Wirtschaft
Der Tag nach der US-Wahl auf einen Blick: Freundlich gestartet, sorgenschwer abgerutscht.
Der Tag nach der US-Wahl auf einen Blick: Freundlich gestartet, sorgenschwer abgerutscht.(Foto: REUTERS)

Fast 145 Punkte abwärts: Dax schließt schwer im Minus

Es hätte ein Tag der klaren Kursgewinne werden können: Doch der Obama-Effekt verpufft am deutschen Aktienmarkt. Konjunkturdaten lassen die Stimmung kippen. Brüssel zweifelt an Frankreich. EZB-Chef Draghi warnt die Deutschen. Die Wirklichkeit holt die Börsen nach der Wahl schneller ein als erwartet.

"Amerika hat gewählt": Im Frankfurter Aktienhandel geht es abwärts.
"Amerika hat gewählt": Im Frankfurter Aktienhandel geht es abwärts.(Foto: REUTERS)

Der Tag nach der US-Wahl endet am deutschen Aktienmarkt mit schweren Kursverlusten: Der Leitindex Dax geht mit einem Abschlag von 1,96 Prozent bei 7232,83 Punkten aus dem Handel. Der MDax verliert 1,18 Prozent auf 11.518,31 Zähler. Lediglich der TecDax kann ein knappes Plus von 0,12 Prozent auf 814,11 Punkte ins Ziel retten.

Händler führten den starken Abgabedruck am Nachmittag unter anderem auf die schwache Eröffnung der New Yorker Wall Street zurück. Auslöser für den Stimmungsumschwung waren jedoch unerwartet schwache Konjunkturdaten aus Deutschland und Aussagen von EZB-Chef Draghi verschreckt Börsen , wonach die Euro -Krise nun auch die deutsche Wirtschaft zu belasten beginne. Dazu kamen Einschätzungen EU senkt Ausblick für die Euro zone zur Lage in den Euro -Staaten. Neben Spanien bekommt demnach auch Frankreich sein Defizit nicht in den Griff. Die Wachstumsprognosen für den Euro raum wurden gesenkt.

"Schneller als gedacht hat die Wirklichkeit uns wieder eingeholt", sagte ein Börsianer. "Zwar hat der klare Wahlausgang für Sicherheit gesorgt, doch nun richtet sich der Fokus schon wieder auf die weiteren, altbekannten Unsicherheitsfaktoren." Nach anfänglichen Gewinnen kippte die Stimmung auch an den europäischen Börsen, auch der Euro geriet unter Druck. Unter anderem warten Beobachter auf die Griechenland spart noch einmal am späten Abend über das neue Sparpaket der griechischen Regierung. "Zweifelsohne würde eine Ablehnung wohl den finanziellen Zusammenbruch Griechenlands besiegeln", sagte Commerzbank-Experte Lutz Karpowitz.

Mit einem Abschlag von 4,8 Prozent gehen Infineon als schwächster Dax-Wert aus dem Handel. Einen konkreten Auslöser für die Kursverluste konnten Händlern zunächst nicht nennen, verwiesen aber auf das zuletzt gute Abschneiden der Aktien. Infineon hätten seit Mitte Oktober gut 14 Prozent zugelegt, hieß es.

In einem deutlich geschwächten Leitindex kann sich nur ein einziger Name bis zum Abend im Plus halten: Die Aktien von BMW verbessern sich am Tag nach soliden Quartalszahlen um 0,6 Prozent. Getragen von der Erleichterung über die klare Wiederwahl Obamas und der Hoffnung auf eine steigende Nachfrage legten die Aktien der europäischen Auto- und Maschinenbauer zeitweise insgesamt überdurchschnittlich zu.

"Job-Aufbau heißt das Zauberwort für die US-Politik", sagte Marktanalyst Heino Ruland von Ruland Research. "Ein Ziel ist dabei die Re-Industrialisierung der USA. Davon profitieren vor allem der Maschinenbau und die Automobilindustrie." Das Wahlergebnis spiele hier aber nur eine untergeordnete Rolle, da bei der Wirtschaftspolitik der beiden großen US-Parteien kaum Unterschiede sichtbar seien.

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Nach starken Quartalsergebnissen, einer Munich Re übertrifft Erwartungen und zeitweilig starken Kursgewinnen beenden die Papiere des Rückversicherers Munich Re den Handelstag mit einem dünnen Minus von 0,2 Prozent. Mit einem Tageshoch von 132,00 Euro erreichten die Aktien im Verlauf den höchsten Stand seit etwa viereinhalb Jahren.

Finanzwerte wurden ansonsten abverkauft. Allianz-Titel verlieren 2,1 Prozent auf 94,32 Euro , für die Aktien der Deutschen Bank geht es gleich um 4,4 Prozent auf 34,38 Euro nach unten.

Versorgertitel stehen ebenfalls weit oben auf der Verliererliste: Anleger befürchten offenbar, dass die Gewinne die Unternehmen unter der Schuldenkrise weiter leiden werden. Eon-Titel geben 2,8 Prozent nach auf 16,79 Euro , RWE-Aktien fallen 2,8 Prozent zurück auf 34,17 Euro .

