Wirtschaft
EZB-Chef Draghi trieb die Märkte ordentlich an
EZB-Chef Draghi trieb die Märkte ordentlich an(Foto: imago/ZUMA Press)

Draghi gibt den Startschuss: Dax galoppiert davon, Dow nicht

China ist mit Militärparaden beschäftigt, da haben die Anleger Zeit nach Frankfurt zu schauen: Dort will die EZB die Feuerkraft ihres Riesen-Anleihekaufprogramm erhöhen. Grund genug für ein kräftiges Dax-Plus.

Die Aussicht auf weiter billiges Notenbankgeld hat dem Dax einen Schub gegeben. Zuvor war es für den Dax wegen der Turbulenzen an Chinas Börsen tagelang meist bergab gegangen. Allerdings blieben die chinesischen Aktienmärkte am Donnerstag geschlossen: Die Volksrepublik begeht die Feiern zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Asien. Auch am Freitag wird in China nicht gehandelt.

Der deutsche Leitindex baute nach der EZB-Sitzung seine ohnehin merklichen Tagesgewinne aus und notierte zum Xetra-Schluss 2,7 Prozent höher bei 10.317 Punkten. Damit knüpfte er an die moderaten Vortagsgewinne an. Der MDax der mittelgroßen Werte gewann 2,1 Prozent auf 19.780 Punkte und der Technologiewerte-Index TecDax rückte um 2,4 Prozent auf 1718 Punkte vor. Für den Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 ging es um 2,3 Prozent auf 3273 Punkte hoch.

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Die Europäischen Zentralbank hat den Leitzins von 0,05 Prozent unverändert gelassen. EZB-Chef Mario Draghi versprach, diese Niedrigzinspolitik fortzusetzen, bis die Inflation sich in die gewünschte Richtung entwickle. Dies begünstigt Aktien, da festverzinsliche Anlagen in einem solchen Umfeld kaum eine Rendite abwerfen.

Zudem will die EZB ihr Anleihekaufprogramm wenn nötig deutlich ausbauen. Das Programm mit einem Umfang von 1,14 Billionen Euro laufe bis September 2016, könnte notfalls aber verlängert werden, so Draghi. "Das war eine ausgesprochen weiche Botschaft von der EZB", erklärte Ökonom Holger Sandte von Nordea in einer ersten Reaktion. "Die Wachstumssorgen von Draghi und Co. haben deutlich zugenommen, vor allem wegen der Schwäche vieler Emerging Markets. Viel geldpolitische Munition hat die EZB allerdings nicht mehr. Eine Ausweitung der Anleihekäufe in den kommenden Monaten ist durchaus möglich. Ich erwarte auch nicht, dass die EZB die Anleihekäufe im September 2016 tatsächlich einstellen wird. Wahrscheinlich wird sie länger kaufen. Zinserhöhungen sind nicht in Sicht, die Leitzinsen könnten sogar noch etwas sinken."

Devisen: Euro gibt nach

Den Euro schickte Mario Draghi mit seinen Aussagen auf Talfahrt. "Die EZB hätte kaum eine noch taubenhaftere Verlautbarung präsentieren können", sagte Marktstratege Walentin Marinow von Credit Agricole. "Die heutige Pressekonferenz ist der erste Schritt hin zu der Möglichkeit weiterer quantitativer Lockerungen", urteilte Analyst Josh O'Byrne von der Citigroup. Robert Savage, Chefberater bei Track, sprach ebenfalls von einem taubenhaften Ton des Italieners. "Ich denke, er will den Euro drücken und Aktien stützen." Die europäische Gemeinschaftswährung wurde zuletzt mit 1,1100 US-Dollar gehandelt. Zwischenzeitlich war sie sogar unter diese Marke gefallen. Vor der Pressekonferenz der EZB am Nachmittag lag der Eurokurs noch bei 1,1240 Dollar. Die EZB hatte den Referenzkurs zuvor auf 1,1229 (Mittwoch: 1,1255) Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,8906 (0,8885) Euro.

Positiv auf das Handelsgeschehen wirkte sich die Entwicklung Dienstleister in Deutschland und in der Eurozone aus. Diese legen spürbar zu und dürften der gesamten Wirtschaft im Währungsraum Schwung verleihen. Die Firmen zogen im August erneut mehr Aufträge an Land und stellten neue Mitarbeiter ein, wie aus der Umfrage des Markit-Instituts unter 2000 Unternehmen hervorgeht. Der Einkaufsmanagerindex der Eurozone steigt um 0,4 auf 54,4 Punkte und signalisiert mit einem Wert über 50 Zählern wie seit gut zwei Jahren Wachstum. Weit über dem prognostizierten Wert von 53,6 Punkten steht der deutsche Einkaufsmanagerindex - er weist 54,9 Punkte auf.

