Wirtschaft
Ein Geschäftsmann spiegelt sich in einer Schaufensterscheibe vor einer Baustelle in Tokio.
Ein Geschäftsmann spiegelt sich in einer Schaufensterscheibe vor einer Baustelle in Tokio.(Foto: REUTERS)

Ölpreise unter 40 Dollar: Dax und Wall Street im China-Blues

Nach alarmierenden Exportdaten aus China regiert an den Börsen die Furcht vor einem Einbruch der Weltkonjunktur. "Die Leute sind sehr nervös", sagt ein Beobachter. Auch die Ölpreis-Rally stoppt abrupt.

Wie gewonnen, so zerronnen: Die zwischenzeitliche Aufholjagd im deutschen Leitindex ist am Dienstag schnell wieder beendet. Alles in allem dominierten die Sorgen um die Wirtschaft im Reich der Mitte.

Der Dax notierte zuletzt 0,8 Prozent leichter bei 9692 Punkten. Für den mittäglichen Kurssprung gab es keine Erklärung. Er könne keinen auslösenden Impuls ausmachen, sagte ein Händler. Auch andere Marktteilnehmer zuckten mit den Schultern. Ein Blick auf die anderen Asset-Klassen zeigte, dass weder Euro noch Bundesanleihen auf den Anstieg reagierten.

Das deutlich gestiegene Volumen in den Aktien-Futures spricht dafür, dass eine größere Kauf-Order durch den Markt ging. "Innerhalb von nur 2 Minuten wurden rund 50.000 Kontrakte im Euro-Stoxx-50-Future gehandelt", erklärte ein Derivate-Händler.

Es blieb bei einem kurzen Durchschnaufen. Der Börsentag insgesamt wurde überschattet von der Furcht vor einer Abkühlung der chinesischen Weltwirtschaft. Genährt wurden diese Konjunktursorgen vom Einbruch der chinesischen Exporte um ein Viertel. Die Analysten der Essener National Bank urteilten in einem Kommentar: "Die Fragezeichen hinsichtlich der künftigen Perspektive der chinesischen Wirtschaft bleiben bestehen."

Sie waren zusammen mit den sinkenden Ölpreisen bereits für den völlig verpatzten Jahresstart am deutschen Aktienmarkt verantwortlich. Die Ölpreise gerieten auch diesmal wieder mit in den Abwärtssog. Denn stottert die größte Wachstumslokomotive der Welt, benötigt die Industrie auch weniger Öl.

Zusätzlich drückten am Dienstag enttäuschende Firmenbilanzen auf die Stimmung. Hohe Verluste bei der britischen Tochter und ein pessimistischer Ausblick lasteten auch auf der RWE-Aktie. Die Titel notierten zuletzt 4,4 Prozent leichter. Zwischenzeitlich konnten die Papiere alle Verluste wettmachen. Die Anleger waren in der Bewertung offenbar zwiegespalten. Werte aus der als defensiv geltenden Versorgerbranche entwickeln sich in einem negativen Marktumfeld häufig überdurchschnittlich. Nach Aussage von RWE-Chef Peter Terium hat der Versorger die Talsohle zwar noch nicht durchschritten. Aber die Anleger nahmen die umfassenden Restrukturierungspläne für das britische Vertriebsgeschäft positiv auf, sagte Christian Riemann, Fondsmanager bei Veritas Investment - hier will RWE jede fünfte Stelle streichen. Die endgültigen Jahreszahlen überraschten Börsianer nicht.

Die Anleger hielten sich auch wegen der am Donnerstag anstehenden Leitzinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) bedeckt - starke Signale aus Deutschlands verarbeitendem Gewerbe konnten daran nichts ändern. An den Börsen gilt als sicher, dass die europäischen Währungshüter die Geldpolitik weiter lockern werden, um die drohende Deflation - eine Spirale fallender Preise und rückläufiger Investitionen -, abzuwenden. Dies bedeute aber auch, dass die EZB Gefahr laufe, wie im Dezember die hoch gesteckten Erwartungen zu enttäuschen, warnte Jochen Stanzl, Analyst des Online-Brokers CMC Markets.

