Wirtschaft
Schnell noch ein paar Getränke: Die Unsicherheit greift um sich, kaum jemand wagt den Einstieg.
Schnell noch ein paar Getränke: Die Unsicherheit greift um sich, kaum jemand wagt den Einstieg.(Foto: REUTERS)

Eiskalter Börsentag in Frankfurt: Dax schließt tief im Minus

Tiefrote Trendpfeile weisen Anlegern am deutschen Aktienmarkt den Weg nach unten: Der erhoffte Anlauf auf die 8000 Punkte fällt aus. Die politischen Perspektiven in Spanien und Italien lösen wachsende Unruhe aus. Bis zum Abend kann sich der Dax davon nicht erholen

Nach dem Höhenflug zum Monatsende erlebt der deutsche Aktienmarkt einen harten Stimmungsumschwung: Sorgen um die politische Stabilität Spaniens und Italiens setzen den Finanzmärkten zu Wochenbeginn massiv zu. Auch die Quartalszahlen der Commerzbank sorgten für eine herbe Enttäuschung unter Anlegern.

Der Leitindex Dax geht am Abend mit einem Abschlag von 2,49 Prozent bei 7638 Punkten aus dem Handel Punkten und schließt damit auf dem niedrigsten Stand seit Ende Dezember. Der MDax verliert am ersten Handelstag der Woche von 1,41 Prozent nur wenig stabiler bei 12.577 Zählern. Der TecDax beschließt den Montag 0,83 Prozent tiefer bei 873 Punkten.

Die scharfe Abwärtsbewegung blieb nicht auf den deutschen Aktienmarkt beschränkt: Kräftigen Abgabedruck melden auch die übrigen europäischen Handelsplätze. "Das haben wir schon lange nicht gesehen", sagte ein Händler. Erste Erinnerungen an die Eurokrise würden wach. Auffallend sei, dass die Käufer der vergangenen Wochen zuschauten, wie die Gewinne abgegeben würden. Der Eurostoxx50 fiel auf den tiefsten Stand des Jahres und schloss knapp 3 Prozent im Minus bei 2629 Punkten. In Paris und London verbuchten die nationalen Indizes ebenfalls deutliche Verluste. Der New Yorker Leitindex Dow-Jones-Index notierte zum europäischen Börsenschluss 0,90 Prozent im Minus.

Das politische Madrid bebt

Börsianer erklärten die scharfen Rücksetzer mit neuen politischen Sorgen in der Eurozone, speziell wegen der in Spanien kursierenden Korruptionsvorwürfe gegen die Regierungspartei. Ministerpräsident Mariano Rajoy wird vorgeworfen, jahrelang Zahlungen aus Schmiergeldkassen erhalten zu haben. Der Chef der oppositionellen Sozialisten, Alfredo Perez Rubalcaba, forderte Rajoy zum Rücktritt auf. Der Leitindex in Madrid brach um 3,8 Prozent ein. "Ein drohendes Ende für Ministerpräsident Mariano Rajoy und seine Partei würde die derzeit laufende Haushaltskonsolidierung in Spanien untergraben", sagte Marktexperte Ishaq Siddiqi vom Broker ETX Capital.

Zusätzlich belastet wurde die Stimmung von den weiter steigenden Arbeitslosenzahlen in Spanien: 4,98 Millionen waren dort im Januar ohne Job - im Vergleich zum Dezember sind das gut 132.000 Menschen mehr. Die Probleme vieler Peripherie-Länder seien zuletzt ignoriert worden, sagte ein Händler. "Aber es war absehbar, dass das nicht lange gut gehen würde."

In Italien wird die Affäre um die Traditionsbank Monte Paschi zunehmend zu einem Thema der Innenpolitik. Anleger fürchten, dass die Affäre dem vom ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi geführten Mitte-Rechts-Bündnis Auftrieb gibt. Ende des Monats soll gewählt werden.

Angeführt von deutlichen Kursverlusten bei den Finanzwerten stürzte der italienische Leitindex um 4,5 Prozent ab. UniCredit, Banco Popolare und Monte Paschi verloren zwischen 8,3 und 4,3 Prozent. "Sowohl in Spanien als auch in Italien würden etwaige Regierungswechsel den eingeschlagenen Reform- und Konsolidierungskurs zur Disposition stellen", begründete Marktanalyst Gregor Kuhn von IG Markets die Nervosität der Anleger.

Mehr ein Luftholen als Absturz

Einzelne Händler machten charttechnische Faktoren und Gewinnmitnahmen dafür verantwortlich, dass der deutsche Leitindex seine Talfahrt am Nachmittag immer weiter beschleunigte. Nach Ansicht von Aktienstratege Yves Maillot von Natixis Asset Management sollte der Kurssturz an den Börsen aber eher als ein Luftholen der Investoren verstanden werden und weniger als Beginn eines Ausverkaufs.

Im deutschen Leitindex konnte sich bis zum Abend lediglich ein einziger Titel in der Gewinnzone halten: Die als defensiv geltenden Aktien von Fresenius verbesserten sich an einem stark unterkühlten Handelstag um 0,5 Prozent. Einen weiteren Indikator für die aufkommende Unsicherheit konnten Strategen im Edelmetallhandel ausmachen: Dort stieg der Preis für Gold um 8,40 Dollar oder 0,5 Prozent auf 1676,20 Dollar je Feinunze.

