Wirtschaft
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Wall Street verbucht Verluste: Börsen halten griechischem Hickhack nicht stand

Eine durchwachsene Woche beendet der Dax mit einem weiteren Dämpfer: Nach erneuten Hiobsbotschaften aus Athen bangen Anleger um ein gutes Ende im griechischen Schuldenstreit. Der Dax lässt kräftig nach. Auch der Euro verliert an Boden.

Mit einem weiteren Rücksetzer hat sich der Dax aus der Handelswoche verabschiedet. Nach einem schwachen Start ging es immer weiter runter. Am Ende verlor der deutsche Leitindex 1,2 Prozent und schloss bei 11.196 Punkten. Die Marktakteure begründeten die Vorsicht der Investoren einmal mehr mit neuen Hiobsbotschaften zur griechischen Schuldenkrise.

"Seit Tagen ist die Marktentwicklung durch die Nachrichtenlage in Athen, Brüssel und Berlin geprägt", konstatierte Christian Jasperneite vom Bankhaus M.M. Warburg. Das Verhalten der griechischen Regierung in den vergangenen Tagen habe dazu geführt, dass "die Wahrscheinlichkeit eines wie auch immer gearteten 'Greccidents' eher auf über 50 Prozent gestiegen ist". Wahrlich kein Szenario, das für Aktien spricht. Am Rentenmarkt, dessen Kursrally am Vortag auch die Aktienmärkte stützte, gaben Bundesanleihen wieder nach.

Nachdem bereits am Vortag die Hoffnung auf eine baldige Einigung im griechischen Schulden-Drama einen heftigen Dämpfer erhalten hatte, belastete eine weitere schlechte Nachrichten aus Griechenland den Leitindex: Es werde keine Renten- und Lohnkürzungen geben, verlautete aus griechischen Regierungskreisen. Auch der Börse in Athen bekam das nicht gut. Sie gab rund sechs Prozent ab, nachdem sie gestern erst Boden gut gemacht hatte.

Im Handel hieß es zum Thema Griechenland, dass der plötzliche Abbruch der Gespräche durch die IWF-Vertreter zeige, wie uneinsichtig das Schuldnerland tatsächlich sei. Auch habe IWF-Sprecher Gerry Rice klargemacht, dass alle angeblichen Fortschritte nur Luftschlösser gewesen seien. "Es gibt große Differenzen zwischen uns in den meisten Kernbereichen", so Rice. Es habe keine Fortschritte gegeben, diese Differenzen zu verringern. "Daher sind wir von einer Einigung weit entfernt." EU-Ratspräsident Tusk warnte, dass es "keine Zeit mehr für Spielchen" gebe.

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 Dazu passe ein Bericht in der "Bild"-Zeitung, wonach sich die Bundesregierung auf den  Grexit vorbereite. "Solche Pläne muss jeder verantwortungsvolle Politiker und Wirtschaftslenker seit fünf Jahren in der Schublade haben", sagte ein Händler. Unter dem Strich sei aber immer noch mit einer "Einigung in letzter Sekunde" zu rechnen. Da die EU das Land in der Eurozone halten wolle, sitze Griechenland am längeren Hebel und werde weiter EU-Hilfsgelder erhalten. "Es geht nur darum, eine gesichtswahrende Einigung zu finden", so der Händler weiter.

Deutschland: Nur Verlierer im Dax - mit einer Ausnahme

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Der Dax verlor 1,2 Prozent auf 11.196 Punkte. Für den MDax ging es 1,1 Prozent nach unten auf 20.012 Zähler, der TecDax verlor 1,3 Prozent auf 1656 Punkte. Beim Euro-Stoxx-50 gab es ebenfalls Minuszeichen: Er sank um 1,4 Prozent.

Fast Dax-Werte verzeichneten am Ende Verluste. Ganz bitter erwischte es Adidas, Bayer und K+S mit Einbußen von 1,9 bis 2,5 Prozent. Auch Allianz, Linde und BASF standen weit hinten. Einen Gewinner gab es jedoch: Infineon legten völlig gegen den Trend 1,5 Prozent zu.

Die Deutsche Telekom hielt sich vergleichsweise gut und verlor nur 0,4 Prozent. Der Pay-TV-Anbieter Dish führt Insidern zufolge Gespräche mit Banken zur Finanzierung der angestrebten Fusion mit der Telekom-Tochter T-Mobile US. Es gehe um 10 bis 15 Milliarden Dollar.

Airbus gaben im MDax um 1,6 Prozent nach, gedrückt von einem Bericht, wonach es bei der Auslieferung des A320 Neo zu Verzögerungen kommen kann. "Das ist der Umsatzbringer bei Airbus und das Vorzeigeobjekt gegenüber Boeing", sagte ein Händler. Wie "Les Echos" berichtet, verzichte Airbus sogar darauf, den Neo bei der wichtigen Luftfahrt-Show in Le Bourget vorzustellen.

Keine großen Neuigkeiten entnahmen Händler den endgültigen Zahlen des Modekonzerns Gerry Weber. Der Kurs fiel um 4,4 Prozent. Mit der Gewinnwarnung vom Wochenbeginn und dem ebenfalls gegebenen Ausblick sei alles gesagt worden. "Die Aktie muss jetzt erstmal zur Ruhe kommen", sagte ein anderer Händler. Nach dem rund 30-prozentigen Kursabsturz nach der Gewinnwarnung dürfte sie zunächst einige Woche volatil seitwärts handeln.

USA: Griechenland-Gezerre belastet auch Dow

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Die Wall Street muss ebenfalls Verluste hinnehmen. Widersprüchliche Meldungen um Griechenland bleiben das Hauptthema auch an den US-Börsen. "Wir nähern uns dem Punkt, an dem Griechenland seine Schulden nicht mehr begleichen kann", sagt Michael O'Rourke, Chefstratege von JonesTrading. Dann bliebe nur die Wahl zwischen Schuldenschnitt oder "Grexit".

Der Dow-Jones-Index verliert 0,8 Prozent auf 17.899 Punkte. Der S&P-500 fällt um 0,7 Prozent, der Nasdaq-Composite um 0,6 Prozent.

Gegenwind kommt von den europäischen Märkten, die an einem wechselhaften Handelstag aktuell klar im Minus notieren. "Ich denke, dass Anleger mit Blick auf mögliche schlechte Nachrichten zu Griechenland am Wochenende Absicherungen aufbauen", sagt ein Händler zu den europäischen Aktien. Die vorbörslich veröffentlichten Erzeugerpreise sind etwas stärker gestiegen als erwartet. Der Index der Verbraucherstimmung der Uni Michigan zeigte sich etwas positiver als gedacht.

Unter den Einzelwerten geht es mit Twitter 0,2 Prozent nach oben, nachdem CEO Dick Costolo seinen Rücktritt angekündigt hat. Der überraschende Wechsel an der Spitze erfolgt, nachdem Investoren in den zurückliegenden Monaten verstärkt Druck machten. Sie waren vor allem unzufrieden mit dem Wachstum bei Twitter, der nicht immer überzeugenden Nachrichtenlage um das Unternehmen und mehreren Personalwechseln.

Einmal mehr profitieren T-Mobile US von Übernahmefantasie. Der amerikanische TV-Satellitenbetreiber Dish verhandelt nach Angaben von Insidern mit mehreren Banken über die Finanzierung eines Kaufs der Telekom-Tochter. Mit der Aktie von T-Mobile US geht es 2,3 Prozent aufwärts, Dish geben 0,2 Prozent ab.

Restoration Hardware Holdings legen um 1,5 Prozent zu. Der Einzelhändler für hochwertige Möbel konnte mit den Ergebnissen für das im Mai abgelaufene Quartal überzeugen und hob zudem den Ausblick für das Gesamtjahr an.

FedEx fallen um 0,7 Prozent zurück. Vor der Bekanntgabe der Quartalszahlen am kommenden Mittwoch hat der Kurierdienst Sonderaufwendungen von 1,4 Milliarden Dollar wegen der Pensionsverpflichtungen und 133 Millionen Dollar für Rechtskosten angekündigt.

Devisen: Euro nach Merkel-Rede unter Druck

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Der Euro ist nach Warnungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor einem zu starken Euro zeitweise deutlich unter Druck geraten. Die europäische Gemeinschaftswährung fiel nach den Aussagen auf ein Tagestief von 1,1151 Dollar, nachdem sie im frühen Handel noch einen Cent mehr gekostet hatte. Bis Börsenschluss erholte sich der Euro jedoch wieder und wurde mit 1,1253 Dollar gehandelt. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs am frühen Nachmittag auf 1,1220 (Donnerstag: 1,1232) Dollar fest.

Ein zu starker Euro würde es für Länder wie Spanien, Portugal und Irland schwerer machen, die Früchte ihrer Reformen zu ernten, sagte Merkel in Berlin auf einer Veranstaltung der Familienunternehmen. Vor allem die Exporte dieser Reformländer könnten durch einen zu starken Euro belastet werden. Die Aussagen Merkels wurden besonders beachtet, da sie sich bisher selten zum Wechselkurs geäußert hatte. Zudem warb die Kanzlerin für Verständnis für die lockere Geldpolitik der EZB. Es sei verständlich, dass die europäische Notenbank auch darüber nachdenke, was man angesichts der niedrigen Inflationsrate tun müsse. Eine lockere Geldpolitik belastet tendenziell auch den Euro.

Fortschritte im Schuldendrama mit Griechenland gab es nicht. Merkel geht in den festgefahrenen Verhandlungen trotzdem weiter von einer Lösung aus. "Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg."

Rohstoffe: Ölpreise geben nach

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Die Ölpreise notieren leicht im Minus. Am Markt heißt es, die neuen Prognosen der Internationalen Energieagentur IEA würden weiterhin nachwirken. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im Juli kostet am Nachmittag 63,87 US-Dollar. Das sind 1,24 Dollar weniger als am Donnerstag. Der Preis für ein Barrel der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) fällt um 81 Cent auf 59,96 Dollar.

Am Vortag waren die Ölpreise unter Druck getragen und hatten ihre jüngsten Gewinne wieder abgegeben. Die Internationale Energieagentur IEA hatte ihre Prognosen für das Ölangebot sowohl seitens des Ölkartells Opec als auch aus anderen Ländern angehoben. Ein Ende der weltweiten Ölschwemme zeichnet sich damit nicht ab.

Asien: Schuldenkrise reicht bis an Börsen in Fernost

An den Aktienmärkten in Asien hat zum Wochenausklang gedämpfte Stimmung geherrscht. Nach dem überraschenden Abzug der IWF-Unterhändler aus Brüssel wuchsen wieder die Sorgen wegen der Schuldenkrise in Griechenland.

Zudem zeigten Händler wenig Interesse, vor der Sitzung der US-Notenbank Fed in der kommenden Woche und Aktionärssitzungen im Laufe des Monats noch größere Umschichtung vorzunehmen. "Bis diese Termine vorbei sind, könnte der Markt richtungslos bleiben", sagte der Analyst Hikaru Sato von Daiwa Securities.

Der 225 Werte umfassende Nikkei-Index schloss 0,1 Prozent höher bei 20.407 Punkten. Der breiter gefasste Topix-Index stieg um fast 0,2 Prozent auf 1651 Punkte. Der MSCI-Index für asiatische Aktienwerte ohne Japan legte um 0,2 Prozent zu.

Bei den Einzelwerten stand Toshiba im Fokus. Die Titel verloren um 0,9 Prozent, nachdem eine Zeitung berichtete, der japanische Technik-Konzern werde seine Quartalsberichte korrigieren müssen.

Quelle: n-tv.de

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