Der Einbruch der chinesischen Exporte war bereits der achte Rückgang in Folge. "Die Daten aus China überraschen klar negativ", kommentierte ein Händler. Auch das Minus bei den Einfuhren bereitete Sorgen. "Der Konsum kommt nicht in Gang", sagte Marktanalyst Heino Ruland vom Brokerhaus ICF. "Die Regierung in Peking wird Schwierigkeiten haben, ihre Wachstumsziele zu erreichen." Die schwachen Außenhandelsdaten aus China liefern "guten Anlass zu Gewinnmitnahmen", sagten Händler weiter. Insgesamt deuteten die Daten auf "eine globale Wachstumsschwäche" bei den Hauptnachfrage-Regionen USA, Hongkong und der EU hin.

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Analysten werteten die Entwicklung bei den Ausfuhren vor allem als "weitere schlechte Nachrichten für die Auto-Industrie". Wie die "China Passenger Car Association" in der Nacht zudem mitteilte, gingen die Autoverkäufe im Februar um 3,7 Prozent zum Vorjahr zurück. "Damit verfestigt sich zumindest das Bild einer Marktsättigung", sagte ein Händler.

Zu den größten Verlierern im Dax gehörten entsprechend BMW mit minus 2,2 Prozent. Daimler und VW verloren 2,8 und 4,1 Prozent. Die VW-Aktie litt auch noch unter einem anderen Faktor: Die Wolfsburger hatten zudem die dritte Betriebsversammlung seit Bekanntwerden des VW-Abgasskandals. Betriebsratschef Osterloh beschrieb dort, was droht, wenn Volkswagen bei der Aufarbeitung des Abgas-Skandals in den USA scheitert. Sein Ausblick hat nicht nur VW-Mitarbeitern das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Darüber hinaus gab es auch Bewegung beim Pharma- und Chemiekonzern Merck, der im vergangenen Jahr mit Umsatz und Gewinn die Konsensschätzung von Analysten leicht übertroffen hat. Die Dividende liegt minimal unter der Konsensprognose. Die Aktie gab dennoch um 1,7 Prozent nach.

Der Hersteller von Duft- und Geschmacksstoffen Symrise im MDax blieb derweil mit dem Gewinn 2015 und mit der Dividende hinter den Erwartungen zurück. Der Aktienkurs fiel 1,8 Prozent. Im TecDax rutschten Dialog Semiconductor in der Spitze um annähernd sechs Prozent ab. Zuletzt notierten die Titel noch 3,4 leichter. Umsatz und Gewinn des Chip-Designers gingen im vierten Quartal zurück.

Der Technologiewerte-Index TecDax gab zuletzt 2,2 Prozent auf 1603 Punkte nach. Der MDax der mittelgroßen Werte büßte 1,4 Prozent ein auf 19.406 Zähler. Für den Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 ging es 0,6 Prozent auf 3002 Punkte runter.

Wall Street: US-Börsen im Minus

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Schwache Handelsbilanzdaten aus China sorgten an der Wall Street für Verkäufe. Wieder einmal bereitete die wirtschaftliche Verfassung der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft Sorgen. Das bekamen vor allem Aktien aus rohstoffnahen Sektoren zu spüren, weil China ein starker Rohstoffnachfrager ist. Hinzu kam, dass im Tagesverlauf stärkerer Druck auf die Ölpreise aufkam. Zu hören war daneben von technisch bedingten Verkäufen, weil der S&P-500-Index an die Widerstandszone 2000 bis 2030 Punkte herangelaufen sei. Im späten Handel verstärkte sich die Abwärtstendenz nochmals, weil auch die Ölpreise weiter nachgaben.

Der Dow-Jones-Index verlor nach fünf Tagen in Folge mit Kursgewinnen 0,6 Prozent auf 16.964 Punkte, der S&P-500 gab um 1,1 Prozent auf 1979 Zähler nach, der Nasdaq-Composite büßte 1,3 Prozent auf 4648 Punkte ein.

Am Aktienmarkt gehörten angesichts der Wende bei den Ölpreisen Titel wie Exxon und Chevron - am Vortag noch die großen Gewinner - zu den Verlierern. Mit Einbußen von gut 2 Prozent gaben sie einen Großteil der vorherigen Gewinne wieder ab. Chevron hatte zudem mitgeteilt, wegen des drastischen Verfalls der Ölpreise die Investitionen deutlich zurückzufahren. Baker Hughes fielen sogar um 5,4 Prozent zurück. Für Abwärtsdruck sorgten auch Verluste im Bankensektor - im Hinblick auf die mit Spannung erwarteten Beschlüsse der EZB am Donnerstag. Die Erwartungen einer weiteren Lockerung der Geldpolitik seien hier hoch gesteckt, so dass Enttäuschungspotenzial drohe, hieß es. Im Dow verloren Goldman Sachs 2,4 und JP Morgan 1,9 Prozent.

