Wirtschaft
Ein Anti-Kriegs-Aktivist demonstriert mit Masken von US-Präsident Obama und Ex-Präsident Bush.
Ein Anti-Kriegs-Aktivist demonstriert mit Masken von US-Präsident Obama und Ex-Präsident Bush.(Foto: REUTERS)

US-Militärschlag auf Eis?: Diplomatie beflügelt Dax

Aktienanleger wetten auf einen Sieg der Diplomatie in Syrien. China-Daten geben zusätzlich Rückenwind. Händler sind euphorisch: Der Dax nähert sich den Augusthochs. Überflieger sind Lufthansa. Viel Bewegung ist in K+S. Hier häufen sich kursbewegende Nachrichten.

Europas Aktienanleger haben auf einen Sieg der Diplomatie in Syrien gesetzt. Russischen Angaben zufolge hat die syrische Regierung den Vorschlag Moskaus angenommen, ihre Chemiewaffen unter internationale Kontrolle zu stellen. "Ein Militärschlag steht damit wohl erst einmal nicht vor der Tür und davon profitieren die Märkte ordentlich," sagte ein Händler. US-Präsident Barack Obama hatte zuletzt erklärt, ein solcher Kompromiss mit Syrien könne der Durchbruch für eine diplomatische Lösung sein. Zusätzlichen Auftrieb erhielten die Börsen von ermutigenden chinesischen Konjunkturdaten.

Der Dax schloss 2,05 Prozent höher bei 8446 Punkten. Der MDax stand mit 1,2 Prozent im Plus bei 14.833 Punkten. Für den TecDax ging es 1,6 Prozent auf 1063 Punkte aufwärts. Auch der Euro-Stoxx-50 zog 1,9 Prozent an auf 2.851 Punkten.

Marktanalysten beurteilten besonders die Lage im Euro-Stoxx-50 positiv: "Einem Durchmarsch auf wieder ganz neue Jahreshochs über 2855 steht jetzt nichts mehr im Wege", heißt es in den Mußler-Briefen. Neben dem Euro-Stoxx-50 sei nun aber auch der Dax aus der jüngsten Handelsspanne nach oben ausgebrochen.

Wegen der Aussicht auf eine diplomatische Lösung hat der Senat eine für Mittwoch geplante Abstimmung über einen Militäreinsatz verschoben. Für die Aktienmärkte seien dies positive Nachrichten, hieß es. Anleger hätten damit wieder die Möglichkeit, sich auf den zuletzt positiven Nachrichtenfluss außerhalb Syriens zu konzentrieren.

China nimmt wieder Fahrt auf

Gut kamen auch positive Konjunkturdaten aus China an, die weiterhin auf eine konjunkturelle Stabilisierung hindeuten. "Die Nachrichtenlage von China bis Syrien ist einfach klasse", kommentierte ein Händler. Die chinesische Industrieproduktion wuchs im August um 10,4 Prozent. Experten hatten lediglich mit einem Plus von 9,9 Prozent gerechnet. Die Einzelhandelsumsätze überraschten mit einem Anstieg von 13,4 Prozent ebenfalls positiv.

"Damit wären zwei Sorgenkinder auf einen Schlag vom Tisch", ergänzte ein anderer Händler mit Blick auf die China-Daten und die sich abzeichnende Syrien-Lösung. Seit dem Vorschlag der Russen deute sich eine gesichtswahrende Möglichkeit für US-Präsident Obama an, auf einen Angriff auf Syrien zu verzichten. Der Dax habe damit die Chance auf eine Rally.

Spitzenreiter im deutschen Leitindex waren Lufthansa. Die Aktien verteuerten sich um 5,9 Prozent. "Weil die Furcht vor einer Eskalation der Syrien-Krise nachlässt, sinkt der Ölpreis und das ist wiederum gut für die Lufthansa", sagte ein Händler. Die richtungsweisende Rohöl-Sorte Brent  aus der Nordsee und auch das leichte US-Öl WTI verbilligten sich um jeweils knapp einen Dollar je Barrel. Auch der als Krisenbarometer bekannte Goldpreis gab nach. Er fiel um rund 10 Dollar auf knapp 1.380 Dollar je Feinunze.

K+S rudert nach Uralkali-Aussagen zurück

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K+S machten nach einer deutlichen Aufwärtsbewegung und einem Anstieg um annähernd 5,0 Prozent kehrt. Zuletzt notierten sie 3,6 Prozent höher. Hintergrund sind die Aussagen des russischen Düngemittelproduzenten Uralkali. Das Unternehmen legte seinen Halbjahresbericht vor und äußerte sich zur künftigen strategischen Ausrichtung. Der Finanzchef des Unternehmens gab bekannt, an der angekündigten Kapazitätserweiterung festzuhalten.

Zuvor hatte neben dem allgemein positiven Marktsentiment eine Studie von Morgan Stanley den Kurs gestützt. Diskussionen mit Investoren legten nahe, dass einige Anleger der Meinung seien, dass ein Besitzerwechsel bei Uralkali zu einer Wiederaufnahme der Beziehungen mit Belaruskali führen könnten.

Damit würde zugleich die Chance auf eine Wiederbelebung des BPC-Kartells steigen, das Uralkali am 30. Juli für beendet erklärt hatte. Am Vortag waren Berichte über einen Ausstieg von Suleiman Kerimov bei Uralkali Anlass für Kusgewinne von mehr als 8 Prozent. Auch andere Aktien von Düngemittelherstellern zogen kräftig an.

Continental setzten ihre Rally fort und sprangen erneut auf ein Allzeithoch. Seit dem Sprung über das Hoch von 2007 bei rund 100 Euro kennt die Aktie offenbar nur noch den Weg nach oben. Vom Tief im Jahr 2009 bei rund 15 Euro hat sie sich fast versiebenfacht. Rückenwind geben derzeit die Nachrichten von der IAA. Hier hat der Autozulieferer seine Prognose für 2013 bestätigt und erwartet für 2014 eine leichte Verbesserung der Lage am Automarkt. Die Aktie notierte 2,6 Prozent höher. Die Titel der Zulieferer Leoni oder ElringKlinger legten 4,7 bzw. 1,2 Prozent zu.

Infineon steigen mit Auto-Rally

Infineon mischten sich mit 3,1 Prozent unter die Dax-Spitze. "Das haben sie aber nur ihrer Eigenschaft als Autozulieferer zu verdanken - nicht etwa irgendwelchen Hoffnungen auf Apple", sagte ein Händler mit Blick auf die iPhone-Vorstellungen im späteren Tagesverlauf. Der Beitrag von Apple zum Infineon-Umsatz sei "bestenfalls marginal", dagegen überwiege  die Zulieferung zu Bordkomponenten von Autos. In der Branche trieben die Hoffnungen auf eine Bodenbildung am Markt, der Stoxx-Auto-Index steht mit 2,6 Prozent an der Spitze in Europa

"Infineon sind auch in vielen Indizes noch falsch als Halbleiter- oder Chip-Wert zugeordnet, eigentlich gehören sie in Auto-Indizes", so ein anderer Händler. Dies sorge häufig für Fehleinschätzungen. Andere Zulieferer wie Continental und Leoni steigen ebenfalls deutlich.

Automesse IAA

Wenig Neues sehen Händler derzeit in den reichlich vorhandenen Nachrichten aus der Automobilbranche. "Rund um die IAA wird man immer erdrückt von einer Fülle von Interviews, Aussagen und Meldungen", sagte ein Händler. Neues sei "in diesem Rauschen" bislang nicht zu erkennen. So rechneten BMW und Honda mit einer Fortsetzung der Schwäche im deutschen Automarkt mindestens noch bis kommendes Jahr. Ford hatte zuvor davon gesprochen, der europäische Autoabsatz habe möglicherweise bereits die Talsohle durchschritten. Die Titel von BMW kletterten 1,2 Prozent.

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VW-Aktien könnten eventuell besser laufen angesichts eines Absatzplus von 3,6 Prozent zum Vorjahr im Zeitraum Januar-August. Am Abend gehörten sie mit plus 4,1 Prozent hinter den Titeln der Lufthansa zu den Spitzenreitern.

"Per Saldo war die IAA aber immer der Top eines Aktienzyklus für Autowerte", warnte ein anderer Händler. Trotz des Ausbruchs von Aktien wie BMW auf ein neues Allzeithoch ist er skeptisch. Als ehemals "sicherer Hafen" sollten Premium-Hersteller nun eher gemieden werden: "Wer auf eine Absatzerholung und Bodenbildung setzt, sollte nun lieber zu den Massenherstellern greifen", so seine These.

Nach oben ging es auch für die Deutsche Börse mit einem Plus von 1,7 Prozent. Die von elf EU-Ländern geplante Finanztransaktionssteuer scheitert möglicherweise an rechtlichen Hürden. Der juristische Dienst der Europäischen Union meldete Zweifel an ihrer Rechtmäßigkeit an. Einige Anleger hofften jetzt wohl darauf, dass die Steuer nicht so komme wie geplant, sagte ein Händler.

Salzgitter durchbricht 200-Tage-Linie

Die Aktie des Stahlkonzerns Salzgitter profitiert Händlern zufolge vom guten Umfeld für konjunktursensible Werte nach überzeugenden Wirtschaftsdaten aus China - und vom Konzernumbau, den Vorstandschef Heinz Jörg Fuhrmann dem Wall Street Journal Deutschland in Details angekündigt hat.

"In Erwartung dieser Details haben wir die Aktie bereits seit einigen Tagen auf der Kaufliste", heißt es von einem Broker. Dass ein Umbau komme, sei bereits bekannt gewesen. Mit dem Bericht habe das Papier die 200-Tage-Linie nach oben durchbrochen, so ein anderer Teilnehmer. Da die Nachricht erwartet worden war, seien nun Gewinnmitnahmen wahrscheinlich, ergänzte der Händler. Seit Anfang August hat die Aktie von 25,20 Euro auf rund 32 Euro zugelegt. Zuletzt lagen Salzgitter Aktie 3,4 Prozent im Plus.

Nordex schnellen in die Höhe

Im TecDax sind Nordex nicht zu bremsen: Die Titel des Windturbinenbauers verteuerten sich 8,1 Prozent, den höchsten Stand seit Januar 2010. Nordex hat den Zuschlag für den Bau eines italienischen Windparks erhalten, die Errichtung der sieben Anlagen soll ab Frühjahr 2014 erfolgen. "Dass Nordex die Ausschreibung gewonnen hat, war der Auslöser für den Kursanstieg - jetzt will die Charttechnik den Kurs bei zehn Euro sehen", sagte ein Händler.

Die Insolvenz des schwäbischen Windparkentwicklers Windreich tat der Kauflaune keinen Abbruch. "Bei Nordex läuft es rund und das ist alles, was zählt", sagte der Börsianer. Die Aktien haben seit Jahresbeginn mehr als 200 Prozent zugelegt.

Norwegischer Staatsfonds im Rampenlicht

Interessant war für Anlagestrategen auch der Wahlsieg der Konservativen bei den Parlamentswahlen in Norwegen: Wie die WGZ-Bank anmerkte, hat die designierte Regierungschefin, Erna Solberg, Steuererleichterungen und zusätzliche Infrastrukturinvestitionen in Aussicht gestellt. Darüber hinaus soll der 740 Milliarden Dollar schwere Ölfonds des Landes - der größte Staatsfonds der Welt - umstrukturiert werden.

In der Diskussion seien eine breitere Diversifikation, eventuell auch eine Aufspaltung des Fonds, und mehr Investitionen in reale Aktiva. Mehr als 60 Prozent des Fonds werden in Aktien gehalten. "Mögliche Änderungen in der Anlagepräferenz sind durchaus von Relevanz für die Märkte", sagte ein Händler. Bis darüber Klarheit bestehe, werde es vermutlich Wochen dauern.

Unterstützung für den Aktienmarkt kommt auch noch von einer anderen Front: Nach dem schwachen US-Arbeitsmarktbericht vom vergangenen Freitag haben die Aussichten auf einen vorgezogenen Ausstieg aus den Wertpapierkaufprogrammen durch die US-Notenbank etwas an Schärfe verloren. Die meisten Beobachter erwarten nun, dass die Währungshüter der Federal Reserve (Fed) bei ihrer Sitzung am 18. September eine Drosselung der Wertpapierkäufe um 10 Milliarden auf 75 Milliarden Dollar monatlich beschließen wird. Vor dem Bericht lag die Erwartung bei 20 Milliarden Dollar.

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Quelle: n-tv.de

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