Wirtschaft
Es ist nicht nur der VW-Skandal: Der Dax fällt am Donnerstag zeitweise unter die Marke bei 9400 Punkten.
Es ist nicht nur der VW-Skandal: Der Dax fällt am Donnerstag zeitweise unter die Marke bei 9400 Punkten.(Foto: REUTERS)

Konjunkturangst greift um sich: Dax verliert kräftiger als der Dow

Die Angst vor einer Ausweitung des Abgas-Skandals mischt sich am Aktienmarkt mit neuen Konjunkturängsten: Gerüchte reißen die Aktien der Autobauer in die Tiefe. Eine breite Verkaufswelle erfasst beinahe den gesamten Leitindex. Im Dax gewinnt nur VW.

An den weltweiten Märkten dominiert weiter die Unsicherheit. Vor allem Sorgen um die weitere Entwicklung der Konjunktur verhinderte Kursgewinne. Anders als auf dem alten Kontinent konnten sich die US-Börsen im späten Handel aber deutlich von ihren Tiefs lösen. Zu verdanken war dies der Erholung der Ölpreise, in deren Gefolge auch die Aktien des Energiesektors zulegten.

In Frankfurt verlor der Dax 1,9 Prozent auf 9425 Punkte. Der Nebenwerteindex MDax schloss ebenfalls 1,9 Prozent schwächer bei 18.818 Zählern. Der Technologiewerteindex TecDax verabschiedete sich mit einem Minus von 1,5 Prozent bei 1687 Punkten in den Feierabend.

Der Dow-Jones-Index notierte zur Schlussglocke um 0,5 Prozent niedriger bei 16.201 Punkten. S&P-500 und Nasdaq-Composite büßten 0,3 und 0,4 Prozent ein. Die früher oder später anstehende Zinserhöhung werde am Markt gar nicht mehr als negativ wahrgenommen, sagte Colin Cieszynski, Analyst bei CMC Markets. Sorgen bereiteten den Anlegern vielmehr die Inflation und die Lage der Weltwirtschaft. Wenn die Zinswende noch länger auf sich warten lasse, schüre das Misstrauen, denn die Investoren fürchteten, dass die Dinge nicht so gut liefen wie sie sollten.

Caterpillar schockiert

"Mit Caterpillar wird ein weiterer Frühzykliker an der Wall Street abgestraft", sagte ein Aktienhändler. Der Baumaschinenhersteller musste erneut seine Umsatzprognose senken. In Europa zog es daraufhin den gesamten Sektor der Bauwerte ins Minus.

Unmittelbarer Auslöser der Abwärtsfahrt am deutschen Aktienmarkt waren jedoch die neu aufkommenden Unsicherheiten im Automobilsektor. Zusätzlich zur Angst vor einer erlahmenden Weltkonjunktur griffen am Nachmittag auch Sorgen um eine Ausweitung des Abgas-Skandals um sich.

Die Aktien des Münchner Autobauers BMW kippten nach Gerüchten um auffällige Abgaswerte bei einem BMW-Modell scharf ins Minus. Die BMW-Aktien schlossen am Indexende 5,2 Prozent im Minus bei 75,68 Euro. Vor Veröffentlichung des Berichts hatte das Papier noch mit rund 2 Prozent im Plus gelegen.

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Die Aktien von Daimler - zuvor ebenfalls weit oben auf der Gewinnerliste - verloren im Sog der Spekulationen um 4,4 Prozent. Die Investoren reagierten angesichts des Skandals um Abgasmanipulationen an Diesel-Fahrzeugen von Volkswagen in den USA extrem nervös auf jedes neue Gerücht, hieß es.

Abgas-Gerüchte erfassen BMW

Ausgangspunkt der jüngsten Spekulationen war ein Bericht über erhöhte Abgaswerte bei BMW. Wie die "Auto Bild" vorab aus ihrer Freitagsausgabe berichtete, werden angeblich beim BMW X3 xDrive die Grenzwerte überstiegen. Es gebe jedoch bei BMW "keine Funktion zur Erkennung von Abgaszyklen", betonten die Autoren. "Alle Abgassysteme bleiben auch außerhalb des Abgaszyklus aktiv", erklärte ein BMW-Sprecher. Die einsetzende Verkaufsbewegung ließ sich davon nicht aufhalten.

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Mit BMW und Daimler tauchte erneut auch Continental auf den Verkaufslisten auf: Die Conti-Aktien fielen um 3,1 Prozent. Die Schwäche im Autosektor belastete den gesamten deutschen Aktienmarkt. Im Dax kommen die Autoaktien auf eine Gewichtung von rund 17 Prozent. Den von dem Diesel-Desaster ausgehenden Schaden für die deutsche Wirtschaftsleistung stuft Berenberg-Analyst Holger Schmieding als überschaubar ein. Sollte allerdings das Qualitätsmerkmal "Made in Germany" unter der VW-Affäre leiden, könnte der Schaden höher ausfallen.

Volkswagen unter Beobachtung

Schwer wiegen in der Einschätzung vieler Börsianer auch die zunehmend düsteren Perspektiven im Hinblick auf eine erlahmende Weltkonjunktur. Die VW-Aktie konnte sich dennoch als einziger Dax-Titel in der Gewinnzone halten und mit plus 0,6 Prozent auf 112,15 Euro einen wenig rühmlichen Platz an der Indexspitze verteidigen. In der zweiten Reihe standen dagegen die Aktien von Unternehmen wie Leoni, Hella, Lanxess oder Dürr unter Druck, die direkt oder indirekt von der Automobilindustrie abhängig sind.

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Im Stühlerücken beim VW-Konzern hat der bisherige Porsche-Chef Matthias Müller Medienberichten zufolge angeblich die besten Chancen auf die Nachfolge von Martin Winterkorn. Die Entscheidung soll am Freitag bei einer Sitzung des VW-Aufsichtsrats fallen.

Neben den drohenden Absatzrückgängen im wichtigsten deutschen Industriezweig drücke die Abkühlung der chinesischen Konjunktur auf die Stimmung der Anleger, erklärte ein Börsianer. Auch auf die USA blickten sie mit Sorge, sagte Didier St. Georges, der bei beim Fondsanbieter Carmignac die Investitionsentscheidungen mitverantwortet. Die Verschiebung der US-Zinswende nähre Spekulationen, dass es der weltgrößten Volkswirtschaft schlechter gehe als gedacht.

Aufkommende Konjunktursorgen

Konjunkturpessimismus machte auch den Bergbauwerten zu schaffen. In London bricht der Aktienkurs von Glencore um bis zu 8,7 Prozent ein, nachdem der Kohlepreis am Mittwoch erstmals seit 2003 unter die Marke von 50 Dollar je Tonne gerutscht war. Glencore ist der weltgrößte Exporteur von Steinkohle.

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In Deutschland bekommen Anleger den Rückzug aus den Rohstoffwerten unter anderem im MDax zu spüren: Die Aktien des Stahlhändlers Klöckner & Co liegt seit Jahresbeginn bereits rund 20 Prozent im Minus. Am Donnerstag beendete die Klöco-Aktie den Tag mit einem Abschlag von knapp 8 Prozent.

Die Analysten von Warburg sehen momentan zwei Belastungsfaktoren: Zum einen sei der Spot-Stahlpreis im dritten Quartal gegenüber dem Vorquartal bereits um 6 Prozent gefallen. "Ein ständiger Preisverfall am Spotmarkt für Stahl ist für einen Stahlhändler wie Klöckner das schwierigste Umfeld", erklärte Warburg-Analyst Björn Voss. Zum anderen verharre die Nachfrage auf niedrigem Niveau.

Wall Street: Dicke Minuszeichen in den USA

An der Wall Street legten Aktien des Energiesektors im Windschatten der Ölpreise zu. Chevron und ExxonMobil stiegen um 1,0 und 0,6 Prozent. Für Schlumpeter ging es um 1,0 Prozent nach oben und für Apache um 1,6 Prozent.