Schlusslicht im Dax waren die Aktien der Commerzbank, die nach überraschend vorgelegten Eckdaten um 5,9 Prozent auf 1,51 Euro abrutschten. Sonderbelastungen hatten das Institut im vierten Quartal tief in die roten Zahlen gedrückt. "Der Konzernverlust ist mit 720 Mio. Euro fast doppelt so hoch wie erwartet", sagte ein Händler. Die Konsensprognose liege bei 370 Mio. Euro. "Aber vielleicht spielt man die gleiche Karte wie bei der Deutschen Bank, nämlich dass alles Negative ins vierte Quartal gepackt wird und der Tisch danach sauber ist", vermutete ein anderer Händler. Deutsche Bank notieren in einem insgesamt sehr schwachen Gesamtmarkt 3,3 Prozent im Minus.

Die Papiere von RWE hingegen gaben nur um unterdurchschnittliche 0,78 Prozent nach. Laut Presseberichten erwägt der Versorger deutliche Ausgabenkürzungen, um seine Verschuldung abzubauen.

Vor dem Wochenende hatten ermutigende Konjunkturdaten aus Europa und den USA den Markt mit Zuversicht versorgt. Der deutsche Leitindex nahm seinen alten Rekordkurs wieder auf. Aktienstrategen überboten sich mit Einschätzungen, wann mit dem Fall der magischen 8000er-Marke zu rechnen sei. Die Wochenbilanz fiel dennoch knapp negativ aus.

"Der Dax will ja offensichtlich nicht zu weit weg nach unten vom Ausbruchsniveau bei 7900 Punkten. Der Zug nach oben dominiert weiterhin", meinte ein Händler am Morgen. Kursbewegende Impulse seien zum Wochenbeginn "dünn gesät", sagte ein anderer Händler.

Vorläufiges aus Hannover

Der weltweit drittgrößte Rückversicherer Hannover Rück rechnet 2013 mit einem Gewinn von rund 800 Mio. Euro. Für das vergangene Jahr geht Vorstandschef Ulrich Wallin weiter von Ergebnis in dieser Höhe aus. Die endgültigen Zahlen werden im März vorgelegt.

Bei den im Januar zur Verlängerung anstehenden Verträgen in der Schaden-Rückversicherung legt das Prämienvolumen moderat um 1 Prozent auf 3,8 Mrd. Euro zu, sagte Wallin in Hannover. Im maritimen Bereich stiegen die Prämien für die Abdeckung der Verpflichtungen aus den Schiffsversicherungen dagegen um 54 Prozent. Die Aktien von Hannover Rück notieren 2 Prozent im Minus bei 58,61 Euro.

Die Aktien von Aurubis stehen nach Veröffentlichung erster Ergebnisse zum ersten Quartal 2012/2013 unter Druck. "Bereinigt um die Sondereffekte liegt der Gewinn mit 76 Mio. über der Konsensprognose von 53 Mio. Euro", sagt ein Händler. Dies sichere die Aktie bislang jedoch nicht nach unten ab. "Vermutlich dominiert am Markt die Angst vor weiter niedrigen Metallpreisen, die auch die Ergebnisse im laufenden Quartal belasten könnten", meinte er. Der Aurubis-Kurs gibt 3,9 Prozent nach auf 55 Euro.

Nach einem Bericht der "Financial Times" über eine mögliche Aktienplatzierung geben ProSiebenSat.1 nach. Sie verlieren 3,3 Prozent. Der Zeitung zufolge haben die beiden Großaktionäre KKR und Permira die Großbank JP Morgan  beauftragt, die Optionen für einen Komplett-Ausstieg bei ProSieben auszuloten. Zum Kreis der potenziellen Käufer gehöre der US-Medienkonzern Time Warner, berichtet die Zeitung unter Berufung auf Insider weiter. Permira und ProSieben hätten sich zu diesem Thema nicht äußern wollen. Eine Stellungnahme von KKR lag zunächst nicht vor.

Minus 45 Prozent für Imtech

Millionenschwere Abschreibungen auf Projekte in Polen und mögliche Unregelmäßigkeiten dort schickten die Aktien von Imtech auf Talfahrt. Die Titel der niederländischen Ingenieursfirma brachen um bis zu 45,4 Prozent auf ein Rekordtief von 10,74 Euro ein. Das ist der größte Kursverlust der Unternehmensgeschichte. Dabei wechselten innerhalb der ersten zweieinhalb Handelsstunden mehr als 16-Mal so viele Imtech-Titel den Besitzer wie an einem gesamten Durchschnittstag.

Imtech hatte zuvor Abschreibungen im Volumen von 100 Mio. Euro auf sein Vergnügungspark-Projekt "Warsaw Adventure World" und ein geplantes Kraftwerk in Polen bekanntgeben. In diesem Zusammenhang seien zwei Direktoren der polnischen Dependance suspendiert worden. Das Unternehmen will außerdem die Dividende für 2012 streichen und warnte, dass es seine Kreditauflagen nicht mehr länger erfüllen werde. Verhandlungen mit den Gläubigern liefen bereits.

Am Rentenmarkt fiel die durchschnittliche Rendite börsennotierter Bundeswertpapiere von 1,39 Prozent am Freitag auf 1,38 Prozent. Der Rentenindex Rex sank um 0,01 Prozent auf 133,14 Punkte. Der Bund-Future stieg um 0,78 Prozent auf 142,69 Punkte. Der Kurs des Euro gab nach: Die Europäische Zentralbank setzte den Referenzkurs auf 1,3552 (Freitag: 1,3644) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,7379 (0,7329) Euro.

Quelle: n-tv.de

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