittene Nummer Eins unter diesen Vorzeige-Konzernen ist Apple – doch es ziehen Wolken auf.
Es gibt beliebte und unbeliebte Unternehmen. In der Gunst der Amerikaner stehen etwa die Banken ganz weit unten, die Umweltschützer haben die Öl-Branche auf dem Kieker, für unangemessene politische Einflussnahme wird "big Pharma" gerügt… und dann gibt es Unternehmen, die scheinbar stets alles richtig machen. Unumstrittene Nummer Eins ist Apple – doch es ziehen Wolken auf.
Seit sich Apple zunächst mit dem iPod von den Schatten der Vergangenheit gelöst hatte, dann mit dem iPhone neue Horizonte schuf und mit dem iPad nachlegte, wird das Unternehmen aus dem kalifornischen Cupertino gefeiert, und CEO Steve Jobs gilt als größtes kreatives Genie in den USA. Revolutionäre Ideen haben Apple aus der Computerbranche ausbrechen lassen. Der Konzern handelt mit Kontent und nimmt zudem Millionen von Programmierern unter seine Fittiche, die etwa Programme für das iPhone schreiben und damit reich werden dürfen.
Dass Apple seinerzeit das iPhone für Provider außerhalb der eigenen Reihen geöffnet und einen Entwickler-Kit angeboten hat, war der größte Geniestreich von Jobs & Co. Plötzlich konnten Geeks überall ihre Software-Ideen verwirklichen, damit Kasse machen – das iPhone profitierte gewaltig. Im App-Store gibt es heute unzählige Anwendungen: Spiele, Nachrichtenticker, Diktiersoftware, Sport-Anwendungen, GPS-gestützte Einkaufshilfen und Kino-Tips, Yoga-Trainer, Stoppuhren, Lernprogramme, Steuerberatungshilfen… vieles ist hilfreich, manches ist Schrott.
Wackelnde Brüste
Und manches ist sexy. Da gibt es Kalender mit leicht bekleideten Mädchen aus aller Welt – jeden Tag eine neue Bikini-Schönheit auf dem Bildschirm. Bei "Beauty Meter" können User die Fotos anderer User auf ihre Schönheit bewerben – manche haben dafür Nacktfotos aufgeladen. Und dann gibt es noch "Wobble", eine Foto-Software, die definierte Bildelemente wackeln lassen kann. Laut Werbung (und in der Anwendung bei ungezählten pubertären High-Schools-Jungs) ist das vor allem an den Brüsten eines Models interessant. Und das ging Apple jetzt zu weit.
"Wobble" ist aus dem App-Store verschwunden, und gleichzeitig (fast) jedes andere Programm, in dem leicht bekleidete Frauen auftreten, in dem über Sex geplaudert wird oder ähnlich Anzügliches geschieht. "Es gab Beschwerden von Frauen, die manche Programme unangemessen fanden", rechtfertigt Apple-Manager Phil Schiller die Aufräum-Aktion. Auch Eltern hätten sich beschwert, dass ihre unreifen Kids per iPhone problemlos an Bilder halbnackter Nixen kämen.
Fragwürdige Zensur-Zone
Damit soll nun Schluss sein, doch Apple steht jetzt in der Kritik. Die meisten Kunden werden die betroffenen Programme wohl nicht vermissen, die Zensur hinterlässt aber einen üblen Nachgeschmack – und macht darüber hinaus keinen Sinn. Über das Internet, das jeder iPhone-Nutzer mit seinem Gerät in der Hand hält, sind ohnehin alle möglichen Inhalte zu bekommen, und viele gehen weit darüber hinaus was im App-Store zu kaufen war.
Außerdem wirft man Apple vor, sich allzu rasch den Forderungen einer überschaubaren Gruppe von Leuten gebeugt zu haben, die Verantwortung für ihre Fehler bei anderen suchen. Schließlich könnten Eltern durchaus auch mit ihren Kids über bestimmte Online-Inhalte (oder Apple-Anwendungen) sprechen, einzelne Programme schlicht verbieten. Das nennt man Erziehung, und damit hätte das Unternehmen von Steve Jobs eigentlich nichts zu tun.
Ein weiterer Kritikpunkt gegenüber dem Konzern: Man hat nicht etwa alles gelöscht was nackt ist. Die "Swimsuit Edition" von Sports Illustrated, der viel gelesene Bikinikatalog der größten amerikanischen Sportzeitschrift, findet sich nach wie vor im App-Store, und auch den Playboy gibt es dort weiterhin als 99-Cent-Programm. Diese Programm will man im Laden lassen, da sie von bekannten und etablierten Partnern kämen, heißt es seitens Apple. Im Klartext heißt das: Anzüglich ist okay, wenn dahinter eine große Firma steckt. Nackig vom Kleinanbieter geht nicht. Und in dieser Unterscheidung sehen Apple-Fans weniger eine Aktion zur Rettung der Moral, als einen Eingriff in den Markt, den der App-Store so transparent gestalten sollte.