Conti macht riesigen Satz

Zu den stärksten Gewinnern im Dax zählten nach einer Kaufempfehlung durch Goldman Sachs die Aktien von Fresenius Medical Care. Sie legten um 3,9 Prozent zu. Eine Kaufempfehlung der Schweizer Großbank UBS lässt Anleger bei Aktien von Continental zugreifen. Die Titel kletterten um vier Prozent. Nach Ansicht der UBS ist der Autozulieferer vor allem wegen seiner robusten Gewinnentwicklung attraktiv für Investoren.

Aufwärts ging es auch mit den Autowerten. VW verteuerten sich um 2,3 Prozent, Daimler stiegen um 3,4 Prozent. BMW verzeichneten ein Plus von 3,2 Prozent.

Nach dem Machtkampf an der VW-Spitze und dem Abtritt des einstigen Übervaters Piëch haben die Aufseher bei Volkswagen und Porsche sich festgelegt: VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch soll Ferdinand Piëch an der Spitze des Aufsichtsrats von Europas größtem Autobauer Volkswagen nachfolgen. Piëch war im Frühjahr nach einem verlorenen Machtkampf mit VW-Chef Martin Winterkorn von der Spitze des Kontrollgremiums zurückgetreten. Danach führte übergangsweise der frühere IG-Metall-Chef Berthold Huber den Aufsichtsrat.

Deutsche Bank legten 3,5 Prozent zu. Anlegervertreter wollen nach dem gescheiterten Versuch auf der Hauptversammlung nun eine Sonderprüfung bei der Deutschen Bank vor Gericht durchsetzen. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) reicht beim Frankfurter Landgericht einen entsprechenden Antrag ein.

Im Vorfeld des Index-Entscheides der Deutschen Börse legten die Aktien der frisch in Vonovia umbenannten Deutsche Annington 3,3 Prozent zu. Experten gehen davon aus, dass der Immobilienkonzern den Chemiekonzern Lanxess im Dax ersetzen wird. Für den MDax gilt unter anderem der Scheinwerferhersteller Hella als Aufstiegskandidat. Weichen muss dafür wohl der Modekonzern Gerry Weber.

Nach einer Prognosesenkung wurden die Papiere von Zeal Network abgestraft. Die Papiere des ehemals unter dem Namen Tipp24 bekannten Internet-Lottoanbieters fielen im Kleinwertesegment SDax um zwei Prozent.

Der Kabelnetz-Betreiber Kabel Deutschland verschwindet nach der milliardenschweren Übernahme durch Vodafone von der Börse. Auf Wunsch von Vodafone solle das Unternehmen den Rückzug von der Frankfurter Börse beantragen, teilte Kabel Deutschland mit. Der Vorstand rechnet damit, dass der Handel der Aktie, die derzeit im MDax notiert ist, spätestens im kommenden Jahr endet. Bereits am Mittwoch hatte Vodafone mitgeteilt, dass auch die Marke Kabel Deutschland aufgegeben wird. "Ein Logo, eine Farbe, ein Unternehmen: Aus Kabel Deutschland wird Vodafone", erklärte der Telekommunikationskonzern. Kabel Deutschland lagen 0,8 Prozent im Plus.

USA: Es geht weiter hoch - leicht

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In der Mehrzahl positive Daten u nd ein äußerst "taubenhaft" gestimmter Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) stützten die Wall Street zwar. An die kräftige Vortageserholung vermochten die US-Börsen aber nicht anzuknüpfen, weil ihnen im späten Handel die Luft ausging. Vor allem im Energiesektor kamen die Kurse zurück, nachdem die zwischenzeitliche Ölpreisrally weitgehend zum Erliegen gekommen war. Der Dow-Jones-Index rettete ein Plus von 0,1 Prozent auf 16.375 Punkte. Der S&P-500 gewann ebenfalls 0,1 Prozent, der Nasdaq-Composite büßte dagegen 0,3 Prozent ein.