Unternehmensmeldungen waren indes rar. Caterpillar stürzten um 6,3 Prozent ab. Microsoft und Baidu hatten vereinbart, dass Baidu.com in China zukünftig die standardmäßig eingestellte Suchmaschine für Nutzer von Microsofts Edge-Browser sein wird. Microsoft und Baidu stiegen je um 0,2 Prozent. Steelcase verbuchten ein Plus von 1,4 Prozent. Der Büromöbelanbieter hat die eigenen Erwartungen sowohl bei Gewinn als auch Umsatz übertroffen und auch der Ausblick fällt positiv aus.

Proto Labs übernimmt vier Geschäftssparten des deutschen 3D-Druckdienstleisters Alphaform, die Aktie legte 1,0 Prozent zu. Nach der Schlussglocke sollten noch Nike, Bed Bath and Beyond sowie Jabil Circuit einen Blick in die Quartalsbilanz gewähren.

Wenig Kaufargumente lieferten die aktuellen Konjunkturdaten: Die Auftragseingänge für langlebige Wirtschaftsgüter sind im August deutlich gesunken. Volkswirte hatten allerdings einen schlimmeren Rückgang erwartet. Zudem haben in der Vorwoche mehr US-Bürger erstmals Arbeitslosenhilfe beantragt, allerdings bleibt der Anstieg deutlich unter den Vorhersagen. Deutlich gefallen ist indes die Wirtschaftsaktivität in den USA, wie der Chicago Fed National Activity Index (CFNAI) für August belegt.

Der Absatz von Einfamilienhäusern ist unerwartet kräftig gestiegen. Die Zahl der verkauften Neubauten kletterte von Juli auf August um 5,7 Prozent auf eine Jahresrate von 552.000 Einheiten, wie das Handelsministerium mitteilte.

Asien: Nikkei holt Verluste nach

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Ein uneinheitliches Bild geben die Aktienmärkte in Ostasien ab. Nach einer dreitägigen Feiertagspause wird in Tokio erstmals in dieser Woche wieder gehandelt. Dabei werden die Verluste der Vortage an den Nachbarbörsen nachgeholt, ausgelöst vor allem von Sorgen vor einer flauen Wirtschaftsentwicklung in China. Der Nikkei-Index verliert 2,2 Prozent auf 17.668 Punkte, angeführt von Verlusten im Autosektor. In Sydney geht es dagegen um 0,9 Prozent aufwärts, während sich die chinesischen Plätze Schanghai und Hongkong uneinheitlich zeigen. In Schanghai steigen die Kurse leicht, in Hongkong fallen sie.

In Tokio werden vor allem Aktien aus dem Automobilsektor verkauft. Erstmals seit Bekanntwerden des VW-Abgasskandals können die Anleger darauf reagieren. Die ins Visier der Ermittlungen geratene Dieseltechnologie sorgt dafür, dass auch andere Hersteller von Dieselfahrzeugen kritischer gesehen werden, auch was ihre Absatzchancen betrifft. Die Autoindustrie könnte nun vor einem Schwenk von der Diesel- zur Benzintechnologie stehen, womöglich auch zu Hybrid- und Elektrofahrzeugen, sagt Fondsmanager Mitsushige Akino von Ichiyoshi Investment Management.

Rohstoffe: Öl im Plus

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Die Rohölpreise drehten mit den mauen Konjunktursignalen aus den USA zunächst ins Minus, erholten sich aber leicht. US-Leichtöl der Sorte WTI stieg um 1 Prozent auf 44,91 Dollar. Brent stieg um 0,9 Prozent auf 48,17 Dollar. Am Vortag hatte das US-Energieministerium einen überraschend deutlichen Abbau seiner Rohölvorräte gemeldet, was dem Ölpreis am Tag der Veröffentlichung der Daten zwar nicht half, Anleger aber mit Verspätung als positives Zeichen sahen.

