Sorge um die EZBDax auf Zwei-Jahres-Tief

Der überraschend angekündigte Rücktritt von EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark drückt den Dax am Freitag auf den tiefsten Stand seit mehr als zwei Jahren. Mit dem Rücktritt steige die Unsicherheit im ohnehin schwierigen Marktumfeld, sagen Händler.
Der deutsche Aktienmarkt ist am Freitag unter erheblichen
Abgabedruck geraten. Nachdem der Markt bereits mit Verlusten in den Handel
gestartet war, baute er diese am Nachmittag noch massiv mit der Nachricht aus,
dass EZB-Chefvolkswirt und Direktoriumsmitglied Jürgen Stark seinen Posten bei
der EZB bis Jahresende aufgibt. Der Dax ging mit einem Minus von vier Prozent
oder 219 Punkten auf 5.189 Zählern aus dem Handel und schloss damit sehr schwach.
Umgesetzt wurden in Dax-Titeln auf Xetra rund 229,3 (Vortag: 161,7) Mio. Aktien
im Wert von rund 3,88 (Vortag: 3,27) Mrd. Euro.
Zwar wurden persönliche Gründe für die Entscheidung Starks
genannt, im Handel vermutet man allerdings Differenzen über die Anleihekäufe
der EZB als Grund für den Rücktritt. Derweil gab es auch Spekulationen, dass
Griechenland am Wochenende seine Zahlungsunfähigkeit erklären könnte. Laut
Kreise soll das Land dies dementiert haben. Zugleich meldete die
Nachrichtenagentur Bloomberg, Deutschland bereite einen Plan zum Schutz des
heimischen Bankensektors vor, sollte es tatsächlich zu einer Insolvenzerklärung
kommen.
Als belastend erwiesen sich auch Aussagen von
US-Finanzminister Timothy Geithner. Die USA gingen nicht davon aus, dass es zu
einer gemeinsamen Intervention der Zentralbanken der G7-Staaten an den
Finanzmärkten komme. Bereits zur Eröffnung geriet der Markt unter Druck. Die
Ankündigung eines Job-Programms durch den US-Präsidenten Barack Obama konnte
die Investoren ebenso wenig überzeugen wie eine Rede des Fed-Chairman Ben
Bernanke, in der dieser nochmals die Handlungsmöglichkeiten der US-Notenbank
dargelegt hat.
Die Verschärfung der Schuldenkrise führte zu einem Absturz
des Euro gegen den Dollar. Zugleich stiegen die Risikoprämien auf griechische
Staatsanleihen auf ein neues Rekordhoch. Auch jähre sich der Jahrestag der
Anschläge auf das World Trade Center in New York - ein weiterer Grund, nicht
mit offenen Positionen ins Wochenende zu gehen, hieß es im Handel. Aus
technischer Perspektive ist der Dax nun beim Jahrestief bei 5.150 Punkten
unterstützt und dann bei der psychologischen Marke von 5.000. Ein Widerstand
ist bei 5.500 Punkten auszumachen.
Bayer-Aktien gingen mit einem Plus von 0,1 Prozent auf 38,99
Euro als einzige Aktie im Dax mit einem positiven Vorzeichen aus dem Markt. Ein
Beratergremium der US-Gesundheitsbehörde FDA hatte am Vorabend das Medikament
"Xarelto" zur Prävention von Schlaganfällen bei Patienten mit
Vorhofflimmern zur Zulassung empfohlen. Noch am Dienstag hatte es von der FDA
negative Aussagen zu dem Mittel gegeben, was die Bayer-Aktie um 7,5 Prozent nachgeben
ließ. J.P. Morgan rät nun weiter zum Übergewichten der Aktie.
Porsche-Vorzugsaktien brachen dagegen um 13,6 Prozent auf
37,99 Euro ein. VW und Porsche werden nicht wie ursprünglich geplant noch in
diesem Jahr verschmelzen. Wegen rechtlicher Hürden sei zum jetzigen Zeitpunkt
eine Einschätzung der wirtschaftlichen Risiken eines Zusammengehens nicht
möglich, teilte Porsche mit. Es geht um Risiken, die den Stuttgartern aus
Ermittlungen in den USA und Deutschland entstehen könnten.
Gegen die ehemaligen Porsche-Vorstände Wendelin Wiedeking
und Holger Härter laufen hierzulande und in den USA Verfahren beziehungsweise
Klagen wegen möglicher Marktmanipulation im Zusammenhang mit der gescheiterten
Übernahme von VW durch Porsche. Hieraus könnten Porsche horrende
Schadenersatzforderungen entstehen. VW fielen um 3,9 Prozent auf 103,75 Euro.
BMW gaben drei Prozent auf 51,69 Euro und Daimler 3,7 Prozent auf 32,36 Euro
nach.
Banken und Versicherer wurden mit der eskalierenden
Schuldenkrise in der Eurozone sowie dem Rücktritt von Jürgen Stark massiv verkauft.
Allianz verloren 6,7 Prozent auf 61,44 Euro, Munich Re fünf Prozent auf 81,66
Euro, Commerzbank 8,7 Prozent auf 1,67 Euro, Aareal Bank 9,9 Prozent auf 12,21
Euro und Deutsche Bank 7,3 Prozent auf 23,08 Euro. In der zweiten Reihe brachen
TUI 6,8 Prozent auf 4,06 Euro ein. Den Kursverlust erklärten sich Händler mit
der Kontrollmehrheit von Mehrheitsaktionär Mordaschow. "Einige Anleger
wollen hohen Freefloat und keine zu mächtigen Einzelaktionäre sehen",
sagte ein Händler.