Höchster Stand seit Januar 2008Dax schließt mit Gewinnen

Mit einem unerwartet starken Konjunktursignal im Rücken gehen Anleger am deutschen Aktienmarkt auf Einkaufstour. Kräftige Aufschläge bei ThyssenKrupp treiben den Dax in lange nicht mehr gesehene Höhen. Die Jahresendrally ist in vollem Gange.
Überraschend freundliche Konjunkturdaten aus Deutschland haben die Stimmung am deutschen Aktienmarkt am zweiten Handelstag der Woche deutlich aufgehellt: Nach einem zögerlichen Auftakt drehte der Leitindex rasch ins Plus und baute seine Gewinne bis zum Handelsschluss weiter aus. Am Abend ging der Dax mit einem Aufschlag von 0,78 Prozent bei 7589,75 Punkten aus dem Handel. Für den MDax ging es um 0,63 Prozent auf 11.973,28 Punkte nach oben. Der TecDax rückte um 0,13 Prozent auf 832,76 Punkte vor.
Der überraschend positive ZEW-Index habe den deutschen Aktienmarkt weiter angetrieben, sagte Analyst Gregor Kuhn vom Broker IG. Das habe die Rücktrittsankündigung des italienischen Ministerpräsidenten Monti, die am Vortag noch für einige Unruhe gesorgt habe, weiter in den Hintergrund gedrängt.
Das Vertrauen von Finanzprofis in die deutsche Wirtschaft hat am Dienstag auf die europäischen Aktienmärkte abgefärbt. Das ZEW-Barometer für die Entwicklung der Konjunktur in den kommenden sechs Monaten kletterte im Dezember überraschend stark auf plus 6,9 Punkte von minus 15,7 Punkten im November. Auch die Aussicht auf frisches Geld durch die US-Notenbank sowie eine erfolgreiche Anleihe-Auktion Spaniens sorgten für gute Stimmung. Im Verlauf erreichte der Dax ein neues Jahreshoch bei 7596 Stellen. Der Schlusskurs war der höchste seit Januar 2008.
Der Eurostoxx50 legte um 1,1 Prozent auf 2623 Punkte zu und erreichte damit ebenfalls ein neues Jahreshoch. Auch die US-Börsen verzeichneten deutliche Gewinne. "Die Märkte spielen derzeit 'Aktie oder gar nichts'", fasste ein Börsianer die Stimmung zusammen. Viele Anleger seien zum Jahresende auf der Suche nach Titeln, die bisher nicht so gut gelaufen seien.
Dazu zählte am Dienstag vor allem ThyssenKrupp: Die Aktien des Industrie- und Stahlkonzerns schüttelten die anfänglichen Verluste wegen Milliardenabschreibungen auf die Stahlwerke in Übersee und der Streichung der Dividende schnell ab. Die Thyssen-Aktien hielten sich mit einem Plus von 5,6 Prozent auf 17,17 Euro klar an der Spitze des Dax. "Die Investoren wollen das Papier jetzt haben, weil sie davon ausgehen, dass alles Negative eingepreist ist", sagte ein Händler.
Deutschlands größter Stahlkonzern hat einen Rekordverlust von fünf Milliarden Euro ausgewiesen und die Dividende gestrichen. Mit neuem Vorstand und Führungsstil soll nun ein Neuanfang gelingen. In den nächsten drei Jahren sollen zwei Milliarden Euro eingespart werden, dabei könnten auch Jobs gestrichen werden, hieß es. "Die Börse liebt Restrukturierung", sagte ein Börsianer. Die Anteilsscheine von ThyssenKrupp haben zwar auf Jahressicht nur rund zweieinhalb Prozent eingebüßt, gehören damit aber zu den drei schlechtesten Dax-Werten.
Unter den Einzelwerten am deutschen Aktienmarkt erholten sich die Versorger Eon und RWE von ihren jüngsten Verlusten und legten 2,6 Prozent beziehungsweise 2,2 Prozent zu.
Schlusslicht im Dax waren die Anteilsscheine der Deutschen Post: Die Aktien verloren in Reaktion auf eine gesenkte Anlageempfehlung von JP Morgan 1,2 Prozent. Deren Analysten bewerten die Titel nur noch mit "Neutral" nach bislang "Overweight".
Nach der Beilegung eines Tarifstreits und den Verkehrszahlen für den November rückten die Aktien der Lufthansa um 2,09 Prozent vor. Die Vorzugsaktien von Volkswagen (VW) profitierten mit plus 1,16 Prozent von den im November im Vergleich zum Vorjahr gestiegenen Auslieferungen der Kernmarke Volkswagen Pkw.
Im TecDax zogen die Titel des Windanlagenbauers Nordex dank eines Auftrags zur Errichtung eines Windparks in Rumänien um 2,78 Prozent an. Ende November hatte das Unternehmen eine Order im gleichen Umfang für Südafrika erhalten, die einen Wert von rund 80 Mio. Euro hatte.
Am Gesamtmarkt wurde die gute Stimmung durch die Aussicht auf neue Geldspritzen durch die US-Notenbank gefördert. Die Federal Reserve dürfte am Dienstag und Mittwoch Experten zufolge die Weichen dafür stellen und monatliche Anleihe-Käufe im Volumen von mindestens 45 Mrd. Dollar beschließen.
In dieser Gemengelage griffen Investoren auch wieder zum Euro, der zeitweise über die Marke von 1,30 Dollar sprang. Dagegen waren die als sicherer Anlagehafen geltenden Bundesanleihen weniger gefragt - der Bund-Future verlor 19 Ticks auf 145,41 Zähler.
Am Rentenmarkt sorgten zudem die Auktion spanischer Anleihen für mehr Risikofreude - das von der Schuldenkrise geplagte Land nahm bei der Emission zwölf- und 18-monatiger Geldmarktpapiere 3,9 Mrd. Euro ein. Dass dagegen die Athener Regierung bei ihrem Rückkaufprogramm eigener Anleihen die Zielvorgaben verfehlte, schreckte zunächst niemanden auf. Aus Kreisen der Euro-Zone hieß es, Griechenland seien Anleihen im Nennwert von fast 32 Mrd. Euro angedient worden. Damit werde aber nicht die Vorgabe erreicht, bis 2020 die Schuldenlast auf 124 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu drücken.
Der italienische Aktienmarkt konnte sich von seinem Vortagesverlust erholen und zog um 1,5 Prozent an. In Italien rechnen Analysten trotz des Comeback-Versuchs des ehemaligen Ministerpräsidenten von Silvio Berlusconi mit keinem Richtungswechsel bei der Regierungspolitik. Eine gewisse Entspannung war auch am Anleihemarkt spürbar, dort gab die Rendite italienischer zehnjähriger Staatsanleihen auf 4,73 (spätes Vortagesgeschäft: 4,82) Prozent nach.
In Brüssel rutschten die Titel der KBC Group um 4,8 Prozent ab. Anleger nahmen dem Finanzkonzern eine Kapitalerhöhung von rund 1,3 Milliarden Euro übel. Mit den Einnahmen will das Management die Bilanz verbessern und staatliche Hilfe zurückzahlen.
Am Anleihemarkt stieg die Umlaufrendite börsennotierter Bundeswertpapiere von 1,00 Prozent am Montag auf 1,04 Prozent. Der Rentenindex Rex sank um 0,20 Prozent auf 135,20 Punkte. Der Kurs des Euro stand am frühen Abend bei 1,2992 US-Dollar. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs auf 1,2993 (Montag: 1,2930) Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,7697 (0,7734) Euro.