Am heutigen Tag teilte der Datenanbieter Genscape seinen Kunden mit, dass sich die Rohölbestände im zentralen Öllager in Cushing in der Woche zum Dienstag um über 500.000 Barrel verringert hätten, berichtete ein Marktteilnehmer, der Einblick in die Daten hatte. Das Problem der Überversorgung werde ganz allmählich kleiner, zumindest in Nordamerika, und dürfte mit dem Rückgang der US-Schieferölförderung noch mehr an Bedeutung verlieren, sagte Norbert Rücker, Leiter der Rohstoffanalyse-Abteilung der Bank Julius Bär.

Devisen: Euro über 1,12 Dollar

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Der Euro kann von der großen Verunsicherung an den Finanzmärkten profitieren. Am späten Nachmittag nähert sich die Gemeinschaftswährung der Marke von 1,13 Dollar. Im späten Handel kostet der Euro 1,1296 Dollar. In der Nacht war der Euro noch zeitweise bis auf 1,1165 Dollar gefallen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs am frühen Nachmittag auf 1,1241 (Mittwoch: 1,1150) Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,8896 (0,8969) Euro.

"Die große Verunsicherung an den Finanzmärkten hat den Eurokurs gestützt", sagte Ulrich Leuchtmann, Devisenexperte bei der Commerzbank. Er verwies auf den Sturz des Brasilianischen Real auf ein Rekordtief und auf die Talfahrt der Aktienmärkte. Gefährlich werden könnten die wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten Brasiliens, falls sie auf andere angeschlagene Schwellenländer ausstrahlten, so Leuchtmann.

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"Der Euro wird derzeit bei Krisen gesucht, da die US-Notenbank angesichts anhaltender Turbulenzen in den Schwellenländern weiter auf eine Leitzinsanhebung verzichten könnte", so Leuchtmann. Von der EZB werde aber erst einmal keine weitere Lockerung erwartet. Präsident Mario Draghi hatte am Mittwoch deutlich gemacht, dass die Notenbank zunächst abwarten wolle.

Das stärker als erwartet gestiegene Ifo-Geschäftsklima für Deutschland im September sei in diesem Umfeld nicht entscheidend für die Kursgewinne gewesen. Die Unternehmensstimmung hatte sich trotz der Probleme in den Schwellenländern zum dritten Mal in Folge aufgehellt. "Getrübt wurden die Zahlen jedoch durch den Rückgang des Unterindikators für das für Deutschland besonders wichtige Verarbeitende Gewerbe", sagte Leuchtmann.

Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,73870 (0,72970) britische Pfund, 134,48 (134,03) japanische Yen und 1,0928 (1,0882) Schweizer Franken fest. Ein Kilogramm Gold kostet 31.980,00 (31 960,00) Euro. Die Feinunze Gold wurde in London am Nachmittag mit 1154,50 (1131,35) Dollar gefixt.

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Die Norwegische Krone sinkt nach ihrem Schwächeanfall in Reaktion auf die für viele Markteilnehmer überraschende Zinssenkung der Norges Bank erstmals seit 15 Jahren unter die Parität zur Schweden-Krone. Die Experten der Sydbank halten weitere Zinssenkungen für sehr wahrscheinlich angesichts des wegen der gesunkenen Ölpreise weiter schwachen Konjunkturausblicks für Norwegen. Die norwegische Notenbank senkte den Leitzins von 1,00 auf 0,75 Prozent und erreicht damit ein Rekordtief.

Für eine Schweden-Krone müssen aktuell 1,0051 Norwegische Kronen bezahlt werden. Vor dem Zinsentscheid waren es noch 0,9863. Im Jahreshoch Mitte Mai lag der Kurs der Schweden-Krone noch bei unter 0,90 Norwegischen Kronen.

Am Rentenmarkt geben Bundesanleihen leicht nach. Nach Einschätzung von Händlern reagieren sie auf den Ifo-Index bislang ebenfalls kaum. Ulrich Wortberg von der Helaba rechnet mit einer Fortsetzung der "Verschnaufpause" vom Vortag.

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Quelle: n-tv.de

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