Der Kurs des Lkw-Herstellers Navistar verlor 12 Prozent, nachdem der Umsatz im ersten Quartal um 27 Prozent eingebrochen war. Shake Shack büßten 11,8 Prozent ein. Die Burgerkette hatte mit einem nicht überzeugenden Ausblick enttäuscht. Nike zeigten sich unbelastet davon, dass der Sportartikelhersteller seine Geschäftsbeziehungen mit dem Tennisstar Maria Scharapowa bis auf Weiteres eingestellt hat, nachdem die Russin positiv auf Doping getestet und zunächst gesperrt worden ist. Der Kurs stieg um 0,9 Prozent. Die Aktie des Modeunternehmens Urban Outfitters schoss um 16,1 Prozent in die Höhe. Das Unternehmen machte zuletzt überraschend starke Geschäfte mit seiner Marke Free People.

Rohstoffe: Rohölpreis wieder unter 40 Dollar

Auch die Rally der vergangenen Tage bei den Ölpreisen wurde kurz vor Handelsbeginn in den USA abrupt gestoppt. US-Leichtöl der Sorte WTI verbilligte sich um 4,3 Prozent gegenüber dem Vortagessettlement auf 36,28 US-Dollar. Zum Tageshoch betrug das Minus mehr als 5 Prozent.

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Die Nordseesorte Brent rasselte wieder unter die 40-Dollar-Marke. Zuletzt kostete ein Barrel 39,43 Dollar, 3,5 Prozent weniger. Der kuwaitische Ölminister will einem Einfrieren der Förderquoten zustimmen, sollten sich die wichtigsten Förderländer beteiligen, wie aus Medienberichten zu erfahren ist. Allerdings schließt der Minister auch explizit den Iran mit ein, der bereits mehrfach abgewunken hat. Unterdessen wurde bereits am Vortag in Ecuador bekannt, dass sich die lateinamerikanischen Ölproduzenten am Freitag zur Abstimmung ihrer Förderstrategie treffen wollen. Analysten bleiben jedoch skeptisch.

Noch am Montag hatte der Ölpreis einen kräftigen Satz nach oben gemacht. Am Markt machte sich Zuversicht breit, dass die Produktion des Rohstoffs weltweit gebremst werden könnte und die wichtigsten Förderländer ein Abkommen zur Drosselung der Ölflut zustandebringen könnten.

Umstritten ist unter den Experten, ob sich eine dauerhafte Wende zu höheren Ölpreisen andeutet oder ob es sich nur um eine kurzzeitige Preisbewegung vor einem erneuten Rückschlag handelt. "Das ganze Preistreiben steht natürlich auf sehr wackeligen Beinen", hieß es im täglichen Marktkommentar der Öltechnik-Seite Tecson.

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"Das Bild kann jederzeit wieder kippen, obgleich die preislichen Tiefststände wahrscheinlich mit den Januarpreisen gesetzt worden sind." Mit den Rohölpreisen sind auch die Ölprodukte für die Verbraucher in Deutschland wieder teurer geworden. 100 Liter Heizöl kosten je nach Quelle 45 bis 46 Euro im bundesweiten Durchschnitt (bei Abnahme von 3000 Litern, inkl. MwSt), das ist der höchste Preis in diesem Jahr. Allerdings ist das Preisniveau im langfristigen Vergleich immer noch günstig. Vor einem Jahr kostete die gleiche Menge Heizöl 65 Euro, vor zwei Jahren rund 80 Euro.

Gold zeigte sich mit 1267 Dollar je Feinunze auf dem Vorabendniveau. Der Goldpreis war zunächst neben den China-Daten auch von der näherrückenden Sitzung der EZB am Donnerstag gestützt worden, bei der Händler mit geldpolitischen Lockerungen rechnen, die Gold in die Hände spiele. Doch mit den fallenden Rohstoffpreisen gibt auch das Gold alle Aufschläge wieder ab. Im Tageshoch lag der Preis schon bei 1278 Dollar.

