Wirtschaft
Der erste Schreck ist schnell überwunden: "Man darf das jetzt nicht hysterisch überbewerten."
Der erste Schreck ist schnell überwunden: "Man darf das jetzt nicht hysterisch überbewerten."(Foto: REUTERS)

Anleger verdauen den Schreck: Dax schließt im Plus

Die Jahresendrally kann weitergehen: Der Schock nach dem angekündigten Rücktritt des italienischen Regierungschefs ist schnell überwunden. Der deutsche Aktienmarkt steigt weiter optimistisch in Richtung Jahresende. Im Dax greifen die Anleger vor allem bei Namen wie Merck, K+S und Adidas zu.

Nach einem unterkühlten Wochenauftakt hat sich der deutsche Aktienmarkt aus der Unsicherheit gelöst: Der drohenden Regierungskrise in der drittgrößten Volkwirtschaft der Eurozone zum Trotz setzte der Dax seine Aufwärtsbewegung der vergangenen Tage abgeschwächt fort. Am Nachmittag drehte der deutsche Leitindex ins Plus und ging schließlich mit einem Aufschlag von 0,17 Prozent bei 7530,92 Punkten aus dem Handel. Der MDax rückte weniger deutlich nur um 0,02 Prozent auf 11.898,61 Punkte vor. Der TecDax verharrte hingegen wenig bewegt 0,49 Prozent im Minus bei 831,71 Punkten.

Anleger hätten sich im Tagesverlauf bei Dax-Ständen unter 7500 Punkten eingedeckt, hieß es aus dem Handel. Offenbar wollten die Investoren die unterkühlte Stimmung als Rücksetzer nutzen, um doch noch auf den Zug in Richtung Jahresendrally aufzuspringen. Dies sowie der positive Auftakt der Wall Street hätten den Dax zunächst stabilisiert und dann für moderate Gewinne gesorgt. "Negative Nachrichten scheinen derzeit am Markt abzuperlen, solange es sich nicht um etwas wirklich katastrophales handelt", sagte ein Börsianer. "Die Schmerzgrenze ist deutlich höher angesiedelt."

Europaweit löste die überraschende Rücktrittsankündigung des italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti zuvor einen breiten Ausverkauf bei Aktien und Staatsanleihen des Landes aus. Anleger fürchteten, dass die Sanierung der italienischen Staatsfinanzen einen Rückschlag erleidet. Die übrigen europäischen Aktienbörsen standen zwar ebenfalls unter Druck, kamen aber ebenso wie der Euro meist glimpflich davon.

Die Volatilitätsindizes für den deutschen und europäischen Aktienhandel, VDax und VStoxx, die die Nervosität der Anleger messen, schossen gleichzeitig um jeweils knapp 9 Prozent in die Höhe und notierten mit 16,77 beziehungsweise 18,67 Stellen so hoch wie zuletzt vor zwei Wochen. Während der Dax ins Plus vorrückte, notierte der Eurostoxx50 am Abend 0,3 Prozent schwächer bei 2594,94 Zählern, nachdem er zuvor bis zu 1,3 Prozent verloren hatte. An der Wall Street lag der US-Standardwerteindex Dow Jones bei Börsenschluss in Deutschland 0,2 Prozent im Plus.

Video

Angesichts der zurückliegenden 600-Punkte-Rally des Dax in den vergangenen drei Wochen sei ein größerer Rücksetzer durchaus wünschenswert und gesund, sagte ein Börsianer. Danach sehe es aber nicht aus. "Es fehlt weiterhin an der Anlagealternative und somit werden freie Gelder den Aktienmarkt hochhalten beziehungsweise gut unterstützen." Mit einem Plus von knapp 30 Prozent seit Anfang Januar steuert der Leitindex auf seine beste Jahresbilanz seit 2003 zu.

Bester Einzelwert im Dax waren die Aktien der Merck KGaA mit plus 1,49 Prozent. Gefragt waren zu Wochenbeginn insbesondere Titel wie K+S, Adidas, Linde und BASF. Die Aktien der genannten Unternehmen verbesserten sich in einer Bandbreite von plus 0,8 bis plus 1,2 Prozent.

Bei Bankenwerten sah das Bild weniger freundlich aus: Neben der Regierungskrise in Italien belastete ein Medienbericht diese europaweit. Demzufolge droht europäischen Kreditinstituten eine Klage der Europäischen Union wegen möglicherweise manipulierter Zinssätze. Im Sog dieser Entwicklung büßten die Titel der Commerzbank als Dax-Schlusslicht 1,64 Prozent ein. Die Aktien der Deutschen Bank gaben um 1,14 Prozent nach. Im MDax sackten die Titel der Aareal Bank um 4,3 Prozent ab.

