Wirtschaft
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Dax steht unruhige Woche bevor: Hohe Volatilität lässt selbst Profis zittern

Selbst wenn es gute Nachrichten aus der Wirtschaft gibt, verpuffen die derzeit fast ungehört an den Märkten. Die Investoren scheinen sich nur noch am volatilen Ölpreis zu orientieren. Die Schwankungen könnten zum Durchbrechen entscheidender Schwellen im Dax führen.  

Rosige Zeiten stehen Aktionären in Dax & Co auch in der kommenden Woche nicht bevor. Zu Investitionen in die Aktienmärkte gibt es schlichtweg kaum einen Grund. Milliardenverluste bei der Credit Suisse oder Milliardenkapitalerhöhungen bei Arcelormittal zeigen, dass die Börsen derzeit eher das Geld der Anleger verbrauchen als neues zu erwirtschaften. Und selbst mit Rekordgewinnen wie bei Daimler ist kein Staat mehr zu machen - die Börse glaubt einfach nicht, dass solche Erfolge noch einmal wiederholbar sind. Damit sind die Börsen fast in den Depressionsmodus übergegangen.

Gute Nachrichten verpuffen völlig, so wie die Reaktion auf einen sehr guten Einkaufsmanager-Index für den Servicebereich in China zeigte. Das Reich der Mitte wird aktuell nur als Lieferant schlechter Nachrichten für den Markt gebraucht. Und Kursgewinner finden sich oft nur in Aktien, die als "Einäugiger unter den Blinden" in ihrer Branche hervorragen. So wie die BNP Paribas nach eher mittelprächtigen Quartalszahlen deutlich zulegen konnten. Für die Feierlaune reichte schon aus, keine Desaster produziert zu haben wie die Wettbewerber UBS, Credit Suisse und Deutsche Bank. Frustrierte Profis im Käuferstreik

Dazu belasten den Markt Phänomene wie eine historisch nicht gesehene Abhängigkeit der Aktienbörsen vom Ölpreis. Diese sogenannten Korrelationen bewegen sich je nach Berechnungsmethode zeitweise auf Allzeithochs. "Auf Dax und Euro-Stoxx brauche ich gar nicht mehr zu schauen", sagte ein Frankfurter Händler im Wochenverlauf: "Der Dax folgt ja mit jedem Tick den Öl-Futures".

Viele Anleger ziehen sich zurück

Bei professionellen Anlegern steigt damit der Frust beim Investieren. Die Suche nach aussichtsreichen Einzelaktien macht wenig Sinn, wenn sich ihre Kursentwicklung letztendlich doch nur der Ölpreisrichtung unterwirft. Dazu kommen die brachialen Kursausschläge im Intraday-Geschäft, die schnell zu ungewollten Kursverlusten führen. "Wegen der extrem hohen Volatilität vor allem im Ölpreis hat kaum einer Lust, selbst bei optisch billigen Kursen zuzugreifen", so ein anderer Händler: "Er muss ja damit rechnen, sofort wieder ausgestoppt zu werden". Per Saldo berichten Händler von Investmentbanken daher, dass sich viele ihrer Anlagekunden aus dem Markt zurückgezogen haben. Sie fielen damit als stützende Käufergruppe aus. Der Markt sei daher zum Spielball von sehr kurzfristig orientierten Tradern und Computer-Algorithmen geworden.

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Mist solchen Marktphasen muss die Börse leben, kritisch wird es jedoch an entscheidenden Kursmarken - so wie jetzt der 9.300er-Schwelle im Dax. Seit Jahresanfang 2015 markierte sie die Untergrenze für den Index und bildete eine markante Unterstützung. Allein die hohe Volatilität mit Tagesschwankungen von rund 150 Punkten könnte dann ausreichen, dem Markt einen Durchbruch nach unten zu suggerieren und entsprechende Folgeverkäufe auszulösen.

Größere Unterstützungen hat der Dax dann nach unten nicht mehr: Nach der angeblich psychologisch wichtigen 9.000er-Marke hieße die nächste Station gleich 8.600 Zähler. Die Klarheit dieser Marken sorgt zusätzlich für einen Käuferstreik bei institutionellen Anlegern: Denn warum jetzt zugreifen, wenn die Dax-Mitglieder demnächst in diesem Bereich wieder viel billiger zu haben sind. 

Interpretation des US-Arbeitsmarktberichts entscheidend

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Der Umgang des Marktes mit dem US-Arbeitsmarktbericht vom Freitag dürfte daher in der kommenden Woche zum Lackmustest für die Psyche der Börsianer werden. Denn seine Interpretation - nicht die Daten selber - wird zeigen, wie die Börsen drauf sind. Gute Daten könnten positiv interpretiert werden als Konjunkturstärke oder negativ als Angst vor schnellen US-Zinserhöhungen. Aus schwachen Daten kann die Hoffnung auf langsame Zinserhöhungen gelesen werden oder eben die Sorge vor einem Abtauchen der US-Wirtschaft. Ob Europa und besonders der exportlastige Dax davon profitieren kann, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Denn ein schwacher Dollar wegen aufgeschobener Zinsängste heißt gleichzeitig starker Euro. Und den mögen die Börsianer hierzulande gar nicht. 

Hoffnung in diesem Umfeld machen jedoch entspannte Aussagen von Anlegern, die sich dank ihrer Unabhängigkeit und tiefer Taschen leisten können, auch Markteinbrüche auszusitzen. So betont Benjamin Melman, Leiter der Asset Allocation bei Edmond de Rothschild Asset Management in Frankreich, dass die negative Marktstimmung bei Aktien fundamental nicht begründbar sei: "Das globale Marktumfeld hat sich nur geringfügig verschlechtert. Damit lässt sich der gravierende Umschwung der aktuellen Marktlage nicht erklären". Melman geht davon aus, dass die Märkte irgendwann wieder zu den Fundamentaldaten zurückkehren werden. Er bleibt daher bei Aktien übergewichtet und bevorzugt besonders Dividendentitel und zyklische Werte aus der Eurozone.

Auch beim Fondsverwalter Fidelity glaubt man an eine Erholung und erhöht daher sogar die Übergewichtung von Aktien im Portfolio. Das wirtschaftliche Umfeld sei für Aktien günstig und die Anlegerstimmung nunmehr auf einem Niveau, "das an Panik grenzt". Auch hier ist man in europäischen Aktien übergewichtet. Unter den einzelnen Branchen heben sie die Gewichtung von Technologie- und sogar Energie-Titeln an. Gerade die Energieunternehmen legten derzeit eine sehr hohe Kostendisziplin an den Tag, begründen die Fidelity-Manager ihre Entscheidung zugunsten der momentan unbeliebten Branche.

Quelle: n-tv.de

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