Das wichtige Industriemetall Kupfer verteuerte sich derweil nach Anfangsverlusten um 3,5 Prozent auf 5036 Dollar. Der Einbruch der Export- und Importzahlen in China verschärft laut Börsianern allerdings die Sorgen, dass der nach den USA zweitgrößten Volkswirtschaft ein deutlicher Rücksetzer droht. "Zusätzlich zu den Herausforderungen auf dem Binnenmarkt lastet eine zunehmende globale Nachfrageschwäche auf der chinesischen Wirtschaftsaktivität", schrieben die Analysten der NordLB in einem Kommentar.

Asien: Tokio und Shanghai im Minus

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Auch der japanische Aktienhandel hatte im Zeichen der schlechten China-Daten gestanden. Der Nikkei-Index für 225 führende Werte gab um 128,17 Punkte oder 0,76 Prozent nach und schloss bei 16.783,15 Punkten. Der breit gefasste Topix büßte bis zum Handelsschluss 14,18 Punkte oder 1,04 Prozent ein auf 1347,72 Zähler.

Marktbeobachter verwiesen vor allem auf den gestiegenen Außenwert des Yen, der die exportorientierten Unternehmen belaste. Die Aktien der ausfuhrstarken Autobauer Toyota, Honda und Nissan gaben zwischen 1,6 und 3,0 Prozent nach.

Geringere Auswirkungen hatten dagegen die revidierten Zahlen zur japanischen Wirtschaftsleistung im vierten Quartal. Die japanische Wirtschaft ist im Schlussquartal 2015 etwas weniger stark geschrumpft als angenommen. Wie die Regierung in Tokio auf Basis revidierter Daten bekanntgab, sank die wirtschaftliche Leistung des Landes vor allem wegen der schwachen Verbraucherausgaben um eine hochgerechnete Jahresrate von 1,1 Prozent.

Stärkeres Gewicht legten Analysten allerdings auf die Export-Daten aus China. Volkswirte verwiesen allerdings darauf, dass die drastischen Rückgänge wohl auch mit den Feiertagen zum chinesischen Neujahrsfest zusammenhängen könnten, die in diesem Jahr im Februar gewesen seien, 2015 indes größtenteils erst im März.

Auch an den übrigen asiatischen Börsen erwies sich das Handelsgeschehen als unsicher: Der Shanghai-Composite-Index schloss nach einem überwiegend schwachen Handel 0,1 Prozent fester bei 2901 Punkten. Zeitweise hatte der chinesische Börsenindex im Verlauf rund 1,6 Prozent im Minus notiert. In China belastete vor allem die Sorge, dass die Regierung die spekulativ aufgeheizten Immobilienmärkte des Landes abkühlen könnte.

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Der Immobiliensektor in Shanghai verlor zeitweise mehr als 3 Prozent. Die chinesischen Behörden hatten vor den Risiken der Verschuldung im Immobilienmarkt des Landes gewarnt. Der Bürgermeister von Chongqing, Huang Qifan, sagte, China könnte vor einem finanziellen Desaster stehen, sollte es lokalen Autoritäten erlaubt werden, Hauskäufe mit Maßnahmen wie der Reduzierung von erforderlichen Geldzahlungen anzukurbeln.

Devisen: Euro weiter über 1,10

Am Devisenmarkt spiegelte sich das gestiegene Sicherheitsbedürfnis in steigenden Wechselkursen für Yen und Franken wider. Der Euro hielt sich knapp über 1,10 US-Dollar. Zuletzt kostete die europäische Gemeinschaftswährung 1,1007 Dollar.

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Produktionsdaten aus Deutschland fielen stark aus, bewegten den Euro aber nicht. Mit 3,3 Prozent erhöhte sich die Produktion des verarbeitenden Gewerbes im Januar so stark wie seit Herbst 2009 nicht mehr. Besonders stark stieg die Aktivität am Bau, es wurden aber auch deutlich mehr Industriegüter hergestellt.

Unter Druck standen Währungen von Ländern, die wirtschaftlich besonders eng mit China verbunden sind. In erster Linie verlor der australische Dollar an Boden. Auslöser waren schlechte Zahlen vom chinesischen Außenhandel. Die Ausfuhren brachen im Februar ein, die Importe gingen abermals stark zurück.

Hinweis: An der Moskauer Börse ruht am Dienstag der Handel. Die russischen Aktienmärkte bleiben am "Internationaler Frauentag" feiertagsbedingt geschlossen.

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Quelle: n-tv.de

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