Video

Die Aktien von ThyssenKrupp stiegen nach Medienberichten zum Stahlgeschäft und vor Zahlen mit plus 0,2 Prozent in etwa auf dem Niveau des Marktes. Am heutigen Montag beschäftigt sich eine Aufsichtsratssitzung mit den Stahlwerken in Amerika sowie dem Umbau des Vorstands. Die Vorzugsaktien von VW gewannen nach deutlich gestiegenen Auslieferungen im November 0,7 Prozent.

Die Papiere des Versicherers Talanx gingen nach zwischenzeitlich deutlichen Gewinnen prozentual unverändert aus dem Handel. Allerdings hatten sie bereits am Freitag mehr als zwei Prozent zugelegt. Der Börsenneuling steigt zur Wochenmitte in den MDax auf und ersetzt in diesem die Aktien der Douglas Holding.

Am deutschen Anleihemarkt fiel die Umlaufrendite börsennotierter Bundeswertpapiere von 1,03 Prozent am Freitag auf 1,00 Prozent. Der Rentenindex Rex stieg um 0,10 Prozent auf 135,47 Punkte. Der Bund Future verlor 0,10 Prozent auf 145,59 Punkte.

Der Kurs des Euro legte zu. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs gegen Mittag auf 1,2930 (Freitag: 1,2905) Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,7734 (0,7749) Euro.

Monti lässt Europas Märkte zittern

Der italienische Ministerpräsident Mario Monti hatte am Wochenende nach dem Verlust der Unterstützung durch die Partei seines Vorgängers Silvio Berlusconi überraschend seinen Rücktritt angekündigt. Berlusconi - dem die Märkte kaum eine glaubwürdige Sparpolitik zutrauen - erklärte, er kandidiere bei der voraussichtlich im Februar anstehenden Wahl erneut für das Amt des Regierungschefs.

"Berlusconi ist nicht der Grund für Italiens tiefsitzende und langanhaltende wirtschaftliche Probleme", sagte Nicholas Spiro, Chef des Anlage-Beraters Spiro Sovereign Strategy. "Aber er verkörpert geradezu die Funktionsstörungen der italienischen Politik." Finanzmarkt-Expertin Audrey Childe-Freedman von der Investmentbank BMO Capital Markets bedauerte den Rücktritt Montis. "Schließlich hatte er sich in den vergangenen zwölf Monaten eine hohe Reputation erarbeitet." Nun werde seine Sanierungsarbeit in Frage gestellt. Ein Aktienhändler warnte dagegen vor überzogenem Pessimismus. Schließlich stehe noch nicht fest, dass Berlusconi die Wahl gewinnen und ins Amt zurückkehren werde.

Vor dem Hintergrund des angekündigten Monti-Rücktritts rutschte der Leitindex der Mailänder Börse um bis zu 3,8 Prozent ab und lag am Abend immerhin noch 2,2 Prozent im Minus bei 15.354,01 Zählern. Der Ausverkauf am Rentenmarkt drückte den Terminkontrakt auf die zehnjährigen italienischen Staatsanleihen in der Spitze um fast drei volle Punkte auf 107,11 Stellen. Im Gegenzug stieg die Rendite der entsprechenden Bonds auf 4,909 Prozent von 4,545 Prozent am Freitag.

Gleichzeitig verteuerten sich die Kosten für eine Absicherung vor einem Zahlungsausfall Italiens per Credit Default Swap (CDS). So stieg die Prämie zur Versicherung eines zehn Millionen Euro schweren Pakets italienischer Staatsanleihen um 33.000 auf 288.000 Euro, wie der Datenanbieter Markit mitteilte.

In der Liga der europäischen Einzelwerte zählten die Finanzwerte zu den größten Verlierern, die üblicherweise besonders sensibel auf Nachrichten rund um die Schuldenkrise reagieren. So brach der italienische Bankenindex um bis zu 6,8 Prozent ein, sein Pendant der Institute der Euro-Zone gab 2,2 Prozent nach. Mit Kursverlusten zwischen 3,2 und 5,9 Prozent belegten die neun dort gelisteten italienischen Banken die ersten neun Plätze der Verliererliste. Erste Bank und Raiffeisen Bank verloren jeweils ein knappes Prozent.

Ins Rampenlicht rückte die Monti-Entscheidung auch die Aktien von Mediaset, der Medienkonzerns Berlusconis. Die Aktien legten in Mailand gegen den Trend 2 Prozent zu.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen