Wirtschaft
Überraschend gute Konjunkturdaten haben den Dax erst am Handelsende angeschoben.
Überraschend gute Konjunkturdaten haben den Dax erst am Handelsende angeschoben.(Foto: REUTERS)

Ifo-Geschäftsklima treibt die Kurse: Dax wird zum Spätzünder

Der Start kam spät, aber dafür umso heftiger: Die Wirkung der Feiertage in New York und Tokio beschert dem deutschen Aktienmarkt zunächst einen gemächlichen Start. Dann fällt der Ifo-Index zum deutschen Geschäftsklima überraschend besser aus als erwartet, doch die Kurse klettern erst zum Handelsende

Nach einem anfänglich flauen Handel haben die deutschen Börsen dank guter Konjunkturdaten ihre Kursgewinne ausgebaut. Der Dax pendelte zunächst um die Nulllinie, legte dann aber um gut 0,9 Prozent auf 7309,13 Punkte zu. Der MDax ging zunächst 0,15 Prozent zurück, schwenkte dann aber mit einem Plus von 0,2 Prozent auf 11.408,08 Zähler in die Gewinnzone. Der TecDax schloß 0,2 Prozent fester bei 826,37 Punkten.

Dass sich die Anleger zunächst nicht aus der Deckung trauten, überrascht: Die Aussicht auf eine baldige Lösung für das griechische Finanzierungsproblem und eine überraschend gute Stimmung in den deutschen Unternehmen polsterten den Markt, sagten Börsianer. Zudem stieg der Ifo-Geschäftsklimaindex im November überraschend auf 101,4 Punkte von 100,0 Punkten im Vormonat. Das wichtigste deutsche Konjunkturbarometer war zuvor sechs Monate in Folge gefallen. Experten warnten aber vor zu viel Optimismus. Das färbte auf die Anleger ab, die sich in Zurückhaltung übten. "Der Anstieg des Ifo-Indexes ist eine positive Überraschung, aber wir sehen darin noch keine Trendwende für die deutsche Wirtschaft. Es ist eine Stabilisierung", sagte Volkswirt Christian Melzer von der Dekabank. 

Denn andere Konjunkturdaten bestätigen eine pessimistische Lagebeurteilung: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im dritten Quartal 2012 preis-, saison- und kalenderbereinigt nur noch um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt berichtete. Die Statistiker bestätigten damit ihre ersten Schätzungen. Zu Jahresbeginn war die deutsche Wirtschaft noch um 0,5 Prozent gewachsen und im zweiten Vierteljahr um 0,3 Prozent. Im Schlussquartal 2012 erwarten Experten bestenfalls Stagnation.

Der Dax schwenkte nach der Veröffentlichung des Ifo-Index zwar kurz in den grünen Bereich, startete dann aber erst im späten Handel durch. "Der Dax ist diese Woche schon so gut gelaufen. Da will sich vor dem Wochenende keiner mehr zu weit aus dem Fenster lehnen, auch wenn der Ifo-Index gut ausgefallen ist", sagte ein Frankfurter Aktienhändler. Seit Freitag vergangener Woche hat der Leitindex rund vier Prozent gewonnen - nun ruhen sich die Anleger offenbar darauf aus.

Da die Wall Street wegen des Feiertages "Thanksgiving" am Donnerstag geschlossen blieb, fehlten andere Impulse für die europäischen Börsen. Zudem schließt die Wall Street früher, viele Anleger haben sich über einen Brückentag bereits ins Wochenende verabschiedet. Der Einzelhandelssektor in den USA sorgte wegen des "Black Friday" - dem traditionellen Startschuss des Weihnachtsgeschäfts - jedoch für Bewegung.

Selbst Siemens profitiert vom Wochenendspurt

Siemens-Aktien starten mit einem Minus von 0,5 Prozent, holten dann aber in der allgemeinen Rally des Marktes ihre Verluste auf und gewannen am Ende gut 0,6 Prozent. Dabei muss der Industriekonzern sich Berichten zufolge noch vor Weihnachten bei einem eigens anberaumten "Krisengipfel" den Fragen eines verärgerten Großkunden stellen: Die Siemens blamiert sich . Auf der Agenda des Treffens soll unter anderem Fragen eines möglichen Schadenersatzes und das weitere Vorgehen wegen der Lieferverzögerung beraten werden.

Siemens hatte am Mittwochabend mitgeteilt, dass sich die Auslieferung der neuen ICE-Züge weiter verzögere. Ursache seien Probleme mit der Zugsteuerung. Die Deutsche Bahn erklärte, sie könne deswegen nicht die erhoffte Reserveflotte aufbauen. Ihr drohen daher in diesem Winter bei Schnee und Eis erneut Zugausfälle und Verspätungen. Eigentlich hatte Siemens die Auslieferung von acht Zügen zu Beginn des Winterfahrplans Anfang Dezember zugesagt.

Nachdem die Aktien der Commerzbank am Donnerstag noch gut sechs Prozent zugelegt hatten, übernahmen sie am Freitag mit einem Minus von 1,6 Prozent die rote Laterne im Dax. Auf der Gewinnerseite standen dagegen Bayer mit einem Plus von 1,6 Prozent. Ihren Höhenflug setzten Lufthansa fort. Sie verteuerten sich um 0,6 Prozent, nachdem die Analysten von Morgan Stanley das Kursziel für die Aktien der Fluggesellschaft angehoben hatten.

Im MDax verkauften die Anleger vor allem EADS-Papiere: Für den Luft- und Raumfahrtkonzern ging es um 1,5 Prozent abwärts. Grund ist eine Veränderung der Eigentümerstrukturen: Um ihren Anteil an der Rüstungsschmiede zu erhöhen, will die Bundesregierung laut "Handelsblatt" etwa drei Prozent der EADS-Aktien vom französischen Staat kaufen, den Rest von einer Investorengruppe. Die Bundesregierung bezeichnete den Bericht als Spekulation. Eine Folge des angeblichen Plans wäre aber, dass der Bund über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) nur noch 1,5 Prozent des EADS-Aktienpakets von Daimler übernehmen würde - auf den restlichen 13,5 Prozent seiner EADS-Anteile würde Daimler zunächst sitzenbleiben. Daimler will seit längerem die Hälfte seiner 15-prozentigen Kapitalbeteiligung an EADS verkaufen. "Daimler müsste dann Aktien über den Markt verkaufen. Das drückt den Kurs, weil das ein größeres Paket wäre", sagte ein Händler. Dennoch gewannen Daimler-Aktien 0,9 Prozent.

Eine Hochstufung stützte SMA Solar. Die Aktien verteuerten sich um gut 0,3 Prozent und waren damit einer der TecDax-Gewinner. Das Unternehmen habe mit einigen Herausforderungen zu kämpfen, aber die Ausstattung mit liquiden Mitteln sollte weitere Abwärtsrisiken dämpfen, schrieben die Analysten der HSBC. SMA haben seit Jahresbeginn mehr als 60 Prozent an Wert eingebüßt. Am Donnerstag hatten die Papiere 0,2 Prozent fester bei 15,94 Euro geschlossen.

Am sogenannten "Black Friday" - dem Tag nach "Thanksgiving" - findet an der Wall Street und am US-Anleihemarkt nur ein verkürzter Handel statt. Die US-Börsen gehen bereits um 19 Uhr (MEZ) ins Wochenende. Der Bond-Markt beendet den Tag um 20 Uhr (MEZ).

In Tokio bleibt die Börse wegen des Feiertags "Arbeitsdank" vor dem Wochenende komplett geschlossen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen