Wirtschaft
Dax: Fast 250 Punkte in zwei Tagen verloren.
Dax: Fast 250 Punkte in zwei Tagen verloren.(Foto: picture alliance / dpa)

Anleger suchen Sicherheit: Dax scheitert an den 9600 Punkten

Déjà vu am Markt: Nach lustlosem Handel sorgen die US-Börsen für Bewegung - und setzen den Dax unter Druck. Experten sehen zunehmend schlechte Zeiten für Aktien - zumindest vorübergehend. Es herrscht Krisenstimmung.

Die neue Woche beginnt am deutschen Aktienmarkt, wie die alte endete: Nach lange zeit lustlosem Handel bringt die Öffnung der US-Märkte die Indizes unter Druck. In einer schnellen Bewegung rauscht der Leitindex in die Tiefe und stoppt erst kurz über den 9500 Punkten. Letztlich fängt sich der Markt wieder etwas. Dennoch erreicht das Börsenbarometer wieder sein Mai-Niveau.

Am Ende steht für den Dax ein Minus von 0,5 Prozent bei 9598 Punkten. Damit schließt der Handel unterhalb der 9600er Marke. kaum vorstellbar, dass Börsenbarometer vor gut drei Wochen noch die 10.000 Punkte erreicht hatte. Das heutige Tagestief war davon fast 500 Zähler entfernt. Der MDax sank 0,7 Prozent auf 16.192 Zähler. Der TecDax büßte 0,9 Prozent auf 1242 Stellen ein. Der Eurozonen-Leitindex Eurostoxx 50 fiel um 0,1 Prozent auf 3171 Punkte zurück.

Auslöser war der Fall des S&P-500 durch die als verteidigt geglaubte Unterstützung bei 1970 Punkten, wie Experten anmerkten. Dies löste weitere Anschlussverkäufe aus. "Es ist ein globaler Rückzug aus Konjunkturzyklikern von Langfristinvestoren", sagte ein Händler. Untermauert werde dies durch die Umschichtungen großer Portfolios aus Aktien in Renten.

Experten senken vorübergehend den Daumen

Am Morgen hatte Chinas Industrie ermutigende Signale gesendet - der Verdienst stieg. Doch die geopolitischen Krisenherde belasteten einmal mehr nachhaltig die Stimmung. Das Thema Sicherheit dominierte den Handel. Durch weitere Sanktionen im Ukraine-Konflikt gegen Russland "dürfte die deutsche Exportwirtschaft, aber nicht nur die, stärker in Mitleidenschaft gezogen werden", sagte Dirk Gojny von der National-Bank.

Für die Bremer Landesbank stehen die Börsenampeln vorerst auf Rot. Er könne im Ukraine-Konflikt keine Zeichen einer Deeskalation erkennen, sagte Chefanalyst Folker Hellmeyer auf n-tv. Die Geopolitik dominiere die Ökonomie. "Beim Dax steht das Risiko eines Rückschlags um bis zu 1000 Punkte im Raum", sagte Hellmeyer weiter. Ähnlich äußerte sich Kapitalmarkt-Experte Fidel Helmer von der Privatbank Hauck & Aufhäuser: "Die geopolitischen Spannungen überschatten positive Konjunkturdaten wie heute aus China."

Auch Goldman Sachs rät Investoren erst einmal von Aktien ab. Die US-Bank senkte am Freitagabend die Empfehlung für die weltweiten Aktienmärkte auf Sicht von drei Monaten auf "Neutral". Ein Ausverkauf an den Bondmärkten könne auch die Aktienmärkte mit nach unten ziehen, lautet die Argumentation.

Allerdings ist die Agenda in den kommenden Tagen gut gefüllt: Allein aus dem Dax öffnen zehn Unternehmen ihre Bücher. Hinzu kommen etliche Konjunkturdaten - vor allem aus den USA.

Yukos-Urteil drückt Moskau-Börse

An der russischen Börse ging es erneut abwärts. Die EU verdächtigt die Moskauer Regierung, die pro-russischen Separatisten in der Ost-Ukraine militärisch zu unterstützen und will über weitere Sanktionen gegen Russland beraten. Außerdem verurteilte ein internationales Gericht das Land zu 50 Milliarden Dollar Schadenersatz an die ehemaligen Aktionäre des zerschlagenen Ölkonzerns Yukos. "Das Verfahren läuft zwar schon seit 2007", schrieben die Analysten der Sberbank in einem Kommentar. "Das Urteil wird aber sicher als Gradmesser für die Beurteilung Russlands durch Europa gewertet." Die Leitindizes der Moskauer Börse  fielen zwischen 1,9 und 3,0 Prozent. Die russische Währung geriet ebenfalls unter Druck.

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In London verteuern sich derweil Aktien von Ryanair um 2,6 Prozent. Der irische Billigflieger hat in den Monaten April bis Juni deutlich mehr verdient als erwartet und zahlt eine Sonderdividende an die Aktionäre. Im Fahrwasser von Ryanair steigen auch Easyjet um knapp ein Prozent.

Autowerte stottern

Im Dax standen vor allem Autowerte unter Druck - und niemand wusste so recht warum. Der europäische Branchenindex war mit minus 2,0 Prozent mit Abstand der schwächste. Daimler, Volkswagen und BMW verloren zwischen 3,2 und 2,2 Prozent. "Es sieht fast so aus, als ob es einen negativen Sektor-Call gibt, der erst morgen öffentlich wird", sagte ein Händler. Vor allem bei Daimler und VW äußern sich Händler besorgt: "Beide Titel haben ihre langjährigen Aufwärtstrends gebrochen, was für weitere Verkäufe sorgen könnte. Für den Gesamtmarkt könne daraus gelesen werden, dass die Hausse nun als 'zu reif' betrachtet wird", hieß es.

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In China fordern derweil die Wettbewerbshüter von ausländischen Premiumautoherstellern Preisnachlässe für Reparaturen und Ersatzteilen. Gemeinsam mit den Behörden sollten Autobauer "darauf hinarbeiten, dem Nachverkaufsbereich in China zu einer gesunden Entwicklung zu verhelfen", hieß es in einer Stellungnahme der mächtigen Entwicklungs- und Reformkommission. Chinas Markt für Premiumautos wird von Audi, BMW und Daimler dominiert. Branchenprimus Audi hatte am Wochenende in einer Mitteilung angekündigt, die Preise für Ersatzteile in China zu senken. Doch gelten die Autowerte zudem auch als konjunkturabhängig.

Deutsche Post verbilligten sich um 2,4 Prozent. Das Papier gilt ebenfalls als konjunkturanfällig. Zudem deuten sich harte Tarifverhandlungen beim Logistiker an. Deutsche Bank sanken um einen Tag vor Zahlen um 0,2 Prozent. Commerzbank fielen um 0,4 Prozent zurück. Die Bank will ihren Sparkurs vrschärfen.

Tagessieger wurden am anderen Ende mit einem Aufschlag von 1,6 Prozent K+S. Gesucht waren zudem unter anderen Merck, die sich mit einem Plus von 1,3 Prozent. Händlern zufolge treibt eine Hochstufung der Investmentbank Mainfirst die Papiere des Pharma- und Chemiekonzerns auf den höchsten Kurs seit Januar. Zudem wollen die Darmstädter in China in das Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten einsteigen. Auch Beiersdorf und Bayer zogen an.

Wincor stemmen sich gegen den Ausverkauf

In der zweiten Reihe begrenzten Wincor die Abgaben noch auf 4,5 Prozent. Am Morgen waren es nach Zahlen schon zwischenzeitlich zehn Prozent. Das Unternehmen strich seine Prognose zusammen und hofft nun lediglich auf ein Bestätigung der Vorjahresergebnisse. "Da zeigt sich einmal mehr: Wer nicht liefert, wird gnadenlos abgestraft", sagt ein Börsianer. Aareal Bank ermäßigten sich um 2,4 Prozent. Der Immobilienfinanzierer kann die geplante Rückzahlung der Staatshilfe noch nicht stemmen.

Auf den Kauflisten standen lange Gea ganz oben, mussten sich dann aber geschlagen geben. Dennoch zog der Titel um 0,8 Prozent an. Der Anklagenbauer überraschte mit einem Gewinnanstieg. "Kaufen", rät die DZ Bank, denn Gea habe zuletzt wieder mehr Großaufträge an Land gezogen. Das größte Plus verbuchten TAG Immobilien, die sich um 0,9 Prozent verteuerten.

Im TecDax lassen Freenet nach einer Herabstufung ordentlich Federn und fallen um 6,1 Prozent. Die Citigroup hatte Zweifel an der Nachhaltigkeit der Gewinnentwicklung des Mobilfunkanbieters geäußert. Freenet war im ersten Quartal kaum vom Fleck gekommen und hatte ein stagnierendes Betriebsergebnis ausgewiesen.

Die Analysten vermuten, dass Freenet und auch der Rivale United Internet von der Übernahme von E-Plus durch Telefonica Deutschland (minus 0,4 Prozent) belastet werden. Im Gegenzug gehen die Analysten davon aus, dass Drillisch davon profitieren dürfte. Sie nahmen daher die Bewertung von Drillisch mit "buy" und einem Kursziel von 42 Euro auf. Für den Wert es hat das aber keinerlei Kursauswirkungen. Laut Insidern wird Telefonica sein Netz nur für Drillisch öffnen.

Jenoptik verbilligten sich weiter - und gaben 4,1 Prozent nach. Evotec ermäßigen sich ebenfalls um 4,1 Prozent. Gesucht waren indes Nemetschek, die 3,0 Prozent anziehen.

Quelle: n-tv.de

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