Im Nebenwerte-Index MDax legen Hochtief 3,1 Prozent zu. Anleger honorierten die Rückkehr des Baukonzerns in die Gewinnzone. Nach roten Halbjahreszahlen kehrte der Baukonzern im dritten Quartal wieder deutlich in die Gewinnzone zurück und hob zudem den Ausblick für den Umsatz und den Auftragsbestand an.

Die Aktien von Klöckner & Co ziehen 3,2 Prozent an. Der Stahlhändler legte zwar schwache Zahlen vor, verschärft aber nach dem fünften Verlust-Quartal in Folge sein Sparprogramm. Beim Autozulieferer ElringKlinger sorgen besser als erwartete Umsätze und ein dickeres Auftragsbuch für Kursgewinne von 1,8 Prozent.

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Die Titel von Axel Springer rücken ebenfalls nach Zahlen um 0,32 Prozent vor. Das Medienhaus hatte die großen Probleme im Printbereich nicht mit seinem schwächelnden Digitalgeschäft ausgleichen können. Dennoch bestätigte Unternehmenschef Mathias Döpfner die Jahresprognosen. Dagegen hatte der Chemikalienhändler Brenntag die Auswirkungen der Schuldenkrise in Euro pa zu spüren bekommen und senkte nach den Quartalszahlen den Jahresausblick. Die Aktien verlieren über eineinhalb Prozent.

Der Euro Stoxx50 schließt 2,24 Prozent tiefer bei 2479,10 Punkten und auch die Leitindizes in London und Paris verzeichnen signifikante Verluste. In New York zeigt sich der Dow Jones Industrial zum Handelsschluss in Euro pa rund2,4 Prozent im Minus.

Positive Urteile wecken die Zahlen der Großbank BNP Paribas. "BNP hat belegt, dass sie gegenwärtig die beste französische Bank ist", sagte ein Händler. Der Nettogewinn liege mit 1,3 Mrd. Euro rund 30 Prozent über der Konsensschätzung von Analysten. Der Kurs gewinnt gegen den Trend 1,1 Prozent.

Richtungswahl in der Wirtschaftssupermacht

Die Obama gewinnt US-Präsidentschaftswahl hatte zunächst für gute Stimmung an den Börsen gesorgt. "Der Wahlsieg von Barack Obama ist keine Überraschung", fasste ein Börsianer die Lage zusammen. "Aber wenigstens gibt es keine Hängepartie." Das von manchem Marktteilnehmer erhoffte Kursfeuerwerk blieb aus. Ökonomen und Investoren wie Analysten zur US-Wahl reagierten zurückhaltend auf den Wahlausgang. (Zum Wahl-Spezial bei n-tv.de)

Positiv quittierten die Investoren denn auch vor allem das eindeutige Ergebnis der Präsidentschaftswahlen. Vor allem wurde eine Situation wie im Jahr 2000 vermieden. Damals hatte erst Wochen nach der Wahl der Oberste Gerichtshof den Sieg von Bush über Gore festgestellt. Einige Beobachter sehen nun die Chance auf eine Jahresendrally an den Börsen. Mit der Wahl Obamas dürfte auch Notenbankchef Ben Bernanke im Amt bleiben. Die Aussicht auf eine weiterhin expansive Geldpolitik werde von den Börsen positiv aufgenommen, meinten Händler.

Skeptische Stimmen verwiesen dagegen auf Kongress bleibt geteilt . Nach der Wahlentscheidung rückt nun mit der Fiskalklippe der nächste potenzielle politische Stolperstein in den Blick, nachdem die Republikaner weiter das Repräsentantenhaus und die Demokraten den Senat kontrollieren. Allerdings gehen die Demokraten mit dem klaren Wahlausgang und Stimmenzuwächsen im Senat gestärkt in die Verhandlungen.

Sollten beide Seiten sich nicht einigen, würden zum Jahresbeginn 2013 automatisch die US-Staatsausgaben gekürzt und die Steuern erhöht in einem Umfang, der fünf Prozent der jährlichen US-Wirtschaftsleistung entspricht. "Dies könnte die US-Wirtschaft in eine erneute Rezession stürzen", warnt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Schmieding erwartet aber, dass sich beide Seiten noch unmittelbar vor dem Jahresende auf einen Kompromiss einigen.

Die Sanierung des Staatshaushalts ist auch nach Ansicht der deutschen Industrie die wichtigste Aufgabe Obamas. "Vorrangig ist es, den Staatshaushalt in Ordnung zu bringen und auf mittlere und lange Sicht so zu konsolidieren, dass Verwerfungen auf dem amerikanischen und den internationalen Märkten vermieden werden", erklärte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel.

Bilderserie

Am Rentenmarkt fällt die durchschnittliche Rendite börsennotierter Bundeswertpapiere von 1,14 Prozent am Vortag auf 1,13 Prozent. Der Rentenindex Rex steigt um 0,02 Prozent auf 134,44 Punkte. Der Bund-Future gewinnt 0,68 Prozent auf 142,72 Punkte. Der Euro gibt nach. Die Euro päische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,2746 (Dienstag: 1,2800) Dollar fest. Der Dollar kostet damit 0,7846 (0,7813) Euro .

Quelle: n-tv.de

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