Neben der Ölpreisentwicklung nannten Marktteilnehmer auch den näher rückenden Arbeitsmarktbericht am Freitag als Grund dafür, dass Anleger im späten Handel der Mut verließ. Zwar überraschte neben den überwiegend positiven Daten des Tages ausgerechnet der Arbeitsmarkt negativ. Die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe waren stärker als erwartet auf den höchsten Stand seit zwei Monaten gestiegen. Doch trotz dieser lauen Daten ließen sich Sorgen über eine baldige Zinserhöhung in den USA nicht vertreiben. Die Entwicklung des Arbeitsmarkts ist für die US-Notenbank ein wesentlicher Faktor bei der Entscheidung über etwaige Zinserhöhungen.

Nachrichten zu einzelnen Unternehmen waren rar und betrafen eher die zweite Reihe: So hatte Costco Wholesale Zahlen zu seinem Geschäftsjahr 2014/15 vorgelegt. Bereinigt um Verkaufsfläche, Währungseinflüsse und den Umsatz mit Kraftstoffen schaffte die Großhandelskette ein Umsatzplus von 7 Prozent. Die Aktie schloss hauchdünn im Plus. Campbell Soup zogen um 1,6 Prozent an, die Viertquartalszahlen des Lebensmittelanbieters übertrafen die Erwartungen. Geron schnellten um 13,1 Prozent in die Höhe, das Biotechnologieunternehmen erwartete die Veröffentlichung einer positiven Studie zu einem seiner Medikamente in der Fachpresse.

Asien: Nikkei fester, kein Handel in China

In Asien lagen die Aktienmärkte überwiegend im Plus. Ungeachtet der Erholungstendenz am Donnerstag war am Markt weiterhin viel Skepsis und Unsicherheit zu spüren. Die Sorge um die chinesische Wirtschaft trübt die Perspektive für die asiatischen Volkswirtschaften, Märkte und Währungen ein. "Das China-Risiko ist nicht vom Tisch", sagte Yoshihiro Okumura von Chibagin Asset Management.

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In Japan stieg der Nikkei um 0,5 Prozent und schloss bei 18.182 Punkten. Damit gab er zum Handelsende einen Teil seines zuvor erzielten Gewinns wieder ab. Der breiter gefasste Topix ging um 0,6 Prozent auf 1475 Zähler hoch. In Tokio werden vor allem Aktien von Unternehmen präferiert, die den heimischen Markt bedienen. Diese Werte sind üblicherweise in Phasen des Ausverkaufs gefragt. Die Aktie des Pharmakonzerns Daiichi Sankyo zog um 3,1 Prozent an, die des Lebensmittelunternehmens Ajinomoto um 0,9 Prozent. Auch Versicherer legten zu, nachdem einem Händler zufolge Goldman Sachs die Einstufung in der Branche nach oben genommen hat.

Die Aufschläge in Taiwan von 0,8 Prozent führten Teilnehmer auch darauf zurück, dass mit den geschlossenen Börsen in Shanghai und Hongkong ein Risikofaktor weggefallen sei. Die Börse in Südkorea gab Gewinne wieder ab und schloss unverändert.

Der Markt in Sydney ist mit Aufschlägen von bis zu 1,4 Prozent gestartet, drehte aber schnell ins Minus und gab schließlich 1,4 Prozent nach. Damit hat die australische Börse in dieser Woche bereits 4,5 Prozent verloren. Neue Einzelhandelsdaten fallen deutlich schlechter aus als erwartet. Ein unerwartet gutes Handelsbilanzdefizit verfehlte die Wirkung auf den Markt.

Rohstoffe: Ölpreise weiter unter Druck

Mit den Ölpreisen ging es leicht abwärts. Starke Impulse im Handel bleiben zunächst aus. Am Morgen kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im Oktober 50,33 US-Dollar. Das sind 17 Cent weniger als am Mittwoch. Der Preis für ein Fass der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) fiel um 21 Cent auf 46,04 Dollar.

Seit der vergangenen Woche schwanken die Ölpreise ungewöhnlich stark. Nach Kursgewinnen von 25 Prozent in nur drei Tagen ging es zunächst wieder deutlich abwärts, dann wieder etwas aufwärts. Marktbeobachter tun sich mit Erklärungen für das Hin und Her schwer. Die Commerzbank stellte in einer Studie fest: "Verlässliche Vorhersagen über die kurzfristige Preisentwicklung sind im Augenblick kaum zu treffen. Diese haben derzeit kaum die Halbwertzeit von wenigen Stunden."

Quelle: n-tv.de

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